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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.04.2010

Rauf Ceylan: Rolle der Imame wird unterschätzt

Religionswissenschaftler setzt sich für Imamausbildung in Deutschland ein

Rauf Ceylan im Gespräch mit Ita Niehaus

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Merkez-Moschee in Duisburg (AP)
Merkez-Moschee in Duisburg (AP)

Der Sozial- und Religionswissenschaftler Rauf Ceylan fordert, Imame stärker in öffentliche Debatten einzubinden. Imame seien die theologische Referenz unter den Muslimen und könnten daher beispielsweise darauf hinweisen, dass Demokratie und Islam kompatibel seien oder Zwangsheiraten im Islam nicht erlaubt seien.

Ita Niehaus: Rund 2000 Imame, also muslimische Geistliche, gibt es in Deutschland. Die große Mehrheit von ihnen sind sogenannte Importimame, das heißt, sie kommen vor allem aus der Türkei oder aus den arabischsprachigen Herkunftsländern der muslimischen Gemeinden. Viele von ihnen sprechen kein Deutsch und die deutsche Kultur ist ihnen auch fremd.

Bisher ist nur wenig bekannt über die Imame, die in den Moscheen die Freitagspredigten halten und den Kindern Koranunterricht geben. Dabei üben die muslimischen Geistlichen einen großen Einfluss auf die Gläubigen aus - nicht nur als Vorbeter.

Professor Doktor Rauf Ceylan, Sozial- und Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück und als Sohn kurdischer Migranten in Duisburg geboren, hat über Hintergrund und Alltagsleben der Imame in Deutschland geforscht. Sein Buch über "Die Prediger des Islam" ist gerade erschienen.

Vor der Sendung fragte ich Professor Doktor Rauf Ceylan: Wenn es Imame gibt, denken viele immer noch als erstes an Hassprediger. Was haben Sie bei Ihrer Untersuchung herausgefunden? Wer predigt denn nun vor allem den Islam in Deutschland?

Rauf Ceylan: Die sogenannten Hassprediger sind Gott sei Dank in der Minderheit. Überwiegend sind es konservative Imame, noch ein kleiner Teil an intellektuell progressiven Imamen, die in Deutschland den Islam hier predigen. Das sind so gut über 90 Prozent.

Niehaus: Sie nennen diese Gruppe der traditionell konservativen muslimischen Geistlichen ja auch die Preußen unter den Imamen. Warum? Was zeichnet diese Imame aus?

Ceylan: Es gibt sehr viele Parallelen. Also Obrigkeitsgläubigkeit, traditionelle Rollenvorstellungen, Autoritätsgläubigkeit, sehr positive Beziehung zum Staat. Das sind alles so Kriterien, Merkmale, die sehr ähnlich sind mit preußischen Werten.

Andererseits muss man sagen, dass gerade diese Gruppe, die etwa 75 Prozent der Imame ausmacht, überwiegend kein Deutsch spricht. Das heißt, sie kommen nach Deutschland, meistens für ein paar Jahre nach dem Rotationsverfahren, lernen die Grundkenntnisse der deutschen Sprache; kaum haben sie sich integriert, müssen sie wieder zurück.

Niehaus: Und sie werden ja auch mit ganz schön hohen Erwartungen in ihren Gemeinden konfrontiert: Anders als in der Türkei sind sie ja hier nicht nur Vorbeter, Prediger, Moscheevorsteher - sie sollen auch Sozialarbeiter sein, Religionslehrer, Dialogbeauftragte. Wie kommen die Imame, mit denen Sie gesprochen haben, denn damit klar?

Ceylan: Sie sind zunächst einmal überrascht, weil diese Rollenerwartung, das kennen sie gar nicht so aus der Türkei. In der Türkei sind sie in der Tat nur Prediger, sie sollen die Gottesdienste leiten, aber in Deutschland sind die Moscheen mittlerweile multifunktionale Zentren und die Gemeinde hat auch eine viel höhere Anforderung an die Imame und die meisten sind sehr überfordert. Sie können nicht den Schuldnerberater spielen, sie können nicht den Sozialpädagogen spielen.

Trotzdem kommen eine hohe Zahl an Muslimen, vor allem Gemeindemitglieder, an den Imam mit ihren Problemen. Das heißt aber nicht, das der Imam alle diese Probleme lösen muss - er könnte aber seine Brückenfunktion ausschöpfen, das heißt, er könnte diese Mitglieder an professionelle Beratungsstellungen beispielsweise vermitteln. Allerdings muss man diese Institution auch kennen, auch Vertrauen in diese Netzwerke haben, um auch entsprechend die Gemeindemitglieder zu vermitteln.

Niehaus: Was sind denn die größten Herausforderungen für die Imame hier in Deutschland?

Ceylan: Es ist zunächst einmal die deutsche Sprache. Das heißt, in der Tat gibt es nur wenige, die in der Türkei bereits auf ihren Aufenthalt vorbereitet werden. Allerdings führt das dazu, dass die Imame während ihres Diensts in Deutschland gesellschaftlich stumm bleiben.

Sie mischen sich nicht ein bei öffentlichen Diskussionen, nach dem 11. September gab es ja eine Reihe an Themen, öffentlichen Debatten - es hat sich bisher kein einziger muslimischer Theologe öffentlich in den Debatten eingemischt, mitgeredet. Das wäre ganz wichtig!

Des weiteren ist es ein Problem, dass viele Imame nach dem Rotationsverfahren kommen, das ist glaube ich auch ein Problem: Kaum hat man sich hier integriert, muss man wieder zurück. Ein anderes Problem ist: Viele Imame kommen ja auch in Stadtteile, die überwiegend von Migranten bewohnt sind. Das heißt, sie bleiben dann auch über Jahre hinweg nur in diesen Kolonien verhaftet und ich glaube, das sind so die zentralen Herausforderungen, mit denen die Imame konfrontiert sind.

Niehaus: Stichwort Kommunikationsprobleme - die sollen die Imame ja besonders mit den in Deutschland aufgewachsenen Kindern und Jugendlichen haben. Können Sie da ein Beispiel nennen?

Ceylan: Viele türkeistämmige Jugendliche, die in Deutschland sozialisiert sind, aufgewachsen sind, deutsche Schulen besuchen, sprechen in der Regel ihre eigene Muttersprache, die türkische Muttersprache, in der Regel schlecht und es kommt oft zu Kommunikationsproblemen - das habe ich im Unterricht in den Moscheen beobachten können, bei den Freitagspredigten habe ich das beobachten können -, dass dann die Imame gesagt haben, wir müssen mit dem Niveau wirklich so runter, als würden wir vor Grundschulkindern sprechen.

Das gilt aber auch in der Kommunikation mit erwachsenen türkischen Muslimen. Also erstens Kommunikationsproblem im linguistischen Sinne, aber nicht nur das: Viele Imame erwarten eigentlich auch, ja Respekt, Disziplin im Unterricht und die Kinder, die hier aufwachsen, die hier sozialisiert sind, die haben eine demokratische Erziehungskultur kennengelernt und hier kommt es auch oft zum Clash.

Niehaus: Sie haben es angesprochen: Immer öfter werden Imame für ihren Dienst in Deutschland in der Türkei geschult, es gibt Fortbildungsangebote hier in Deutschland. Warum reicht das alles nicht aus?

Ceylan: Weil das eben nur Crashkurse sind, das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. In einigen Wochen werden die Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermittelt, ein bisschen Landeskunde - ich meine das ist okay, man hat dann ein etwas realistischeres Bild über Deutschland. Aber das alles reicht nicht aus.

Niehaus: Trotzdem sagen Sie, Imame seien Schlüsselfiguren der Integration und die Forderung wird jetzt ja auch immer lauter, dass Imame eine zentrale Rolle bei der Integration, beim interreligiösen Dialog spielen sollen. Wie groß ist denn die Bereitschaft unter den muslimischen Geistlichen, sich daran auch zu beteiligen?

Ceylan: Die gegenwärtigen Imame, die werden überwiegend von den Gemeindemitgliedern frequentiert, wenn sie Probleme haben. Aber damit sind sie überfordert. Sie versuchen zwar, da Hilfe zu leisten, aber im Grunde genommen können sie, wie gesagt, ihre Brückenfunktion nicht ausschöpfen.

Niehaus: Wie können Imame Integration fördern? Fällt Ihnen da ein Beispiel ein, eine Begegnung mit einem Imam, der da ein Vorbild sein könnte?

Ceylan: Natürlich, ich habe einen Imam kennengelernt in einem sozial benachteiligten Stadtteil und da waren ein, zwei Jugendliche, die hatten Kontakt zu extremistischen Imamen. Und er hat dann in der Tat wirklich das Grundgesetz in der Hand gehabt, er hat gewisse Passagen unterstrichen, vor allem die Präambel, wo Gott erwähnt wird, um auch den Jugendlichen zu erklären, schau mal, Koran und Grundgesetz schließen sich nicht aus.

Niehaus: Was heißt denn das? Sind Imame, ich spitze das jetzt mal stark zu, offen für Demokratie?

Ceylan: Das ist in der Tat so. Das wird auch leider unterschätzt. Nur ein ganz kleiner Teil der Imame, diese extremistischen Imame, halten Islam und Demokratie nicht für kompatibel. Der große Teil überwiegend haben gesagt, dass sie in der Tat, als sie Deutschland kennengelernt haben, die rechtsstaatliche Säkularität, dass in Deutschland niemand hungern muss, dass es hier Arbeitslosenhilfe gibt und Wahlen und so weiter, dass hier Muslime sich gesellschaftlich engagieren können, dass man hier Moscheen gründen kann und so weiter - sie kommen ja überwiegend aus einem Land, die Türkei, die zwar viel weiter ist im Demokratieprozess im Vergleich zu anderen islamischen Ländern, aber immer noch erheblich viele Defizite hat. Und hier in Deutschland, also gelebte Demokratie und vor allem das, was man von Gemeindemitgliedern mitbekommt, das alles fördert die starke Identifikation mit dem deutschen Staat.

Niehaus: Sie fordern ja auch, Moscheen und Imame in den Kampf gegen Extremismus mit einzubinden. Wie soll denn das geschehen?

Ceylan: Zunächst einmal müssen Imame sensibilisiert werden, das ist ganz wichtig, weil die Imame die ganzen öffentlichen Diskussionen hier überhaupt nicht mitbekommen. Das heißt, wir haben hier über Ehrenmorde gesprochen, über Zwangsheiraten, nach dem 11. September viel Themen Gewalt und Terrorismus, dass sie überhaupt nicht sensibilisiert sind über aktuelle Themen.

Ich glaube, wenn man Imame dahin gehend sensibilisieren und schulen könnte, dass man auch in der Gemeinde zunächst einmal guckt, ob da vielleicht der eine oder andere versucht, die jugendlichen Menschen anzuwerben, dass man junge Imame hier hat, die deutschsprachig sind, die sozusagen als Gegenstück zu den extremistischen Imamen auftreten können, die sich hier heimisch fühlen ...

Ich glaube, wir brauchen sozusagen, wenn ich das so sagen darf, Stars unter den progressiven Imamen. Wir haben zwar etwa 15 Prozent, die in der Tat sehr progressiv sind, die diese Rolle erfüllen könnten, aber auch hier haben wir das Problem, dass die deutsche Sprache nicht beherrscht wird.

Niehaus: Andersherum gefragt: Sie kritisieren, dass die meisten deutschen Politiker bisher noch gar nicht erkannt haben, welche Bedeutung die muslimischen Geistlichen für die Integration des Islam haben können. Was muss sich denn da vor allem in den Köpfen ändern?

Ceylan: Also zunächst einmal geht wirklich nicht darum, dass wir hier den Superimam kreieren. Es gab in der letzten Zeit viele unrealistische Anforderungen an den Imam, Imame sollten mit der Polizei Streife fahren - darum geht es nicht.

Was ich noch mal hier unterstreichen möchte: Es gibt großes Vertrauen an Imamen in den Gemeinden, die Imame leiten die Freitagspredigten, die Inhalte, die dort vermittelt werden, das ist ein ganz wichtiges Medium. Imame sind die theologische Referenz unter den Muslimen, das heißt, sie könnten sich in den öffentlichen Debatten einmischen und sagen, Leute, Demokratie, Islam ist kompatibel oder Zwangsheirat ist eben nicht im Islam erlaubt.

Ich glaube, dass man überhaupt die Rolle des Imams, die Funktion des Imams erkennt, aber realistisch erkennt. Das heißt, nicht zu viele Anforderungen an den Imam stellen, die überhaupt nicht realistisch sind, andererseits aber auch nicht unterschätzen.

Niehaus: Wissenschaftsrat und Bundesregierung machen sich unter anderem dafür stark, Imame künftig an Universitäten in Deutschland auszubilden. Ist das ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung?

Ceylan: Auf jeden Fall, also das kann ich nur unterstützen. In Osnabrück beginnen wir jetzt 2010 zunächst einmal mit einem universitären Weiterbildungsprogramm, da werden Imame zunächst einmal nur fortgebildet. Aber ab 2012 werden wir auch zum ersten Mal auf deutschem Boden Theologen ausbilden, der Wissenschaftsrat hat von zwei, drei Standorten gesprochen. Ich glaube, zwei sind eher realistischer, weil das Problem einfach da ist, dass wir den theologischen Nachwuchs nicht in Deutschland haben. Da sehe ich das Problem.

Niehaus: Warum ist das so wichtig, die Imame an den Universitäten hier auszubilden?

Ceylan: Also wenn in Deutschland mittlerweile vier Millionen Muslime leben und wir immer noch Menschen und Autoritäten aus Herkunftsländern importieren, wenn … Ich beobachte ja auch die Szene auch im Internet bei vielen theologischen Fragen, religiösen Fragen, dass man sich immer noch nach Autoritäten aus irgendwelchen arabischen oder türkischen oder irgendwo anders orientiert. Ich glaube, das alles darf nicht sein.

Es geht hier um eine Frage des Prinzips. Wenn Muslime hier leben, sich hier heimisch fühlen, dann müssen wir auch eine eigene Theologie entwickeln.

Niehaus: Professor Doktor Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück über Imame in Deutschland. "Die Prediger des Islam. Imame, wer sie sind und was sie wirklich wollen" - das Buch ist im Herder-Verlag erschienen, es hat 192 Seiten und kosten 12,95 Euro. Vielen Dank für das Gespräch!

Rauf Ceylan: Die Prediger des Islam
Imame - wer sie sind und was sie wirklich wollen

Herder Verlag, Freiburg 2010, 192 Seiten, 12,95 Euro

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