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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.11.2007

Rauchzeichen aus Neurath

In dem rheinischen Ort entsteht ein neues Kohlekraftwerk

Von Jan Uwe Stahr

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Braunkohle- kraftwerkspark am Niederrhein (Jan Uwe Stahr)
Braunkohle- kraftwerkspark am Niederrhein (Jan Uwe Stahr)

Im rheinischen Neurath wird bereits gebaut. Hier entsteht ein neues Kohlekraftwerk. Sauber, umweltfreundlich und ausstoßarm, sagt RWE. Alles Propaganda, sagen die Aktivisten des Niederrheinischen Umweltschutzvereins und haben ihre Protestaktionen aufgenommen. Das Kraftwerk soll 2010 ans Netz gehen.

Europas größte Baustelle liegt derzeit am Niederrhein. Hier, in Grevenbroich-Neurath baut der Stromkonzern RWE ein gigantisches neues Braunkohlekraftwerk. Noch ist es nicht fertig, da sorgte es schon für schlechte Nachrichten. Durch einen Unfall am 25.Oktober, bei dem ein 100 Tonnen schweres Bauteil aus großer Höhe in die Tiefe stürzte und drei Menschen in den Tod riss. Die Medien berichteten ausführlich:

"Fast dreihundert Rettungskräfte waren stundenlang im Einsatz. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Rüttgers und Innenminister Wolf waren zur Unfallstelle gereist, um den Angehörigen der Opfer ihr Beileid auszusprechen."

Das neue BoA-Kraftwerk in Neurath ist für Politiker und Strommanager auch ein Symbol. "BoA" steht für "Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik". Und soll die Verstromung der Braunkohle zukunftsfähig machen. Einem fossilen Energieträger, der heute als Klimakiller Nummer eins gilt. Und von dem RWE in den niederrheinischen Tagebauen jährlich 100 Millionen Tonnen fördert. Um daraus Strom für Millionen Menschen zu produzieren.

"Sie sind heute zu Besuch bei RWE-Power. Wir sind innerhalb des Konzerns die Stromerzeugungsgesellschaft. … Wir erzeugen Strom zu einem sehr großen Anteil aus Braunkohle. Braunkohlestrom ist ... in der Grundlast eingesetzt. Das ist der Strom, der ständig allen Haushalten und der Industrie zur Verfügung steht."

Rund vierzigtausend Besucher pro Jahr begrüßen Felicitas Sigglow und ihre Kollegen von der PR-Abteilung der RWE im Info-Zentrum Garzweiler. Schulklassen, Betriebsausflügler, Fachbesucher. Alle werden eingeladen auf eine Besichtigungstour. Sie führt durch den 180 Meter tiefen Tagebau Garzweiler, vorbei an riesigen Schaufeldradbaggern. Und angrenzenden wieder begrünten Renaturierungsgebieten. Die Info-Tour endet auf einer Aussichtsplattform an der BOA-Kraftwerks-Baustelle in Neurath.

"Was als erstes entsteht bei diesem Kraftwerksneubau, das sind die Treppentürme. Das ist auch das erste, was gewachsen ist und dazwischen kommt diese Konstruktion, in die der Kessel reingehängt werden. Etwa 170 Meter hoch."

Deutlich höher als der Kölner Dom sind die beiden stählernen Kesseltürme und der gewaltige Kühlturm aus Beton. Bis 2010 sollen beide Kraftwerksblöcke ans Netz gehen. 2200 Megawatt Strom produzieren. Das ist fast fünfzehn Mal soviel wie die ältesten Kraftwerksblöcke schaffen, die in der Nachbarschaft stehen und noch aus den sechziger Jahren stammen. Mit Hilfe aufwendiger Technik wurde der Wirkungsgrad der neuesten Kraftwerksgeneration von bisher 35 auf 43 Prozent hochgeschraubt. "Das ist ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz", sagt RWE-Frau Sigglow. Denn bei gleicher Stromproduktion könnten mit dem neuen BoA-Kraftwerk sechs Millionen Tonnen des Klimagases CO2 pro Jahr eingespart werden. Aber so richtig überzeugen kann sie ihre Gäste, eine 15-köpfige Gruppe von Wasserbau-Ingenieuren, damit nicht:

"Man schafft einfach höhere Energieleistung aus dem Kohlenstoff. Aber die Kohle wird trotzdem verbraten, das wird ja nicht weniger Kohle. Wir räumen Garzweiler leer, machen nur mehr effektiven Strom daraus, der Kohlenstoff wird nur über längere Zeit in die Luft gepustet."
"Das ist die Frage!"
"Hö, hö, hö."

Die beiden neuen BoA-Kraftwerksblöcke in Neurath und sein Vorläufer im benachbarten Niederaußem, der bereits 2003 in Betrieb ging, seien erst der Anfang, erfahren die Besucher. Die Wirkungsgrade würden zukünftig noch weiter verbessert. Und ab 2014 solle dann das erste CO2-freie Versuchskraftwerk in Betrieb gehen. Wenn die Technik funktioniert, könnten alle bis dahin gebauten BoA-Kraftwerke damit nachgerüstet werden, erklärt Felicitas Sigglow ihren Gästen. Doch die blicken skeptisch auf die riesige Baustelle und die gigantischen Anlagen, die hier in Neurath neben den alten Kraftwerksblöcken hochgezogen werden. Manche schütteln nur den Kopf.

"Wobei das in den Sternen steht, ob das überhaupt 40 Jahre steht, ne."
"Wieso steht das in den Sternen? Das ist doch ne Investition die sich über einen so langen Zeitraum rechnen muss."
"Natürlich, aber wie die Energieressourcen sich entwickeln, beziehungsweise welche Alternativen aufgestellt werden, können wir, sage ich mal, heute noch nicht so definitiv sagen. Das kann sich ja in zehn oder zwanzig Jahren radikal ändern."

2,2 Milliarden Euro investiert RWE allein in die beiden BoA-Blöcke in Neurath. Bis zum Jahr 2030 plant der Stromkonzern seinen gesamten Braunkohlekraftwerkspark zu erneuern. Für insgesamt rund 20 Milliarden Euro. Der Stromriese setzt weiterhin auf Großkraftwerke. Doch immer mehr Menschen bezweifeln, dass die riesigen Kohlekraftwerke noch den richtigen Weg in die Zukunft weisen. Denn trotz aller technischen Verbesserungen werden sie auch in Zukunft über die Hälfte der eingesetzten Energie ungenutzt in die Atmosphäre verpuffen. Anders als etwa kleine gasbetriebene Kraftwerke, deren Abwärme viel besser genutzt werden kann. Und die Kritiker als Alternative zur Braunkohle fordern.

Etwa zwanzig Kilometer Luftlinie von der Kraftwerksbaustelle in Neurath entfernt, sitzt Dirk Jansen in seinem Düsseldorfer Büro. Der Landesgeschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz, BUND, kämpft bereits seit zwanzig Jahren gegen den Braunkohleabbau am Niederrhein. Und gegen eine Energiepolitik, die noch immer auf Kohle-Verstromung setzt.

"Unser sogenannter Umweltminister ist ja ein vehementer Befürworter der Kohle, sowohl Braun- als auch Steinkohle. Wie das mit den ganzen Verpflichtungen und Zielen in Sachen Klimaschutz zusammenpassen soll, hat er mir noch nicht erklären können. Aber klar ist, die Kohle erlebt gerade eine abstruse Renaissance, trotz fortschreitenden Klimawandels, trotz Klimakollaps. Das passt alles nicht zusammen."

Kürzlich war Bundesumweltminister Gabriel zu Besuch im niederrheinischen Braunkohlerevier. Und auf der Neurather BoA-Kraftwerksbaustelle. Die Kohle werde auch zukünftig einen erheblichen Anteil an der Stromproduktion haben, versprach er dort den anwesenden RWE-Chefs. Zumal ja die Atomkraftwerke nach und nach abgeschaltet werden sollen. Und beim Klimaschutz sei man mit den neuen BoA-Kraftwerken auf einem guten Weg. Schließlich könnten die neuen Kraftwerke viele Millionen Tonnen des Klimagases CO2 einsparen. Wenn dafür die alten, weniger effizienten Kraftwerksblöcke gleichzeitig vom Netz gehen. Genau das bezweifeln aber die Kohlekritiker, wie Dirk Jansen. Der BUND bezichtigt den RWE-Konzern sogar der Stilllegungslüge:

"1994 hat RWE mit der damaligen Landesregierung vereinbart, dass für die Genehmigung von Garzweiler II ein 20-Milliarden-Kraftwerkserneuerungsprogramm bis 2030 umgesetzt werden muss, neue Kraftwerke gebaut werden und dafür alte Anlagen stillgelegt werden. Wenn man heute, 13 Jahre später hinschaut, ist das einfach nicht eingehalten worden von RWE. Als BoA I ans Netz ging, ein 950 MW Kraftwerk in Niederaußem, da wurde überhaupt keine Altanlage stillgelegt und heute, bis 2007 wurden für die zusätzlichen 950 Megawatt gerade mal 150 MW eines alten Blockes stillgelegt. Mit anderen Worten, netto sind jetzt schon 800 Megawatt zusätzlich am Netz."

Das lässt sich nicht bestreiten. Allerdings gab es für das erste BoA-Kraftwerk in Niedraußem keine genau festgelegten Stillegungsvorgaben von der zuständigen nordrhein-westfälischen Landesregierung. Für das neue, doppelt so große Kraftwerk in Neurath ist das anders: Hier hat sich RWE im Genehmigungsverfahren verpflichten müssen, an einem anderem Kraftwerksstandort, in Frimmersdorf, zeitgleich Altanlagen abzuschalten. Und zwar in gleicher Größenordnung. Dirk Jansen bleibt dennoch skeptisch:

"Ich glaub da nicht dran, weil der Stillegungsbescheid mit soviel Vorbehalten versehen ist, wie sich der Emissionshandel entwickelt, wie sich die Wirtschaftlichkeits-Berechnungen darstellen, dass da an eine zeitnahe Umsetzung nicht zu denken ist. Was dahintersteckt ist natürlich: Altanlagen sind bares Geld. Solange die uralten Möhren laufen, die seit 20 Jahren abgeschrieben sind, produzieren sie wirklich bares Geld."

So werde der RWE-Konzern mit den alten und neuen Kraftwerken zusammengenommen zukünftig mehr Braunkohle pro Jahr verstromen statt weniger. Und damit noch mehr CO2 in die Atmosphäre blasen als bisher. Ein Vorwurf, den Johannes Lambertz, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von RWE schon oft gehört hat. Aber er macht eine andere Rechnung auf:

"Unser Ziel ist es natürlich neue Kraftwerke zu bauen und sukzessive alte Kraftwerke stillzusetzen. Dazu haben wir uns committed, das tun wir. Aber in einer Übergangszeit, wo einfach bei den neuen Kraftwerken noch Kinderkrankheiten zu vermuten sind, brauchen wir die alten Anlagen. Fahren die aber teilweise nicht mit Volllast."

Außerdem gäbe es beim Strom einen europäischen Markt. Und dort müssen sich alle Kohle-Kraftwerksbetreiber für ihre Klimagas-Emissionen zukünftig die sogenannten CO2-Zertifikate kaufen. Und deren Zahl ist begrenzt. Das heißt:

"Durch den CO2-Handel ist das Ganze so gesteuert, dass wir diese Anlagen mit zugegebener Maßen nicht allzuhohem Wirkungsgrad, nicht state of the art betreiben, dass damit, mit diesem Betrieb andere Kraftwerke in Europa, die noch schlechtere Wirkungsgrade haben, damit noch mehr CO2 emittieren, nicht in Betrieb gehen. Das ist ja der Sinn des Emissionshandels."

Die alten Braunkohle- Dreckschleudern am Niederrhein können also, wenn sie eine Weile weiterlaufen, noch klimaschädlichere Kohlekraftwerke vom Strommarkt pusten. Zum Beispiel im Nachbarland Polen. Für die Atmosphäre ist es egal, wo die Kraftwerke stehen. Nicht gleichgültig ist es jedoch den Anwohnern des niederrheinischen Braunkohle-Reviers.

"Diese Wolken da, das etwas höhere da, das ist Neurath. Dahinter kommt Frimmersdorf, das liegt ein bisschen weiter links und Niederaußem sieht man gar nicht. Aber sie können sehen, wenn die Sonne da scheint, können Sie sehen wie dahinter der Schatten liegt."

Hans-Joachim Gille deutet auf die gewaltigen Dampfschwaden am Horizont. Sie kommen aus den Braunkohlekraftwerken der RWE. Und verdüstern den Himmel über den umliegenden Ortschaften. Zum Beispiel in Rheydt-Hüchelhoven, dem Wohnort von Gille. Der liegt gleich neben dem Kraftwerkstandort Niederaußem, wo RWE vor einigen Jahren das erste der riesigen neuen BoA Kraftwerk baute und es gleich neben die bereits vorhandenen Kraftwerksblöcke stellte.

"Das sind riesige, riesige Blöcke, riesige Kühltürme und die Dampfschwaden gehen hoch bis zu zwei Kilometer bei Windstille. Und dahinter verschwinden die Orte. Heute Nachmittag zum Beispiel hat es in Niederaußem im Bereich der Kraftwerkswolken ganz stark geregnet und davor und dahinter war es leicht nebelig."

Hans-Joachim Gille ist 66 Jahre alt. Hat bis zu seinem Ruhestand als Kraftwerksingenieuer gearbeitet. Er ist kein Gegner der Kohle, wie er beteuert. "Aber was zuviel ist, ist zuviel", sagt Gille. Deshalb hat er, zusammen mit anderen Kraftwerksanwohnern, den BIG-Ben eV gegründet. Das steht für Bürgerinitiative gegen BoA Erweiterung Niederaußem. Denn sobald das derzeitige BoA Projekt im wenige Kilometer entfernten Neurath fertig ist, plant RWE am Standort-Niederaußem den nächsten BoA-Block hochzuziehen. "Braunkohle-Kraftwerke sind okay", sagt Gille," aber nicht immer mehr und nicht alle bei uns."
Auch die wenige Kilometer weiter westlich gelegene Stadt Puhlheim wehrt sich gegen die immer größeren Braunkohlekraftwerke in Neurath und Niederaußem. Baudezernent Michael Senk:

"Die Stadt Puhlheim hat in allen ihren Stellungnahmen darauf hingewiesen, dass sie nicht bereit ist, die Konzentration der beiden BoA-Blöckle an diesem Standorten klaglos hinzunehmen."

Leider sei die Bevölkerung, anders als der Stadtrat, mehrheitlich nicht an dem Problem mit den Braunkohlekraftwerken interessiert. Dass soll anders werden. Dafür will in Puhlheim jetzt die Bürgerinitiative "Leben ohne BoA" sorgen, die der 73-jährige Dieter Bunge zusammen mit anderen Mitstreitern gegründet hat.

"Wir werden Handzettel drucken uns regelmäßig am Samstag auf den Markt stellen, Handzettel verteilen und mit den Leuten sprechen. Mit den Bürgern sprechen, keine großen technischen Erklärungen geben, die sowieso keiner verstehen will, wenn er sich nicht damit befasst. Aber wenn wir ihnen sagen, passt mal auf wie Eure Immobilienpreise sich entwickeln, wenn das die zusätzlich noch so und so viele Blöcke geben wird. Und zeigen wir ihnen eine Aufnahme von den Wolken, die hier rüberziehen."

Dann wollen Dier Bunge und seine Mitstreiter die Puhlheimer zum Widerstand gegen noch mehr Braunkohlekraftwerke aufrufen. Und sie zum Stromanbieter-Wechsel ermuntern. Den Bürger sagen, dass CO2-freier Öko-Strom heute nicht mehr teuerer kommt, als der Braunkohlestrom von RWE. Der Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke wächst, sagt Dirk Jansen vom BUND in Düsseldorf. Überall wo neue Kohlekraftwerke geplant sind, bilden sich jetzt Bürgerinitiativen. RWE-Chef Lambertz kann das alles nicht beirren. Er hält eine Energie-Zukunft ohne Braunkohle für unrealistisch. Aber Lambertz weiß auch: Das profitable Geschäft mit der heimischen Braunkohle wird in Zukunft schwieriger:

"Ich muss zugeben, durch den CO2-Zertifikate-Handel und die deutlich geringere Allokation, wird natürlich die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohleverstromung geringer als sie heute ist."

Ab 2013 wird sich RWE die Verschmutzungsrechte für jede einzelne Tonne CO2, die ihre Braunkohle-Kraftwerke in die Atmosphäre blasen, an der Strombörse kaufen müssen. Teuer wird der Braunkohlestrom aber auch, wenn er eines Tages tatsächlich ohne CO2-Emissionen produziert werden könnte. Denn die Technik mit der die BoA-Kraftwerke dann nachgerüstet werden sollen, ist extrem aufwendig und verbraucht eine Menge Energie. Die riesigen neuen Braunkohlekraftwerke, wie das in Neurath, wären dann zwar endgültig keine Klimakiller mehr, aber kaum noch effizienter, als die alten Dreckschleudern. Und den Himmel über dem Niederrhein würden sie mit ihren Dampfschwaden auch weiterhin verdunkeln.

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