Rastlos, engagiert, zerrissen

09.01.2012
Klaus Schlesinger war ein literarischer Nachfahre Alfred Döblins und ein moderner Flaneur, der den Zustand der Stadt Berlin in seinen Romanen, Erzählungen und Reportagen sensibel und kritisch dokumentierte. Nun ist anlässlich seines 75. Geburtstags die erste Biografie erschienen.
Für den Schriftsteller Klaus Schlesinger, der am 9. Januar 1937 in der Berliner Dunckerstraße 4 geboren wurde, bedeutete die Teilung der Stadt eine Amputation mit weitreichenden Folgen. Er war ein Nachfahre Alfred Döblins und ein moderner Flaneur, der den Zustand dieser von der katastrophalen Geschichte stigmatisierten Großstadt ein halbes Jahrhundert lang in seinen Romanen, Erzählungen, Reportagen, Essays und Hörspielen sensibel und kritisch dokumentierte. Nun ist anlässlich seines 75. Geburtstags – er starb 2001 - die erste Biografie erschienen. Die Germanistin Astrid Köhler will eine "Lebensgeschichte" erzählbar machen, die rastlos, engagiert, zerrissen war und eine der eindrucksvollsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur hervorgebracht hat. Leben und Werk des Autors werden dabei konsequent mit historischen Zäsuren und dem Problemfeld Berlin verknüpft.
Ein Zentrum in Köhlers Ausführungen bildet der frühe Verlust des Vaters, der aus dem Krieg nicht heimkehrt und zeitlebens eine Leerstelle markiert. Sie vermag nicht nur zu zeigen, dass sich die Vater-Sohn-Problematik wie ein roter Faden durch das literarische Werk zieht. Indem sie das literarische Thema auch biografisch spiegelt – Schlesinger war nicht nur Vater von zwei Söhnen, er adoptierte auch den Sohn seiner zweiten Frau Bettina Wegner -, stellt sie eine spannende Authentizität her, in der gelebte und fiktive Realität sinnreich verknüpft werden.

Große Aufmerksamkeit räumt sie zu recht dem Entstehen des Romans "Michael" (1971) ein, an dem Schlesinger mehr als vier Jahre schrieb und der seinen Durchbruch als Autor begründete. Dass er während der Arbeit vom Rostocker Hinstorff-Verlag in Person des Cheflektors Kurt Batt unterstützt wurde, gehört zum Insiderwissen über eine Generation junger DDR-Autoren, deren Lebens- und Schreibwirklichkeit bis heute wenig bekannt ist.

Der Biografie liegt eine real-fiktive Topografie zugrunde, die mit der Geschichte Berlins aufs engste verbunden ist. Die "Dunckerstraße" war Schlesinger Heimat. Seine Übersiedelung nach Westberlin 1980 erwies sich als schmerzhafte Zäsur. Ab 1982 wohnte er neun Jahre in der Potsdamer Straße und war dort in der Hausbesetzerszene aktiv.

Köhler hat Zeitzeugen befragt und Briefwechsel gesichtet, und sie arbeitet mit bislang unveröffentlichtem Material, das aus den Nachlässen Schlesingers und seinem literarischen Mentor Franz Fühmann sowie aus dem Archiv des Schriftstellerverbandes der DDR und dem Literaturarchiv Marbach stammt. Das verleiht ihrer Argumentation insgesamt eine solide Basis. Allerdings erweist sich der chronologische Aufbau der Biografie mitunter als enges Korsett. Denn eine Biografie lebt nicht allein vom Tagesgeschäft. Das Vergangene muss stets als Gegenwärtiges erkennbar sein. Exkurse und Querverweise sowie Interpretationen ausgewählter Texte erfordern eine mehrdimensionale Darstellung, um den Spannungsreichtum, der jedem Leben innewohnt, erfahrbar zu machen.

Besprochen von Carola Wiemers

Astrid Köhler: Klaus Schlesinger, Die Biografie
Aufbau Verlag, Berlin 2011
394 Seiten, 26,99 Euro