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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.12.2016

Raoul Schrott: "Erste Erde: Epos"Wissenschaftliche Erkenntnisse in persönlichen Geschichten

Von Volkart Wildermuth

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Der Buchautor, Raoul Schrott, bei der Buchpräsentation "Ilias", aufgenommen am 18.10.2008 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.  (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Raoul Schrott (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

In "Erste Erde: Epos" versucht Raoul Schrott eine poetische Aneignung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Dabei setzt er vor allem auf persönliche Geschichten von Forschern, aber auch von ihm selbst. Das Buch ist eine Herausforderung - erstaunlich unterhaltsam und erhellend.

"Erste Erde: Epos" ist ein dickes Buch: über 800 Seiten und anderthalb Kilo schwer. Aber das muss so sein, denn Raoul Schrott versucht nichts weniger, als sich die Erkenntnisse der Naturwissenschaft zur Entstehung von Kosmos, Erde, Mensch poetisch anzueignen.

Das klingt nach Widerspruch: Forschung strebt nach Objektivität, Poesie dagegen ist radikal subjektiv.

Und doch gelingt Raoul Schrott der Brückenschlag. Denn er präsentiert hier nicht lexikalisch Wissenschaftsgeschichte, sondern lässt Menschen ihre Geschichten erzählen. Mal ist er es selbst, der sich an explosive Experimente mit dem Chemiebaukasten erinnert, um so der Bildung der Elemente in Sternen und Supernovae näher zu kommen.

Mal schickt er andere aus – darunter Forscher und Künstler -, die harten Fakten in ihr persönliches Leben einzubetten. Wie etwa die Chemikerin, die in Island in der Spalte zwischen Amerika und Europa tauchen geht, um im "Werden der Kontinente" Abstand zu gewinnen von ihrer Krebserkrankung.

Existentielle Erfahrungen

Oder die Biologin, die in der U-Bahn der Ansager-Stimme ihres verstorbenen Mannes lauscht, und dabei gleichzeitig darüber nachdenkt, was im Menschen noch von den ersten Mikroben steckt. Meist sind es existentielle Erfahrungen, die in diesem Epos die Menschen in die Auseinandersetzung mit der Natur und Wissenschaft treiben.

Raoul Schrott konzipiert die sieben Kapitel seines Epos als Gegenstück zu den sieben Tagen der Genesis. Einen Gott braucht er nicht. Ihm reicht die Natur, aber eben als Natur für den Homo sapiens. Ein Forscher darf den Menschen nicht in den Mittelpunkt setzten, ein Poet muss es, und zwar nicht als Abstraktion, sondern ganz konkret am Menschen orientiert.

Dieses Epos ist wirklich Raoul Schrotts Werk, seine ganz persönliche Auslegung der Weltentwicklung. Er nimmt Forschereinsicht auf, um sie direkt umzuschreiben. Das überzeugt vor allem in den ersten zwei Dritteln des Buches, wo es um den Kosmos geht, um die Erde, den Anfang des Lebens.

Ausgerechnet der Blick auf den Menschen selbst wirkt dagegen fahrig. Die Fantasie eilt den Fakten voraus. Und die wenigen wirklich gereimten Seiten dieses Epos haben etwas Erzwungenes:

"erst jetzt weiss ich: da war nicht nur lucys spur
sie überschnitt sich mit einer anderen zu einer zweiten neuen figur".

Lese-Herausforderung

"Erste Erde: Epos" ist eine Herausforderung. Raoul Schrott verzichtet auf Großschreibung und auf Satzzeichen. Er vertraut darauf, dass der Leser mehrmals bestimmte Zeilen liest. Das wird nicht eintönig. Der Text wechselt beständig seine Gangart: Erzählung, rhythmische Rede, dramatisierter Dialog, Poesie. Philosophen, Entdecker, Forscher und Mythenweber kommen zu Wort.

Was beim ersten Aufblättern als anstrengende Lektüre erscheint, wird erstaunlich unterhaltsam und erhellend. Raoul Schrotts Blick auf den Kosmos mag nicht der eigene sein, aber man kann sich an ihm reiben. Am Ende liegt "Erste Erde: Epos" auf dem Nachttisch: unverzichtbare Bettlektüre - trotz des Gewichts!

Raoul Schrott: "Erste Erde: Epos"
Hanser Verlag, München 2016
848 Seiten, 68,- Euro

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