Seit 17:30 Uhr Nachspiel
Sonntag, 26.09.2021
 
Seit 17:30 Uhr Nachspiel

Musikfeuilleton | Beitrag vom 19.07.2019

"Rameau hören"Die Oper als Quelle des Strukturalismus

Richard Schroetter

Der französische Anthropologe und Ethnologe Claude Lévi-Strauss am 8. Juni 2001 in Paris (Hintergrundbild). Buchcover (Vordergrundbild) (Suhrkamp / AFP/ Joel Robine)
Das Zauberwort des französischen Anthropologe und Ethnologen Claude Lévi-Strauss hieß: Struktur. (Suhrkamp / AFP/ Joel Robine)

Lévi-Strauss entdeckte die Mythologie als Wissen über menschliches Zusammensein wieder. Musik und Mythologie waren für ihn "von der Sprache gezeugte Schwestern". Diese Verbindung entdeckte der Strukturalist auch beim Komponisten Jean-Philippe Rameau.

Claude Lévi-Strauss, der im November 2009 hundertjährig verstorbene Begründer des Strukturalismus, entstammte einer traditionsreichen jüdischen Familie. Sein Vater war ein beliebter impressionistischer Maler, der Großvater mütterlicherseits Rabbiner, der väterlicherseits, Isaac Strauss, Orchesterleiter. Vielleicht rührt daher seine erklärte Liebe zur Musik. Allerdings mangelte es ihm an Begabung. 

Lévi-Strauss ist bekanntlich der moderne Theoretiker und Wiederentdecker der Mythologie als Basiswissen über das menschliche Zusammensein – und als Erzählung eines Ordnungssystems von universeller Geltung. Sein Ruhm beruht auf Untersuchungen über die Amazonas-Indianer, die er 1937 in Zentralbrasilien aufsuchte, deren Riten, Mythen und Gewohnheiten er systematisch erforschte.

Buch "Traurige Tropen" wie eine Oper konzipiert

Das Buch, das er 1955 unter dem Titel "Traurige Tropen" veröffentlichte, hatte er nicht nach literarischen Gesichtspunkten konzipiert, sondern wie eine Oper. Das gilt auch für die vier Bücher, die später unter dem Obertitel "Mythologica" erschienen sind. Dem ersten Band "Das Rohe und das Gekochte" hat Lévi-Strauss bezeichnenderweise als Motto die "Ode an die Musik" von Emmanuel Chabrier vorangestellt. Das Buch beginnt mit einer Ou­ver­tü­re: Bewusst hat er die Kapitel nach Musikformen unterteilt.  

Gern verglich er die Oper mit einer Schiffsreise. Sicher hat der Ethnologe Lévi-Strauss dabei auch an seine eigenen Erlebnisse gedacht, an die weite Reise per Schiff, die den 26-jährigen Wissenschaftler 1934 zum ersten Mal nach Brasilien führte. Und dann an seine Flucht 1941 vor den Nazis auf einem überfüllten Ozeandampfer in "dem quälend heißen Laderaum über Martinique und Puerto Rico nach New York", wie er sie in seinem vielleicht berühmtesten Buch "Traurige Tropen" beschrieben hat. Dort findet sich auch eine aufschlussreiche Passage über das, was man seit Proust als "memoire involontaire" bezeichnet. 

Erstaunlich, dass beim Verfasser von "Das wilde Denken" die außereuropäische Musik keine tieferen Spuren hinterlässt. Die abendländische Musik bleibt immer sein Maßstab. An ihrem Beispiel demonstriert er anscheinend universale Gesetze. Nach Lévi-Strauss ist die europäische Kunstmusik durch einen klar definierten Anfang und ein ebenso deutlich markiertes Ende charakterisiert – wie die mythischen Erzählungen. Der Vortrag einer mythischen Erzählung und die Darbietung von Musikwerken haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie verlangen vom Rezipienten, betont Lévi-Strauss, eine Art ununterbrochene Rekonstruktionsarbeit.

Rameau widmete Lévi-Strauss eine eigene Studie

Lévi-Strauss' Zauberwort heißt Struktur. Die Struktur ist (wie die Orchesterpartitur) gewissermaßen der genetische Code der Kultur. Sie verbindet alles und unterliegt allem. Rondo, Sinfonie und Arie – Debussy, Wagner und Jean-Philippe Rameau. Letzterem hat er unter dem Titel "Rameau hören" in seinem Essayband "Sehen, Hören, Lesen" eine längere Studie gewidmet und nicht Josquin de Prez oder Claudio Monteverdi, dem Schöpfer der modernen Oper. Vielleicht weil Rameau ein Zeitgenosse des von Lévi-Strauss verehrten Jean-Jacques Rousseaus war? Sollte Rameau etwa ein Vorläufer des Strukturalismus sein? 

"Rameau (…) bewies, dass man vom Grundakkord der Dur-Tonart aus alle anderen als Umkehrungen des ersteren erzeugen konnte. Die strukturale Analyse schlägt dasselbe Verfahren ein, wenn sie die Zahl der Eheregeln oder die Zahl der Mythen reduziert: Sie führt mehrere Regeln oder Mythen auf ein und denselben Typus ehelichen Tausches zurück (…), die nur anders transformiert sind."

Nicht Rameau, Mozart, Rossini oder Ravel gehörten jedoch zu Lévi-Strauss' Hauskomponisten, sondern unumstritten Richard Wagner. An Wagner bewundert der Strukturalist Lévi-Strauss nicht nur den Aufbau der mythischen Erzählung – besonders im "Ring" –, sondern auch seine Zergliederungsarbeit, den Gebrauch der Leitmotive.

Wiederholung vom 14.09.2014

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Konzert

Musikfest Berlin 2021Strawinskys Feuer und Hartmanns Wut
Gezeichnete Figurine einer Frau, die ein Kostüm mit orangenen Federn trägt. (IMAGO / UIG / World History Archive)

Kirill Petrenko und seine Berliner Philharmoniker setzten Strawinskys sprühendes "Feuervogel"-Ballett auf das Programm sowie das zornige Violinkonzert seines Freundes Karl Amadeus Hartmann. Solistin Patricia Kopatchinskaja spielt wie immer barfuß.Mehr

Musikfest Berlin 2021Kontraste bei Pärt und Strawinsky
Robin Ticciati in dunklem Hemd fährt sich mit beiden Händen gleichzeitig durch seine lockigen Haare. (DSO Berlin / Marco Borggreve)

Robin Ticciati findet immer geniale Kontrastprogramme für sein Deutsches Symphonie-Orchesters Berlin. So stellt er Requiem-Gesänge von Igor Strawinsky dem Cellokonzert von Arvo Pärt gegenüber: beide 1966 komponiert, beide in ganz anderen Klangwelten zu Hause.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur