Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature
Sonntag, 16.05.2021
 
Seit 18:05 Uhr Nachspiel. Feature

Interview | Beitrag vom 12.04.2021

Ramadan und CoronaVirtuelles Fastenbrechen

Elvedin Goljica im Gespräch mit Julius Stucke

Blick von oben auf eine junge muslimische Familie, die während des Ramadan im Koran lesen. (Symbolbild) (picture alliance / Zoonar / Benis Arapovic)
Der Ramadan ist eine wichtige Zeit der Einkehr für gläubige Muslime. (picture alliance / Zoonar / Benis Arapovic)

Der Ramadan bricht an. Für Muslime ist dies eine Zeit der Familie und der Besinnlichkeit. Weil das Fastenbrechen im großen Freundes- und Familienkreis derzeit nicht möglich ist, helfen virtuelle Predigten und Online-Ratgeber.

Es ist eine Zeit wichtiger religiöser Feste unter schwierigen Bedingungen: von Ende März bis zum 4. April das jüdische Pessachfest, danach das Osterwochenende. Und am 12. April, abends, beginnt der Fastenmonat Ramadan.

Auch als Nicht-Muslim bekommt man Ramadan – je nach Jahreszeit und Wetter – ganz gut mit. Etwa, wenn draußen Nachbarn sich zum gemeinsamen Fastenbrechen treffen.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Doch in Coronazeiten ist alles etwas anders. Die meisten Muslime verbringen die Fastenzeit in den eigenen vier Wänden. Und auch am Abend geht nicht viel – schon gar nicht in Gesellschaft. Das widerspreche eigentlich dem Gedanken des Ramadan, sagt Elvedin Goljica, sunnitischer Muslim und Projektmanager beim Muslimischen Jugendwerk: "Der Ramadan ist die Zeit der Familie, der Besinnlichkeit und der Entrümpelung des bisherigen Lebens." Sich unbeschwert in großer Runde zum Fastenbrechen zu treffen, sei in diesen Zeiten unmöglich.

Online-Predigten und Rezepte austauschen

Jedoch habe der Ramadan im Pandemiejahr 2020 die gläubigen Muslime ganz gut auf dieses Jahr vorbereitet. "Virtuelles gemeinsames Kochen und Beten und virtuelle Predigten sind dieses Jahr ein normalerer Bestandteil geworden, genauso wie der Austausch von Rezepten."

Viele hätten Lust bekommen, nachhaltiger zu kochen, auf Plastikmüll möglichst zu verzichten und Bio- und Fair-Trade-Produkte zu verarbeiten, erläutert Goljica. Und: Im Internet und auf Social-Media-Plattformen kursierten mittlerweile viele Ratgeber, wie man den Ramadan unter Lockdownbedingungen gut bewältigen könne.

Fasten aus Solidarität mit dem WG-Kumpel

Natürlich sei es für Alleinlebende nicht so einfach, räumt der gläubige Muslim ein. Selbst wer keine eigene Familie habe, aber zumindest in einer WG lebe, sei besser dran. Ihm gefalle deshalb die Geschichte eines Freundes, ebenfalls ein gläubiger Muslim. Der berichtete ihm, "dass sein WG-Mitbewohner, der kein Muslim ist, dieses Jahr mitfasten möchte. Aus Solidarität und Mitgefühl." Zwei Begriffe, die im Islam eine wichtige Rolle spielen.


Zweiter Ramadan in der Pandemie  In "Fazit" sprach Sigrid Brinkmann mit der bosnisch-muslimischen Journalistin Melina Borčak.


Die bosnisch-muslimische Journalistin Melina Borčak erzählt, dass es dieses Jahr bei ihrer Familie in Sarajevo, genau wie im Jahr zuvor, viel weniger Vorbereitungen gebe als üblich. Normalerweise würden im Ramadan fast jeden Abend Freunde, Familienmitglieder oder Nachbarn zum Fastenbrechen eingeladen. Dieses Jahr werde diese Zeit viel ruhiger ausfallen.

Was man durch Verzicht lernen kann

"Der Ramadan ist das Highlight des muslimischen Kalenders. Wir freuen uns, dass wir von dieser schnellen und manchmal auch überlastenden Welt eine Pause bekommen und uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren können." Der Fastenmonat beinhalte zwei der fünf Säulen des Islam: Das Fasten und das Spenden an Bedürftige, sagt Borčak.

Durch das Fasten merkten die Menschen, wie schwer es ist, auf bestimmte Dinge zu verzichten und welches Glück sie haben, normalerweise nicht darauf verzichten zu müssen. "Wenn man einen Monat lang Hunger spürt, was wir eigentlich in unserer Wohlstandswelt nicht spüren, wenn wir das einen Monat lang durchmachen, Hunger und Durst, dann spenden wir am Ende des Monats viel mehr Geld an Bedürftige, als wir es sonst machen würden. Das ist eine der schönsten Sachen an der islamischen Tradition."

Ramadan feiern, auch wenn man nicht religiös ist

Außerdem mache der Kontrast zwischen dem Verzicht tagsüber und dem Essen und Spaß haben mit Freunden nach Sonnenuntergang die Abende umso schöner. Den Ramadan könne man zudem auch feiern, wenn man nicht sehr religiös sei.

"Genau so wie es Christen gibt, die nur an Gott denken, wenn sie in einem brennenden Flugzeug sind oder wenn Weihnachten ist, gibt es auch Menschen, die 'kulturell muslimisch' sind, die die Feiertage mitmachen und sich an der Ramadan-Atmosphäre erfreuen, obwohl sie vielleicht selbst nicht so gläubig sind." Auch Nicht-Muslime seien beispielsweise zum Fastenbrechen eingeladen, sagt Borčak.

(mkn/rja)


Ramadan in der Pandemie - ein Fest ohne Öffentlichkeit? In "Studio 9" sprach Stephan Karkowsky mit der Kinderbuchautorin und Unternehmerin Nadia Doukali:

Mehr zum Thema

Fastenbrechen mit Hygieneregeln - Keine Umarmung, kein gemeinsames Essen
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 22.05.2020)

Kritik an Religionsamt der Türkei - Moscheen wurden zu spät geschlossen
(Deutschlandfunk Kultur, Religionen, 26.04.2020)

Ramadan in Corona-Zeiten - Wer in einer Familie lebt, hat Glück
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 23.04.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

NahostkonfliktZu viele, die es immer besser wissen
Pro-Israel-Demonstration in München: "Israel muss sich verteidigen" steht auf einem Plakat. (picture alliance / dpa / ZUMAPRESS.com / Sachelle Babbar)

Die Journalistin Esther Schapira kritisiert die deutsche Nahost-Debatte scharf und rät zu "etwas mehr Zurückhaltung und Bescheidenheit". Auch die Verknüpfung von Nahostkonflikt und dem Antisemitismus in Deutschland hält sie für grundfalsch.Mehr

"Dalli Dalli" wird 50Erinnerungen an einen großen Showmaster
Der beliebte Quizmaster Hans Rosenthal während einer "Dalli-Dalli"-Sendung mit einer Karte in der Hand, auf der die Nummer "65" steht. (picture alliance / Istvan Bajzat )

Vor 50 Jahren hieß es erstmals "Dalli Dalli", die Show machte Hans Rosenthal berühmt. Der hatte ein Vierteljahrhundert zuvor den Holocaust überlebt. Seine Tochter erinnert sich an einen Mann, der hart arbeitete und nach Normalität strebte - aber nicht vergaß.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur