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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.05.2015

RAF-Doku von Jean-Gabriel PériotRolle von Staat, Medien und Bürger angesichts von Terror

Von Martina Zimmermann

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Das Polizeifoto zeigt die mutmaßliche RAF-Terroristin Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme in Hannover-Langenhagen, aufgenommen am 18. Juni 1972. (picture alliance / dpa )
Das Polizeifoto zeigt die mutmaßliche RAF-Terroristin Ulrike Meinhof nach ihrer Festnahme in Hannover-Langenhagen, aufgenommen am 18. Juni 1972. (picture alliance / dpa )

Mithilfe von umfangreichem Archivmaterials blickt Jean-Gabriel Périot in "Une jeunesse allemande - Eine deutsche Jugend" auf den Konflikt zwischen RAF und Staat im Westdeutschland der 60er- und 70er-Jahre. Der französische Regisseur stellt hier höchste aktuelle Fragen nach der medialen Vermittlung von Gewalt.

Filmausschnitt: Internationale

Die Internationale erklingt, ein junger Mann zielt mit einem Revolver auf den Zuschauer. Eine Reportage aus dem französischen Fernsehen erklärt die deutsche Jugendrevolte gegen die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern. In den deutschen Nachrichten hingegen ist die Rede von "randalierenden Studenten". Fernsehausschnitte, Fotos, Studentenfilme von Holger Meins und Reportagen von Ulrike Meinhof, Filmausschnitte... Es ist die Geschichte der Bundesrepublik der 60er- und 70er-Jahre, von der Studentenbewegung über die Gründung der Roten Armee Fraktion bis hin zum Tod der Terroristen. Regisseur Jean-Gabriel Périot:

Übersetzer: "Die westdeutsche Gesellschaft erscheint ihm [Périot] völlig blockiert. Dass Polizisten auf Demonstranten einhauen, komme ja bei vielen Demonstrationen vor. Aber in Deutschland spürt er ein regelrechtes Räderwerk: Je mehr Haue die Studenten abkriegen, umso mehr Lust haben sie zu demonstrieren und zu rebellieren. Nur dass ihre Rebellion ins Leere läuft. Ulrike Meinhof und Holger Meins laufen mit ihrem Protest immer wieder gegen die Wand, meint Regisseur Périot. Meinhof wird als Kolumnistin immerhin ins Fernsehen eingeladen, aber selbst bei Podiumsdiskussionen sitzt sie ganz allein unter Männern die um zwei Generationen älter sind. Sie muss extrem eloquent sein, damit man ihr überhaupt zuhört."

Filmausschnitt: "Meine Damen und Herrn zu später Stunde noch einmal ... Diskussion abgelebte Moral, nein, das war letztes Mal, diesmal ausgehöhlte Autorität. Rechts begrüße ich Frau Ulrike Meinhof."

Zehn Jahre lang hat Jean-Gabriel Périot das Archivmaterial in deutschen Fernseharchiven gesichtet, mit Übersetzer, denn er spricht kein Deutsch.

Sprecher: "Er findet auch sehr hart, was er in den deutschen Nachrichten dieser Zeit gefunden hat. Wie Fußgänger auf Demonstranten einprügeln, ist nicht im Film hat ihn aber sehr beeindruckt. Auch dass sie sagen, 'geht doch in die DDR' oder: 'Schneidet euch erstmal die Haare'. Anhand der Bilder hat Périot entdeckt, dass man von der Jugend verlangt die Gesellschaft gefälligst zu akzeptieren hat. Das hätte er sich nicht so vorgestellt."

Auch ein Krieg der Bilder

Jean-Gabriel Périot, der gleichzeitig Cutter ist, schneidet die Positionen kunstvoll gegeneinander. Er montiert Archivmaterial ohne jeden Kommentar aus dem Off und dokumentiert so den Konflikt zwischen dem deutschen Staat und der RAF, der auch ein Krieg der Bilder war. "Une jeunesse allemande – Eine deutsche Jugend" ist ein Blick von außen, angereichert mit Reportagen und Bildern aus Frankreich:

Sprecher: "Auf der Suche nach Material, das erklärt, wer Springer ist, fand er nichts auf Deutsch, dafür aber auf Französisch. Frankreich sei damals antideutsch oder zumindest sehr kritisch gegenüber Deutschland gewesen und das passte gut zu der Kritik der deutschen Studenten am System.

Wenn französische Journalisten interviewen, fragen sie junge Deutsche nach ihren Nazi-Eltern und ob Deutschland eine echte Demokratie sei. Für bestimmte Aspekte war es für den Regisseur daher interessanter französisches Archivmaterial zu nutzen."

Auch die europäischen Intellektuellen und Filmemacher setzten sich in dieser Zeit mit der Revolte, dem Terror und der Repression auseinander. "Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend" beginnt mit der Stimme von Jean-Luc Godard und endet mit Rainer-Werner Fassbinder, der einen Streit mit seiner Mutter gefilmt hat:

Flmausschnitt: "Ja, was wäre denn besser, wenn es das kleinste Übel ist, dann müsste es doch auch was Gutes geben. Was wäre denn besser? – Bei uns im Moment ... das Beste wär so'n autoritärer Herrscher der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich."

Alle Filme von Jean-Gabriel Périot beschäftigen sich mit der Frage nach der Gewalt: Wie entsteht Gewalt, wie wird Gewalt in Bildern gezeigt, wie – und mit welchen Bildern – geht sie in die Geschichte ein. Der Regisseur zeigt die Radikalisierung und die Reaktion der Gesellschaft darauf. Er wirft Fragen auf: Welche Rolle spielen Staat, Medien und Bürger angesichts von Terror? Ein Film von höchster Aktualität.

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