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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.02.2006

Radio aus der Telefonbuchse

Am 7. Februar 1946 ging der Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS) auf Sendung

Von Ingo Kottkamp

Der DIAS war Vorgänger des RIAS. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der DIAS war Vorgänger des RIAS. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Viele Hörer hatte er zunächst nicht, der Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS), als er vor 60 Jahren den Sendebetrieb startete. Gesendet wurde über das Telefonnetz. Um den DIAS zu empfangen, musste ein Radio mit der Telefonbuchse verbunden werden. Erst sieben Monate später schlug die Geburtsstunde des Nachfolgers RIAS.

"Da sind wir also, liebe Hörer. Und wir begrüßen Sie. Nicht mit einer feierlichen Eröffnungsansprache, seien Sie unbesorgt. Obwohl uns ein bisschen feierlich tatsächlich zumute ist bei dieser ersten Begegnung."

Karg und schmucklos war die erste Ansprache des Intendanten Franz Wallner-Basté – passend zur Berliner Ruinenlandschaft. Aber glaubt man Friedrich Luft, dem hauseigenen Theaterkritiker, hätte man an diesem 7. Februar 1946 alles und nichts ins Mikrofon sprechen können.

"Der Drahtfunk, an den wenige genug angeschlossen waren, zuerst eigentlich so gut wie gar keiner, war ja zu Beginn eigentlich nichts anderes als ein Sprechen ins Leere. Hörer hatten wir damals so gut wie keine."

Die Gründung des DIAS, des Drahtfunks im amerikanischen Sektor, war die Reaktion auf einen Konkurrenten. Seit 1945 sendete der Berliner Rundfunk aus dem Westteil der Stadt – aber unter sowjetischer Leitung. Geplant war, dass alle vier Alliierten das Programm mitgestalten sollten. Aber die Verhandlungen darüber blieben stecken, und bald ordneten die Amerikaner den Aufbau eines eigenen deutschen Senders an. Das Tonarchiv bestand zunächst nur aus ein paar Schallplatten, und statt eines Funkhauses bezog man das ehemalige Telegrafenamt in Berlin-Schöneberg.

"Wir saßen aufeinander mehr als nebeneinander in den engen Räumen, die meist keinen Putz hatten, die kalt waren zur Winterszeit und so eigentlich überhaupt keine Arbeitsräume waren."

Als Notbehelf holten die Amerikaner die alte Technik des Drahtfunks aus der Mottenkiste. Gesendet wurde über das Telefonnetz. Die Empfänger sollten aber nicht zum Hörer greifen, sondern ihre Radiogeräte mit der Telefonbuchse verdrahten. Vermutlich folgten nur wenige Berliner dieser Bastelanleitung. Dennoch sendete der DIAS unverdrossen weiter, und am 5. September 1946 gab es Anlass zu einem Namenswechsel.

"Hier ist RIAS Berlin. Eine freie Stimme der freien Welt."

Endlich war der RIAS on air – zunächst nur im näheren Umkreis, mit der späteren Installation eines verstärkten Senders aber auch in Cottbus, Dessau und Wittenberg. Die Meldungen aus dem Berlin des Vier-Mächte-Status wurden immer begehrter.

Reporter: "Hier kommt also eine eifrige Hörerin. Das ist ja reizend, dass Sie uns besuchen. Kommen Sie, setzen Sie sich doch ’n Augenblick hin. Sagen Sie doch ganz kurz, was gefällt Ihnen, was gefällt Ihnen nicht?"

Hörerin: "Ja, mir gefällt vor allen Dingen die Aktualität der ganzen Sendung. Vor allem jetzt in den heutigen Tagen ist es ja besonders ... schön für Sie, also mein ich, dass Sie die ganzen ..."

Reporter: "Für uns?"

Hörerin: "Ja. Na, für die anderen weniger, aber Sie können doch alles so einfangen."

Es gab eine Menge einzufangen für Jürgen Graf, Sammy Drechsel oder Gerhard Löwenthal, die Reporter des frühen RIAS: Not und Entbehrung der Nachkriegszeit, aber auch der schärfer werdende Ost-West-Konflikt. Der RIAS selbst ist ein Spiegel dafür. Anfangs wohnten viele Mitarbeiter im Ostteil Berlins, arbeiteten auch für den Konkurrenten Berliner Rundfunk und bekamen ihr Gehalt zum Teil in Ostwährung ausgezahlt. Die erste amerikanische Direktorin Ruth Norden stand auch politisch für die Suche nach einem Ausgleich zwischen den Siegermächten. Ihr Nachfolger William F. Heimlich war dagegen ein ausgewiesener Kommunistenhasser:

"Es ist mein großer Wunsch, dass Berlin und Ostdeutschland den RIAS als seine Waffe im Kampf für Freiheit und Demokratie ansieht."

Zu Heimlichs Neuerungen gehörten der Aufbau des RIAS-Tanzorchesters und Günter Neumanns Kabarett "Die Insulaner". Der typische RIAS-Sound entstand – und gleichzeitig eskalierte mit der Berliner Blockade die politische Situation. Während der häufigen Stromsperren beschallten Lautsprecherwagen die Straßen mit den neuesten RIAS-Nachrichten.

Im Juli 1948, mitten in der Zeit der Luftbrücke, erhielt der RIAS dann die höheren Weihen eines richtigen Funkhauses. Diesmal gönnte man sich zur Einweihung doch ein wenig Feierlichkeit, inklusive Festouvertüre und einer Ansprache der Bürgermeisterin Louise Schröder.

"Wie die Flugzeuge, die uns heute unsere Ernährung bringen, die Luftbrücke vom Westen zu uns bilden, so bildet der RIAS die Brücke des menschlichen und politischen Verstehens für uns Berliner."

Damit war aus dem improvisierten Drahtfunk ein einflussreicher Sender geworden. Die Radiostation, die sich als Stimme der freien Welt sah, war nun nicht mehr wegzudenken. Aber sie stand von Anfang an auch im Zeichen des Kalten Krieges.

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