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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Radikale Schlichtheit in gelungener Übertragung

Modest Mussorgskys Urfassung des "Boris Godunow" an der Bayerischen Staatsoper München

Von Franziska Stürz

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Alexander Tsymbaliuk als Boris Godunow (Bayerische Staatsoper / Wilfried Hösl)
Alexander Tsymbaliuk als Boris Godunow (Bayerische Staatsoper / Wilfried Hösl)

Kent Nagano realisiert als scheidender GMD der Bayerischen Staatsoper seinen lang gehegten Wunsch, die Urfassung des "Boris Godunow" von Modest Mussorgsky auf die Bühne zu bringen. Den Schwerpunkt bilden dabei die Dialogszenen – die das Stück allerdings dahinplätschern lassen wie einen trägen russischen Strom.

Obwohl die mächtigen Chorszenen mit den bombastischen Klängen aus folkloristischen und geistlichen Musikelementen nach wie vor einen spannungsreichen Rahmen für die Oper bilden, liegt der Kern des Werkes in dieser Münchner Version eigentlich in den eher kammerspielartigen, fein und schwebend dahinfließenden Dialogszenen. Hier hat Mussorgsky sich auf das Wesentliche des Puschkinschen Textes konzentriert - ohne Rücksicht auf Opernkonventionen und mit dem Risiko dramaturgischer Durststrecken.

Kent Nagano kommt der intellektuelle Zugang und die Konzentration auf das Kleinteilige dieser Fassung sehr entgegen. Nach dem grandiosen Einstieg mit den eindrucksvoll kollektiv dröhnenden Massen, fällt allerdings die Spannung in der ersten Dialogszene zwischen dem alten Mönch Pimen und seinem jungen Schüler Otrepjew ziemlich ab. Die katalysatorische Rolle des von Anatoli Kotscherga gesungenen Pimen, der den jungen Grigorij Otrepjew erst darauf bringt, sich mit dem von Boris beseitigten Zarewitsch Dimitrij zu identifizieren, gerät aufgrund fehlender Dynamik in dem stark sprachorientierten Kompositionsstil etwas zäh. Das fließt bisweilen träge dahin wie ein russischer Strom. Glücklicherweise kann Nagano den Spannungsbogen immer wieder erneuern, zumal er ein hervorragendes Solistenensemble und den souverän auftretenden Chor stets im Vordergrund des Klangbildes agieren und glänzen lässt.

Vor allem der erst 36 Jahre junge Hauptdarsteller des Boris, Alexander Tsymbaliuk, überzeugt stimmlich und durch seine großartige Verkörperung des von Gewissensbissen gequälten Herrschers. Dieser Boris hat weiche Züge, die in der Liebe zu den eigenen Kindern und Selbstzweifeln zum Ausdruck kommen, und er stirbt am Ende an den grausamen Mechanismen des Systems einen beachtenswerten Zeitlupen-Tod.

Calixto Bieito hat sich von vornherein zu einer aktuellen politischen Deutung des Stoffes bekannt. Ihm geht es um ein Volk und seine Herrscher in der Krise. Gleich zu Beginn wird das Publikum frontal mit der Staatsgewalt in Form einer voll bewaffneten SEK-Truppe konfrontiert, die die demonstrierende Masse mit Schlagstöcken im Zaum hält. Diese Staatsgewalt bedroht und prügelt Einzelne gnadenlos nieder. Bieito lässt von der Erschießung bis zum Kindesmissbrauch keine Gräueltat aus, doch diese drastischen Aktionen passen in das Umfeld der Handlung. Auch der Regisseur zeigt kleine Schwächen in den Dialogszenen, die gelegentlich zur bloßen Rezitation ins Publikum geraten. Mit den Bildern, die er auf die nebelumwaberte, düstere Bühne bringt, liefert Bieito jedoch eine sehr gelungene Übertragung dieses Ur-Boris in den aktuellen zeitlichen Kontext.

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