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Fazit | Beitrag vom 20.09.2020

"Radical Solidarity Summit" in KapstadtZukunftsvisionen für den afrikanischen Kontinent

Von Leonie March

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Karte des Kontinents Afrika auf einem Puzzle-Globus mit den einzelnen Staaten in unterschiedlichen Farben.  (imago images / Arnulf Hettrich)
Wie Afrika gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte, haben Kulturschaffende auf dem virtuellen "Radical Solidarity Summit" diskutiert. (imago images / Arnulf Hettrich)

Die Kulturszene in Afrika ist zwar auch hart getroffen von der Coronakrise, nutzt die Zeit aber zur Reflexion. Bei der virtuellen Konferenz "Radical Solidarity Summit" diskutierten Kulturschaffende über neue Formen panafrikanischer Solidarität.

Radikale Solidarität ist gefragt in diesen pandemischen Krisenzeiten, so der Titel und Tenor der Konferenz – radikales Umdenken, grenzenlose Solidarität. Dabei gehe es um viel mehr als Protestmärsche und Hashtags, betont die Direktorin des Zeitz MOCAA, Koyo Kouoh:

"Viele assoziieren mit dem Begriff der Radikalität extreme Handlungen, um fundamentale Veränderungen anzustoßen. Während Solidarität mit Einigkeit und gemeinsamen Überzeugungen verbunden wird. Dabei muss Radikalität nicht immer laut und extrem sein, sie kann sich in stillem, beständigem Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse ausdrücken. Solidarität dagegen erfordert Hingabe und Opfer, Engagement, das sich durch Taten ausdrückt. Nicht nur in großen, sondern auch in kleinen, aber essenziellen Gesten."

Eine solche Geste könne darin bestehen, dass erfolgreiche Künstler fragten, wie sie dem Museum in diesen Krisenzeiten beistehen könnten. Oder darin, vorurteilsfrei zuzuhören, um wahrhaftiges Verständnis für Perspektiven anderer zu entwickeln. Um Gemeinsamkeiten zu ergründen, statt sich auf die Unterschiede zu konzentrieren, Vielfalt als Stärke zu begreifen.

Das afrikanische Archiv durchforsten

In den Debatten wurde dabei immer wieder auf, teils in Vergessenheit geratene, panafrikanische Traditionen Bezug genommen: Wie das Wissen, dass wir alle untrennbar miteinander verbunden sind, unser Schicksal nicht erst seit dem Klimawandel und Corona verwoben ist.

Der Philosoph Achille Mbembe  (Picture Alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)Der Philosoph Achille Mbembe fordert, das Selbstverständnis des Kontinents zu überdenken. (Picture Alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Der Philosoph Achille Mbembe spannte den Bogen von Afrika als Wiege der Menschheit bis in die unmittelbare Gegenwart:

"Um Afrika als Zuhause der Menschheit wiederaufzubauen, muss man zunächst begreifen, dass das Narrativ afrikanischen Lebens nicht vollständig ist. Zur Komplettierung müssen wir uns Fragen der Dekolonisierung stellen und das Selbstverständnis unseres Kontinents umfassend überarbeiten: Unsere Sicht auf die Welt und unseren Platz darin, die Frage, ob wir eine spezifische Rolle spielen können und welche Verantwortung wir tragen. Unsere Kulturen haben so viel anzubieten, aber unser afrikanisches Archiv ist noch kaum erforscht, und zwar in allen Disziplinen."

Die Krise als Chance für einen Reset

Die Vergangenheit erforschen, alte Wunden heilen – der Wunsch danach ging bei der Konferenz Hand in Hand mit Kritik an der Gegenwart und Zukunftsvisionen, die nicht allein für den Kontinent bedeutsam sind. Die gegenwärtige, durch die Pandemie ausgelöste, globale Krise wurde immer wieder als Zäsur bezeichnet, als Chance für ein Innehalten, eine Bestandsaufnahme, grundlegende Veränderungen, einen Reset.

Die Historikerin Françoise Vergès formulierte das so: 

"Wir leben mit einer Vergangenheit, die noch nicht aufgearbeitet worden ist. Wir stehen dabei noch ganz am Anfang. Unsere Gegenwart ist ebenfalls verwundet und dringend reparaturbedürftig. Und wir wissen bereits, dass das auch in Zukunft so sein wird, aufgrund der zerstörerischen Kraft von Rassismus und Kapitalismus. Zu diesem Zeitkontinuum kommen globale Verflechtungen: Bei radikaler Solidarität geht es auch um Menschen, die wir vielleicht nie treffen werden, denen wir uns aber verbunden fühlen und mit denen wir solidarisch sind."

Die Nicht-Vernetzten nicht vergessen

Prominentes Beispiel ist die "Black Lives Matter"-Bewegung, die bei der Konferenz ebenfalls kritisch unter die Lupe genommen wurde. Für Rémy Ngamije, Co-Gründer des Literaturmagazins "Doek!" in Namibia geht es dabei auch um Fragen digitaler Privilegien: 

"Hashtags und virale Trends kommen nicht bei der Bevölkerungsmehrheit an, wenn diese, wie hier in Namibia, keinen Zugang zum Internet hat. Das heißt nicht, dass diese Form des Aktivismus nicht effektiv ist, aber eben nur in demografisch begrenztem Rahmen. Natürlich ist die 'Black Lives Matter'-Bewegung für uns relevant, aber das heißt nicht, dass sich auch alle daran beteiligen können. Viele sind von dem Privileg ausgeschlossen, ihre Stimme zu erheben und an dieser Debatte teilzunehmen. Das weckt ein Gefühl der Isolation. Die Welt, so scheint es, findet woanders statt."

Ein Gefühl, das in vielen Ländern des Kontinents verbreitet ist. Und eine zentrale Frage für Kulturinstitutionen wie das Zeitz MOCAA, das den Anspruch hat, repräsentativ und inklusiv zu sein. Das merkte auch Museumsdirektorin Koyo Kouoh selbstkritisch an.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Trotz aller Arbeit, die noch vor ihr liegt, ist ihr mit dieser Konferenz ein Meilenstein gelungen: Debatten jenseits des Elfenbeinturms, in der Vertreter unterschiedlicher Generationen und Herkunft gleichberechtigt zu Wort gekommen sind. Vielfältige Stimmen und Perspektiven, von denen man sich wünscht, dass sie auch im globalen Norden öfter gehört werden. In einer Atmosphäre radikaler Solidarität, die Grenzen sprengt.

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