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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 20.10.2005

Raddatz: Islam stimmt nicht mit dem Grundgesetz überein

Islamkritiker fordert "Lex Islam"

Moderation: Gabi Wuttke

Muslimische Mädchen in der Frankfurter Innenstadt (AP)
Muslimische Mädchen in der Frankfurter Innenstadt (AP)

Der islamkritische Orientalist Hans-Peter Raddatz hat Politikern und Juristen in Deutschland vorgeworfen, eine zu pauschale pro-islamische Position zu vertreten. Der Islam in seiner jetzigen Verfassung stimme nicht mit dem Religionsbegriff überein, der in Artikel 4 des Grundgesetzes zur Religionsfreiheit gemeint sei, sagte Raddatz.

Wuttke: Auf der Internet-Seite des MuslimMarkts hieß es in einer Gebetsformel: "Und wenn Herr Raddatz ein Hassprediger und Lügner ist, dann möge der allmächtige Schöpfer ihn für seine Verbrechen bestrafen". Herr Raddatz, warum nehmen Sie diesen Satz so ernst?

Raddatz: Weil er Bestandteil des islamischen Glaubens ist.

Wuttke: Inwiefern?

Raddatz: Seit den Tagen des Verkünders Mohammed selbst ist der Auftragsmord Teil des Gottesdienstes im Islam. Und über die gesamte Geschichte hinweg gibt es unzählige Beispiele für diese Art des Vorgehens, die ja immer damit zu tun hat, dass der Islam als eine sich politisch verstehende Religion einen entsprechend absolutistischen Geltungsanspruch erhebt und sich selbst als alleinig maßgebend betrachtet. Und das bedeutete in der Geschichte und bis heute in unsere Zeit hinein bedeutet es das auch weiterhin, dass andere nicht-muslimische Weltbilder nicht gelten und womöglich verdrängt werden, dass deren Exponenten, also vorwiegend ich beispielsweise, die nicht-islamische oder sogar islamkritische Inhalte verbreiten und damit auch der Ausbreitung des Islam bei uns im Wege stehen, dass die also früher oder später zu beseitigen sind. Und ihre Beseitigung bedeutet eine Aufwertung desjenigen, der sie durchführt. Denn Koran und Prophetentradition liefern reichliches Material zur Rechtfertigung eines solchen Vorgehens.

Wuttke: Herr Raddatz, islamkritische Positionen, welche vertreten Sie denn?

Raddatz: Also eigentlich, wenn Sie es ganz genau nehmen wollen, greife ich in meinen Büchern den Islam gar nicht direkt an, sondern ich greife die Art und Weise an, mit der wir selbst innerhalb unserer Institutionen mit den muslimischen Repräsentanten und der Gemeinschaft hier umgehen. Und zwar kritisiere ich die pauschalisierende und damit auch polarisierende pauschale pro-islamische Position, die insbesondere in den Parteien und auch in der Juristerei...

Wuttke: Sie beziehen sich jetzt auf Deutschland?

Raddatz: Ja, ich beziehe mich jetzt auf Deutschland. Natürlich trifft das in Abstufungen auf andere Länder auch zu. Diese immer deutlicher werdende Interessenwahrung islamischer Interessen durch unsere maßgeblichen Institutionen hat zu einer übergreifenden Institution geführt, die wir "Dialog mit dem Islam" nennen. Und da gibt es bereits in der Wissenschaft, zum Beispiel in der Soziologie, aber auch in der Totalitarismusforschung gibt es bereits sehr, sehr starke Kritik an dieser Entwicklung, weil nämlich hier schon wieder ein Ansatz auch zur Radikalität zu sehen ist.

Wuttke: Also kurz zusammengefasst, Sie kritisieren die Parallelwelten, die es in Deutschland gibt.

Raddatz: Das ist das Resultat, Frau Wuttke. Das ist das Resultat. Was in allererster Linie hier zu beachten ist, ist die Art und Weise, wie wir die Grundrechte anwenden. Es gibt vor allen Dingen in diesem Kontext das unverzichtbare Grundrecht der Freiheit in der Religion. Und wenn wir denn dem Islam die Freiheit in der Religion zuerkennen, was kein Mensch bestreitet, dann müssen wir uns darüber klar werden, welche Art von Religion wir damit meinen. Und wenn es denn so sein sollte, und wenn es denn so ist, wie hier in diesem Fall, dass die Anstiftung zum Mord Teil des Gottesdienstes ist, dann wird dieser Teil zumindest und einiges andere, wie zum Beispiel die Frauenrepression und dergleichen, wird natürlich von Artikel 4 des Grundgesetztes, sprich also Freiheit der Religionen, nicht abgedeckt. Denn der Kommentar, der dort steht, der übrigens von dem früheren Bundespräsidenten Herzog geschrieben wurde, deckt das eindeutig nicht ab. Sondern dort steht sinngemäß, dass Religionen, die das freiheitliche System, das ihnen diese Religionsfreiheit einräumt, angreifen, werden von diesem Artikel nicht abgedeckt. Und dieser Sachverhalt liegt hier vor. Deswegen fordere ich eine, ich nenne es Lex Islam.

Wuttke: Das heißt?

Raddatz: Das heißt, dass wir uns klar darüber werden, dass der Islam in seiner jetzigen authentischen Verfassung nicht mit dem Religionsbegriff übereinstimmt, der in Artikel 4 Grundgesetz gemeint ist.

Wuttke: Was erwarten Sie dann also von der Politik, von einer Bundesregierung unter einer Kanzlerin Merkel?

Raddatz: Das ist ein übergreifendes Thema. Und die Kanzlerin Merkel wird das kurzfristig... das hat nichts mit Personen in der Politik zu tun, das ist ein übergreifendes Thema, das sträflich lange vernachlässigt wurde.

Wuttke: Aber Frau Merkel hat ihre ganz dezidierte Position, wir blicken auf den Beitritt, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Das ist ja Teil des Problems für sie.

Raddatz: Eben. Wir haben viel zu lange diese Diskrepanz übersehen beziehungsweise unter den Teppich gekehrt, oder wir waren zu bequem, uns mit dieser zugegebenermaßen komplexen Thematik auseinanderzusetzen. Was auch immer die Motive gewesen sein mögen, jetzt entwickeln sich, oder es entwickelten sich, schon vor jetzt meiner persönlichen Situation haben sich ja auch schon erkennbare Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit des Islam entwickelt. Also das übersehen ja nur noch sehr wenige inzwischen. Jedenfalls ist das ein übergreifendes Problem. Außerdem ist der Islam eine universale Religion, weil sie die Politik mit erfasst, denn der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern auch ein Staatskonzept, das sich alleine sieht, das langfristig jedes andere Konzept verdrängen will. Und das ist der Grund für die aktuellen Probleme, die wir haben. Und wir können sie nicht kurzfristig lösen, sondern nur mittel- bis längerfristig. Und wir können sie auch nur dadurch lösen, dass wir die Betroffenen Fachschaften in Anführungsstrichen mit einbinden. Das können die Politiker nicht allein. Da müssen kompetente Juristen ran, Soziologen, Orientalisten.

Wuttke: Herr Raddatz, also dem einen Riegel vorzuschieben heißt für Sie, trotzdem den Dialog zu suchen?

Raddatz: Selbstverständlich! Wie soll das denn ohne Dialog gehen? Außerdem ist der Dialog einer der zentralen Lebensgrundlagen der westlichen Zivilisation. Ich bitte Sie, wir haben selbst eine gewaltige Vergangenheit über viele Jahrhunderte überwunden durch Reformation und Aufklärung und jetzt auch innerhalb der modernen Entwicklung. Erinnern wir uns immer wieder daran, dass wir selbst eine Gewaltgeschichte hatten und teilweise noch haben.

Wuttke: Das heißt, Sie können auch nachvollziehen, warum die Verfasser dieser Drohung an Sie, Sie als Hassprediger bezeichnen?

Raddatz: Aus ihrer Sicht bin ich natürlich ein Hassprediger, weil ich ihrem Glauben nicht folge, weil ich sie nicht hundertprozentig unterstütze. Selbstverständlich! Ich erwarte von einem gläubigen Moslem, der nicht dazu angehalten wird, sich an die demokratischen Spielregeln zu gewöhnen, von dem erwarte ich genau das Verhalten, was Herr Özoguz an den Tag gelegt hat.

Wuttke: Sie haben inzwischen Personenschutz. Beruhigt Sie es, dass Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft wachsam sind?

Raddatz: Ja, das zeigt mir, dass zumindest die wesentlichen Teile, was die Sicherheit betrifft, noch intakt sind. Obwohl auch hier es Behörden gibt, liebe Frau Wuttke, die das auch schon etwas anders sehen. Ich will jetzt hier nicht ins Einzelne gehen.

Wuttke: Herr Raddatz, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und wünsche Ihnen vor allen Dingen alles Gute.

Raddatz: Danke schön.

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