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Buchkritik | Beitrag vom 12.01.2019

Rachel Ingalls: "Mrs. Calibans Geheimnis"Die Frau und der Amphibienmann

Von Manuela Reichart

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Buchkritik Rachel Ingalls fantastischer Roman "Mrs. Caliban Geheimnis". (Wagenbach/Jong Marshes/Unsplash/Deutschlandradio)
Zwischen Mrs. Caliban und der froschähnlichen Kreatur aus der Tiefe entsteht eine erfüllende Romanze. (Wagenbach/Jong Marshes/Unsplash/Deutschlandradio)

Eine Frau und ein aus einem Forschungslabor entkommenes Amphibienwesen als Liebespaar? In Rachel Ingalls Roman "Mrs. Calibans Geheimnis" funktioniert das wunderbar. Ihre zutiefst menschliche Geschichte passt in keine Genreschublade.

Sie ist eine brave Ehefrau in mittleren Jahren, er "eine gigantische, gut zwei Meter große froschähnliche Kreatur", die plötzlich in ihrer Küche steht. Dieser fremdartige Wasser­mann knurrt sie zwar bedrohlich an, sie fürchtet sich jedoch nur für einen Augenblick, setzt dem Hungrigen dann Gemüse und Spaghetti vor und versteckt ihn rasch im Gästezim­mer. Er ist aus einem Forschungslabor ausgebrochen, wo man mit und an ihm brutale Experimente durchführte. Nun sucht die Polizei nach diesem Wesen aus einer fremden Welt. In der Zeitung steht, er sei ein Monster. Er braucht ihre Hilfe. Und er erweist sich als zärtlicher Liebhaber.

Zwischen der lange schon in einer unerfüllten und kalten Ehe lebenden Dorothy und diesem Larry aus der Tiefe des Meeres entspinnt sich eine wunderbare und erotisch ausge­sprochen erfüllende Romanze. Das ungewöhnliche Liebespaar macht nächtliche Ausflüge ans Meer, denkt darüber nach, ob es ein gemeinsames Kind und wo es eine Zu­kunft geben könnte.

Passt in keine literarische Genreschublade

Dass er anders aussieht als gewöhnliche Männer, macht ihr nichts aus. Sie findet auch nicht, dass sie wirklich verschiedenen Arten angehören, zieht stattdessen Verbin­dungslinien zwischen der schändlichen Behandlung, die er von gewissenlosen Wissenschaftlern erfahren hat und der Lage der Frauen: "Jahrhundertelang haben die Leute gesagt, Frauen hätten keine Seelen. Und noch heute scheinen die meisten daran zu glauben. Das ist genau dasselbe."

Die 1940 in Boston geborene, seit mehr als fünf Jahrzehnten in England lebende Autorin ist bei uns unbekannt. Dieser schmale phantastische Roman erschien 1982 (es gab 1990 eine nicht beachtete erste deutsche Ausgabe). Er passt nicht in literarische Genreschubla­den: Fantasy-, Emanzipations-, Gesellschaftsroman? "Mrs.Calibans Geheim­nis" erfüllt alle Voraussetzungen. Zumal man sich vom heiteren Ton des Beginns nicht täu­schen lassen darf, denn es geht hier auch um Gewalt und Lüge - und die grundsätzliche Frage nach Menschlichkeit.

Vergnüglich und wirkungsmächtig

Im letzten Jahr lief mit großem Erfolg der Hollywood-Film "Shape of Water" in unseren Kinos. Die sentimentale und traurig-schöne Romanze zwischen einer stummen Rei­nigungskraft und einem Amphibienmann (den sie aus einem Versuchslabor befreit) wurde mit vier Oscars ausgezeichnet. Dass Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro den Roman von Rachel Ingalls nicht gekannt haben soll, erscheint nach der ebenso vergnüglichen wie wirkungsmächtigen Lektüre ganz und gar unwahrscheinlich.

Rachel Ingalls: "Mrs. Calibans Geheimnis"
aus dem Englischen von Werner Lö­cher-Lawrence
Verlag Klaus Wagenbach, 2018
142 Seiten, 18 Euro

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