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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 27.07.2007

Rache, Ruhm und Reaktionen

Louise Richardson: "Was Terroristen wollen"

Rezensiert von Rudolf Walther

Der wohl bekannteste Terrorist: El Kaida-Führer Osama bin Laden (AP)
Der wohl bekannteste Terrorist: El Kaida-Führer Osama bin Laden (AP)

Terroristen seien weder Verrückte noch Psychopathen, sondern rational handelnde Menschen, die ein politisches Ziel erreichen wollten. Das schreibt die US-amerikanische Sicherheitsexpertin Louise Richardson in ihrer brillanten Analyse. Sie wollten Rache nehmen, Ruhm erfahren und ihre Gegner zu einer Reaktion zwingen.

An Büchern über Terror und Terrorismus herrscht seit dem 11. September 2001 kein Mangel. Und viele davon sind Schüsse aus der Hüfte. Doch auf das Buch von Louise Richardson trifft das nicht zu. Die Professorin in Harvard, die aus Irland stammt und deshalb den Terrorismus und das vertrackte Zusammenspiel von Terror und staatlicher Gewalt aus der Nähe kennt, hat ein Buch vorgelegt, das mit Legenden, Gemeinplätzen und freihändigen Spekulationen aus dem publizistischen Handgemenge gründlich aufräumt.

Was die Ursachen des Terrorismus betrifft, so liegen sie für Louise Richardson "nicht in den objektiven Lebensbedingungen von Armut oder Leiden noch in einem rücksichtslosen Machtstreben, ...sondern vielmehr in einem tödlichen Cocktail, der aus einem entfremdeten Individuum, einer Terror gutheißenden Gemeinschaft und einer legitimierenden Ideologie besteht."

Zwischen Armut und Terrorismus existiert kein direkter kausaler Nexus, sonst müsste er in Afrika am stärksten verbreitet sein. Armut und Elend sind keine Ursachen des Terrorismus, wohl aber Risikofaktoren:

"Genauer: Wenn erst einmal Terrorbewegungen entstanden sind, steigern Armut und Ungleichheit die Wahrscheinlichkeit, dass sie Anhänger finden. Der Einzelne wird vielleicht nicht von Armut und Ungleichheit dem Terrorismus in die Arme getrieben, aber die Entfremdung, die solche Verhältnisse mit sich bringen, veranlassen andere, ihn zu unterstützen."

Terroristen sind weder Verrückte noch Psychopathen, sondern rational handelnde Menschen, die ein mehr oder weniger genau bestimmtes politisches Ziel - das durchaus pervers oder hybrid sein kann - erreichen, wollen. Terrorismus ist keine Pathologie, sondern eine politische Strategie, die weder an eine bestimmte Staatsform gebunden ist noch an eine bestimmte Religion.

Dies muss zur Kenntnis nehmen, wer erfolgreich gegen den Terrorismus vorgehen will. Eine Dämonisierung des Terrorismus zum schlechthin Bösen ist nicht hilfreich, denn Terroristen sind in einem erstaunlichen Maße normal. Von 172 El Kaida-Aktivisten stammen zwei Drittel aus der Mittel- oder Oberschicht, verfügen über eine höhere Bildung und sind im Durchschnitt 26 Jahre alt. Die meisten können ziemlich präzise sagen, wie und warum sie zum Terrorismus kamen. Die Motive sind weniger individuell als vielmehr politisch, ethnisch, national, sozial oder religiös begründet, wobei sich diese Momente in der Regel so durchmischen, dass sie kaum mehr unterscheidbar sind. Das gilt insbesondere, wie Louise Richardson anhand vieler Beispiele zeigt, für politische und religiöse Motive. Religionen sind nicht die Ursache von Terrorismus, aber politisierte und instrumentalisierte Religionen verhelfen dem Terrorismus zu vordergründig plausiblen Rechtfertigungen.

Die effektivste Form des Terrorismus ist, wie die Geschichte zeigt, der staatlich ausgeübte Terrorismus. Konsequent angewendet, ist er allerdings nicht sehr stabil. Und mit jedem Schritt an liberalisierenden Zugeständnissen untergräbt der Staatsterrorismus seine Legitimität. Zu den beständigsten Terrorbewegungen gehört der ethno-nationalistische Terrorismus - etwa in Irland. Er überlebte über hundert Jahre, weil er eine starke Bindung die Bevölkerung hatte. In dieser Gemeinschaft bilden sich ein "Komplizenumfeld" und "Gewaltkulturen" aus, die Terroristen begünstigen und Normalitäten erzeugen, die erschrecken. Als sie 14 Jahre alt war, wäre Louise Richardson am liebsten zur IRA gegangen, und für sie galt damals ganz selbstverständlich:

"Ein katholischer Toter war ein Verlust für unsere Seite, ein toter Soldat ein Sieg."

Louise Richardson: Was Terroristen wollen (Coverausschnitt) (Campus Verlag)Louise Richardson: Was Terroristen wollen (Coverausschnitt) (Campus Verlag) Louise Richardson unterscheidet bei Terrorbewegungen langfristige und kurzfristige Ziele. Langfristig sind die politischen Ziele von ethnonationalistischen Gruppen wie der kurdischen PKK oder der irischen IRA: sie zielen auf einen eigenen Staat. Sozialrevolutionäre Gruppen wie die italienischen "Roten Brigaden" wollten den Kapitalismus überwinden und politisch-religiöse Gruppen wie die libanesische Hizbollah streben langfristig die Wiederherstellung des Kalifats an. Davon zu unterscheiden sind die kurzfristigen Ziele. Hier geht es darum, Aufmerksamkeit zu erwecken, Öffentlichkeit herzustellen, Zugeständnisse zu erpressen, staatliche Reaktionen provozieren oder einfach Unruhe stiften wollen. Die Autorin fasst die kurzfristigen Ziele zusammen unter den drei großen Rs:

"Sie wollen Rache nehmen, Ruhm erfahren und ihre Gegner zu einer Reaktion zwingen."

Die momentan häufigste Form terroristischer Bewegungen ist die der Selbstmordanschläge. Bekannt seit der Antike, handeln Selbstmordattentäter im Grunde so wie brave Soldaten: in leidenschaftlicher Loyalität zu einer Gruppe und einem politischen Ziel geben sie ihr Leben freiwillig hin, um andere Menschen zu töten. Sie agieren analog zu Horaz‘ Devise: "Beglückend und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben."

Während Louise Richardson im ersten Teil des Buches ein immenses empirisches Material zusammenträgt, um ihre Thesen zu untermauern, geht sie im zweiten Teil mehr analytisch vor. Dieser handelt von den staatlichen Reaktionen auf den Terrorismus. Die amerikanische Regierung antwortete auf die terroristische Provokation des 11. September postwendend mit einer "Kriegserklärung gegen den Terrorismus." Die Autorin sieht darin einen groben Fehler:

"Aber der Krieg wurde nicht denen erklärt, die das Verbrechen begangen haben, sondern der Strategie, mit der sie uns getroffen haben. Es war ein Krieg den wir nicht gewinnen konnten. (...) Terror ist wie Angst eine Emotion, und einer Emotion einen Krieg zu erklären, ist kaum eine zum Erfolg führende Strategie."

Obendrein adelte man mit der Kriegserklärung den Gegner zum Kriegsgegner. Terroristen sehen sich gerne als kriegführende Soldaten und wollen als Kriegsgefangene behandelt werden wie ehedem die verurteilten Mitglieder der RAF. Gleichzeitig aberkannten die USA den vermeintlichen Kriegsgegnern jedoch die Gleichberechtigung, nannten sie "ungesetzliche Kombattanten" und begingen einen folgenreichen Fehler: Mit der Einrichtung des Lagers in Guantánamo verließ die amerikanische Regierung den Boden des Völkerrechts und der Genfer Konventionen. Sie machte sich damit unglaubwürdig, denn sie verletzte den Grundsatz, dass nach eigenen völker- und menschenrechtlichen Prinzipien leben und handeln muss, wer glaubwürdig den Terror bekämpfen will.

Die amerikanische Regierung kannte ihren Gegner nicht, hatte keine Strategie und keine Geduld und setzte allein auf militärische Gewalt. Dem widerspricht Louise Richardson mit einem Zitat von Georgios Grivas, dem Chef einer zypriotischen Terrorbewegung:

"Mit einem Panzer fängt man (...) keine Feldmaus – das kann eine Katze besser."

Das Desaster des "Kriegs gegen den Terrorismus" in Afghanistan und im Irak war absehbar: die sowjetischen Truppen erlebten in Afghanistan dasselbe, und die Hizbollah war nach dem Abzug der israelischen Armee im Jahr 2000 stärker und gewalttätiger als beim Einmarsch 1982. Übermächtige militärische Gewalt beruhigt zwar vorübergehend die Lage, schafft aber vor allem - so Louise Richardson - "Rekrutierungsgoldgruben" für terroristische Organisationen.

Das hierzulande modisch gewordene Gerede vom "asymmetrischen Krieg" verdeckt nur die Ratlosigkeit angesichts der Folgen des "Kriegs gegen den Terrorismus". Louise Richardson schlägt einen Strategiewechsel vor. Terroristen sollen wie Kriminelle mit verdeckten Ermittlungen und in internationaler Zusammenarbeit verfolgt werden. Parallel dazu muss die Bevölkerung durch geeignete wirtschaftliche und politische Maßnahmen gewonnen werden. Es geht also um eine Kombination von Zwangsmaßnahmen gegen wirkliche Gewalttäter und Beschwichtigungsangebote für potenzielle Rekruten terroristischer Bewegungen. Vor allem aber erinnert Louise Richardson die Regierungen, die den Terror bekämpfen wollen, sich an einen Grundsatz halten, den Benjamin Franklin bereits 1775 formulierte:

"Wer eine Grundfreiheit für vorübergehende Sicherheit aufgeben würde, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."

Angesichts der zuweilen hitzigen Debatten hierzulande über Terrorismus und den Schutz davor kann man der brillanten Analyse von Louise Richardson nur möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen.

Louise Richardson: Was Terroristen wollen.
Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können.
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert,
Campus Verlag, New York und Frankfurt a. M. 2007, 382 S.

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