Queere Kunst in der DDR

Unsichtbar gemacht

Linolschnitt, der junge Männer oberkörperfrei, in kurzen Sporthosen zeigt. Einer von ihnen fotografiert eine Gruppe von ihnen.
"Jugend und Sport" von Jürgen Wittdorf. Der queere Maler und Grafiker schuf seine homoerotischen Arbeiten in der DDR nur im Privaten © Sammlung Schwules Museum und KVOST, Berlin
Von Maja Fiedler |
Queere Kulturschaffende konnten in der DDR oft unbehelligt arbeiten – solange ihre Identität unsichtbar blieb. Wer sie offen ausdrückte, bekam Probleme. Viel queere Kunst entstand daher im Verborgenen und wird erst heute entdeckt.
Queere Lebensrealitäten in der DDR sind bis heute kaum erforscht. Obwohl der Staat Homosexualität bereits 1968 entkriminalisierte, blieben offen queere Identitäten gesellschaftlich tabuisiert und politisch heikel.

"Queer” wurde in der DDR nicht verwendet. Worte wie "schwul" oder "lesbisch" waren oft negativ besetzt. Viele Frauen verstanden sich vor allem als Feministinnen. Heute dient "queer” als Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der gesellschaftlichen Norm von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit entsprechen.

Wer sein Queer-Sein nicht thematisierte, hatte wenig zu befürchten. Unter welchen Bedingungen queere Kulturschaffende arbeiteten, wie Zensur und Materialmangel ihre Kunst prägte und warum viele ihrer Werke erst jetzt neu entdeckt werden.

Was war für queere Kulturschaffende in der DDR möglich?

Die DDR schaffte den Paragrafen 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, 1968 offiziell ab. Die Bundesrepublik erst 1994. Somit erschien die DDR auf dem Papier liberaler als die Bundesrepublik. In der Praxis hing der Alltag queerer Kulturschaffender jedoch stark von ihrer Sichtbarkeit und ihrem Umfeld ab.
Einige berichten von einem vergleichsweise unkomplizierten Leben: Der schwule Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss etwa beschreibt, dass seine Homosexualität während seiner Zeit am Schauspiel Dresden ebenso wenig thematisiert wurde wie seine Hautfarbe.
Queere Kulturschaffende konnten im offiziellen Kunstbetrieb arbeiten, wenn ihre sexuelle Identität in ihren Werken nicht sichtbar wurde und sie die ästhetischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus’ erfüllten. Wer Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK) war und staatliche Themen bediente, erhielt Aufträge, Material und berufliche Sicherheit.
Beispiele hierfür sind Erika Stürmer-Alex, die ab 1971 mit einer Frau lebte und dennoch regelmäßig Kunst-am-Bau-Projekte realisierte, oder Jürgen Wittdorf, der offiziell Wandteller gestaltete und Zeichenkurse für die Volkspolizei gab, während seine homoerotischen Arbeiten privat blieben.
Collage über „Russisches Kloster“ (Postkarte), 1982 15 x 10 cm verschiedene Papiere
Erika Stürmer-Alex' Collage über „Russisches Kloster“ (Postkarte), 1982© Erika Stürmer-Alex und KVOST, Berlin
Abseits staatlicher Strukturen schufen Künstlerinnen wie Gabriele Stötzer und die Künstlerinnengruppe Erfurt mit Performances, Fotografien und Super-8-Filmen eigene Freiräume. Doch diese Spielräume hatten klare Grenzen.

Wann bekamen queere Kulturschaffende in der DDR Schwierigkeiten?

Trotz der frühen Entkriminalisierung galt offen gelebte Queerness gesellschaftlich weiterhin als Tabu. So mussten queere Menschen mit beruflichen Nachteilen rechnen, wenn ihre sexuelle Identität öffentlich wurde – etwa mit dem Verlust eines Studienplatzes, einer Degradierung oder Schwierigkeiten im Staatsdienst und Militär.
Wer sein Queer-Sein in seinem künstlerischen Schaffen ausdrücken wollte, traf auf enge Grenzen: Es fehlten Vorbilder, Treffpunkte und Publikationen, wie die Dokumentarfilmerin Barbara Wallbraun berichtet.
Weil viele queere Kulturschaffende nicht im staatlichen Verband organisiert waren, mussten sie einem anderen Beruf nachgehen und hatten nur schwer Zugang zu professionellen Materialien. Die Kunsthistorikerin Susanne Altmann beschreibt, dass einige Künstlerinnen deshalb auf Ersatzmaterialien wie Erdbeerfolie, Karton oder bemalte Möbelstücke auswichen.
Queere Themen waren politisch heikel. DDR-Kultregisseur Heiner Carow, bekannt durch den Film “Paul und Paula”, konnte den Film „Coming Out“ nur drehen, weil er die Zensurbehörden überzeugte, dass schwule Geschichte mit sozialistischer Geschichte verknüpft sei. „Coming Out“ ist der einzige Spielfilm der DDR, der Homosexualität offen thematisierte. Kritische Szenen, z. B. eine Polizeirazzia in einer queeren Bar, wurden gestrichen.

Welche Bedeutung haben queere Kulturschaffende aus der DDR heute?

Queere Biografien und queere künstlerische Ausdrucksformen in der DDR sind bisher wenig erforscht. Erst heute wird queere Kunst als wichtiger Teil der ostdeutschen Kunstgeschichte erkannt. Werke von Gabriele Stötzer fanden 2023 Eingang in große Sammlungen wie das Städel Museum.
Hauptwerke der Künstlerin Erika Stürmer-Alex lagerten bis weit in die 2010er-Jahre unbeachtet in Privatwohnungen, weil es kein museales Interesse gab.
Erika Stürmer-Alex, Stillleben mit Kopf, 1982 107 x 149,50 cm Latex auf Nessel
Erika Stürmer-Alex: "Stillleben mit Kopf", 1982 © Kunstsammlung der Berliner Volksbank und KVOST, Berlin
Internationale Institutionen wie das Getty Research Institute oder das MoMA in den USA zeigten sich früher offen für diese Kunst als deutsche Museen und entwickelten eigene Forschungs- und Ausstellungsprogramme dazu.
Der Film “Coming Out“ bekam auf der Berlinale 1990 den Silbernen Bären und hatte international Wirkung: Er lief weltweit auf Festivals, darunter in Los Angeles. Gleichzeitig musste die erste Generation queerer Filmschaffender nach der Wende berufliche Rückschläge hinnehmen. Schauspieler wie Matthias Freihof und Dirk Kummer galten vielen Castingdirektoren als „zu schwul“, was ihre Karrieren zunächst erschwerte. Freihof etablierte sich später im Theater und Fernsehen, während Kummer als Regisseur Fuß fasste.
Für DDR-Kultregisseur Heiner Carow blieb “Coming Out” der letzte Höhepunkt seiner Karriere. Nach der Wende wurde er auf Fernsehproduktionen reduziert und starb 1997. Weitere Vorführungen von “Coming Out” fanden in neuerer Zeit (2016/17) in Georgien und Russland statt.

"Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda" 
Sa, 28.3. – So, 28.6.26 
Ort: KVOST, nGbK, Mitte Museum, Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Eintritt: frei

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