QAnon und Co.

    Warum Verschwörungstheoretiker von Kindesmissbrauch ausgehen

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    Eine Frau hält ein Schild auf dem steht : Rettet unsere Kinder — Sexsklaven
    QAnons wilde Thesen sagen viel über die verdrängten Ängste der Gesellschaft aus – ihre Ursprünge reichen weit zurück. © imago / Zuma Wire / Christopher Brown
    Till Kössler im Gespräch mit Philipp Schnee · 16.06.2021
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    QAnon-Anhänger glauben, dass Eliten Ritualmorde an Kindern begehen. Solche Verschwörungserzählungen reichen bis ins Mittelalter zurück, sagt der Historiker Till Kössler. Diese verhindern auch den Blick auf konkrete Missbrauchsfälle.
    Satanische Eliten, die Zehntausende Kinder eingepfercht haben, um einen berauschenden Stoff aus dem Blut der Kinder zu gewinnen. Was in der QAnon-Verschwörungserzählung verbreitet wird, ist auch für Verschwörungserzählungen schon ziemlich einzigartig abstrus.
    Allerdings sind der Missbrauch von Kindern, Kinderschutz, gequälte Kinder und Kinderblut alte Motive und solche Verschwörungsmythen gibt es schon lange. Sie lassen sich bis weit ins Mittelalter hinein zurückverfolgen, sagt der Pädagoge und Historiker Till Kössler. "Ritualmordvorwürfe gegen jüdische Mitmenschen finden wir schon sehr früh. Dort wird ein Fantasma entworfen, dass Juden christliche Kinder schlachten und mit dem Blut dann rituelle, religiöse Zeremonien durchführen."

    Antisemitisches Narrativ vom Mittelalter bis ins Heute

    Diese frühe Verschwörungserzählung bestehe aber bis lange in unsere Gegenwart fort. "Wir finden ähnliche Ideen, Geschichten auch noch im frühen 20. Jahrhundert." So beispielsweise ein Fall, der sich 1900 in einer westpreußischen Kleinstadt zugetragen hat: Dort kam es zu einem Mord an einem Jungen. Der Täter wurde nie gefunden, aber der Verdacht richtete sich schnell auf einen jüdischen Metzger.
    "Und es entstand ein lokales Gerücht, dass der Metzger den Jungen ermordet hätte, mit seinen Glaubensgenossen, um das Blut für religiöse Zeremonien zu gebrauchen", berichtet Kössler. "Und das verstörende ist, dass diese Gerüchte nicht nur auf lokaler Ebene verbreitet wurden, sondern auch Widerhall in der konservativen, rechten Presse des Kaiserreiches fanden und dann zu einer großen Polizeiuntersuchung führten. Das heißt, diese Gerüchte stießen auf Glauben und führten dann auch zu antisemitischen Ausschreitungen im Ort."

    Die Forderung nach einer autoritären Ordnung

    Heute säen solche Verschwörungserzählungen oftmals auch Zweifel an der Demokratie. Im frühen 20. Jahrhundert lässt sich an den Narrativen ein Unbehagen gegenüber der modernen, liberalen Gesellschaft ablesen. Oft seien in den entsprechenden Verschwörungserzählungen die moderne Großstadt und die durch die moderne Kultur herbeigeführte Degeneration Schuld daran, dass es zu Übergriffen komme, so Kössler. "Da sind dann oft liberale Eliten im Hintergrund, von denen man annimmt, dass sie ganz wesentlich Missbrauch an Kindern vollführen aufgrund ihrer kulturellen Degeneration. Da spiegelt sich dann eine Großstadtkritik, eine Modernen-Kritik auch mit antisemitischen Stereotypen."
    Dies wiederum diente oft dazu eine neue, autoritäre Ordnung zu fordern, "die besser in der Lage sei, Kinder zu schützen". Gerade in der Weimarer Zeit sei das Narrativ von der nationalsozialistischen Bewegung und anderen rechtsextremen Gruppen gerne genutzt worden.
    Weswegen sich bis in die heutige Zeit zahlreiche Verschwörungsmythen um den Missbrauch Minderjähriger ranken, hängt aus Sicht Kösslers mit unserem Blick auf Kinder zusammen: Sie repräsentieren die Unschuldigen, die guten Seiten unserer Gesellschaft. "Ein wichtiges Motiv in der Moderne ist, dass wir über eine Neugestaltung von Kindheit zu einer besseren Gesellschaft gelangen können. Kindliche Unschuld gilt es – in diesem Sinne –unbedingt zu bewahren, um eben eine bessere Gesellschaft zu schaffen."

    Verschwörungsmythen verdecken konkrete Missbrauchsfälle

    Der Missbrauch von Kindern findet sehr häufig im nahen Familienumfeld statt. Trotzdem wird auch noch heute oft medial das Bild von mächtigen Netzwerken gezeichnet, die im Hintergrund operieren, beispielsweise in dem ARD-Fernsehfilm "Operation Zucker" von 2012. Der Film greife zeitgenössische Ängste auf, so Kössler. In der Zeit seiner Veröffentlichung habe es eine große Debatte über den Missbrauch von Kindern gegeben, "der ja auch tatsächlich real stattfindet. Aber was den Film problematisch macht, ist, dass hier von einem Netzwerk des Schweigens ausgegangen wird, in dem sehr wichtige Personen des öffentlichen Lebens verstrickt sind". Dieses Motiv der größeren Netzwerke mächtiger Männer finde sich in zahlreichen pop-kulturellen Produkten wider.
    Natürlich gibt es Pädophilen-Netzwerke. Gerade deswegen sei es wichtig, genau hinzusehen, betont Kössler. Denn: Mit das fatalste Element dieser Verschwörungstheorien sei, "dass gar nicht mehr darauf geguckt wird, was hat eigentlich konkret eine Missbrauch ermöglicht". Die Verschwörungserzählungen verhindern damit den Blick auf konkrete Missbrauchsfälle. "Da wird Missbrauch ganz generell bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zugeschrieben und man braucht sich dann gar nicht um konkrete Fälle weiter kümmern."
    (lkn)
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