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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.05.2013

Pures Bühnengold

"Archiv des Unvollständigen" von Laura de Weck bei den Ruhrfestspielen

Von Ulrich Fischer

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Uraufführung in Recklinghausen: Szene aus "Archiv des Unvollständigen" -  einem Sprachmusik-Abend (Andreas J. Etter)
Uraufführung in Recklinghausen: Szene aus "Archiv des Unvollständigen" - einem Sprachmusik-Abend (Andreas J. Etter)

Laura de Weck hat ihr neuestes Stück mit dem irritierenden Titel "Archiv des Unvollständigen" zusammen mit dem Regisseur Thom Luz entwickelt. Die Bühnencollage, in der das Theater gegen seine eigenen dramaturgischen Gesetze anspielt und absurde Züge annimmt, ist glänzend inszeniert. Und glänzend gespielt!

Laura de Weck hat zusammen mit ihrem Regisseur Thom Luz ihr neuestes Stück entwickelt, sie nennen es "Archiv des Unvollständigen" – ein irritierender Titel. Bei einem Archiv denkt man an eine möglichst vollständige Sammlung – "Archiv des Unvollständigen" klingt wie ein Widerspruch in sich. Und das soll es auch sein.

Die Collage spielt in einem bühnengroßen Tonstudio. Nach hinten wird es von sechs Zellen auf zwei Ebenen abgeschlossen, unten drei, oben drei. Sie haben Glasscheiben wie eine Regiekabine oder sind selbst kleinere Tonstudios. Hier treten fünf Schauspieler auf, drei Damen, zwei Herren.

Eine Schlüsselszene gleich am Anfang handelt von der herkömmlichen Dramaturgie. Dazu gehören Protagonist und Antagonist, ein Konflikt und so weiter. Gegen diese Gesetze der Bühne werden Laura de Weck und Thom Luz verstoßen – und das mit Lust. Das Thema wird noch einmal variiert, es gibt eine kurze Vorlesung über den Dialog – eine spricht, der andere hört zu und erwidert, wenn der erste fertig ist. Auch gegen diese Vorschrift verstößt das fünfköpfige Ensemble ständig.

Zum Beispiel tritt einer nach vorn und erzählt eine Geschichte, eine "wahre Geschichte" (Vorsicht, Ironie und Doppelsinn!), wie er betont. Es ist die von Charles Ives. Ives, ein berühmter amerikanischer Komponist ("The Unanswered Question", 1908) , wollte eine Universelle Komposition ("Universe Symphony") schaffen, die alles umfasst: "Von den Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis hin zur Geographie der Moose ...". Ives hat es nicht geschafft, er starb vorher.

Auch gegen Ives‘ ästhetisches Ideal, die Totalität, die bei uns in Deutschland etwa während der Klassik als Ideal galt, verstößt das "Archiv des Unvollständigen". Hier gibt es nur Rudimente, Bruchstücke, einzelne Szenen. Sie hängen nicht miteinander zusammen.

So scheint es zumindest. Wer allerdings sieht, dass Laura de Weck und Thom Luz die Erwartungen der Zuschauer systematisch enttäuschen (wollen), erkennt, dass sie sich an andere Gesetzte halten, nicht minder streng als die konventionellen, an die des absurden Dramas. Das Stück erinnert mitunter an Samuel Beckett, dann wieder an Botho Strauß.

Und doch ist das "Archiv des Unvollständigen" nie epigonal – denn es beklagt nicht, dass nichts mit nichts zusammenhängt, dass die Sprache kein Mittel der Verständigung ist und die Menschen voneinander isoliert sind wie Beckett. Die Uraufführung wirkt nie pessimistisch oder dunkel – vielmehr stellt sie fest, dass es so ist, findet das nicht weiter schlimm und entdeckt einige Spuren von Komik.

Diesen Humor arbeitet Thom Luz sorgfältig heraus – und es entsteht eine heitere, souveräne Inszenierung. Untermalt, unterbrochen und/oder kommentiert wird sie mit Musik von Bach bis Freddy Quinn. Ihren Glanz aber bekommt sie durch das Ensemble. Sie haben bei der Inszenierungsarbeit und beim Entstehen des Stücks tatkräftig mitgeholfen, zumindest steht es so im Programmheft – und das ist glaubhaft, denn die Uraufführung wirkt wie aus einem Guss. Sie singen und spielen Instrumente, am herrlichsten glänzt eine Mandoline. Wenn der Scheinwerfer sie hervorhebt, merkt man, wie formvollendet das Instrument ist – und sie wie die Musik ein Ergebnis jahrhundertelangen Forschens nach den Gesetzen der Tonkunst. Laura de Weck und ihre MannFrauschaft, die so vehement gegen Gesetze zu verstoßen vorgeben, meiden nicht die inneren Widersprüche, sie suchen sie.

Bei vielen Uraufführungen gibt es in unseren Zeiten des Regietheaters oft das Gegeneinander von Stück und Inszenierung, der Regisseur versucht sich auf Kosten des Dramatikers zu profilieren. In Recklinghausens Halle König Ludwig ist davon nichts zu sehen – im Gegenteil, alle ziehen am gleichen Strang. Von der Isolation der Individuen, einem Thema des Stücks, ist bei der Verwirklichung der Inszenierung selbst nichts zu sehen, hier scheint sie weitgehend überwunden, hier hat die Verständigung zwischen Dramatikerin, Regisseur und Ensemble offenbar prima geklappt – heraus kommt eine rundum geglückte Uraufführung, bei der das Zusammenwirken aller Beteiligten der Hauptgrund für das Gelingen ist.

Herz, was willst Du mehr? Das "Archiv des Unvollständigen" ist pures Bühnengold, ein Kleinod!


"Archiv des Unvollständigen" ist eine Koproduktion mit dem Oldenburgischen Staatstheater - Premiere in Oldenburg: 21. 9. 2013 – Spieldauer: 90 Minuten

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