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Im Gespräch | Beitrag vom 19.12.2019

Puppenspieler René MarikDer Meister des stotternden Maulwurfs

Moderation: Katrin Heise

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Ein stotternder Maulwurf bringt René Marik Erfolg - auf Bühnen und in TV-Shows. (René-Marik)
Ein stotternder Maulwurf bringt René Marik Erfolg - auf Bühnen und in TV-Shows. (René-Marik)

Ein stotternder Maulwurf bringt René Marik Erfolg - auf Bühnen und in TV-Shows. Mit "Geld her oder Autsch'n" schaffen es seine eigenwilligen Handpuppen auch ins Kino. In seinem ersten Buch stellt er sich auch seiner dunklen Familiengeschichte.

Berlin hat René Mariks Leben verändert. Bis heute kann sich der Puppenspieler, Autor und Musiker nicht erklären, "was die Stadt in mir angerichtet hat." Aufgewachsen in einem Dorf im Westerwald, war er – nach abgebrochener Kfz-Lehre und nachgeholtem Abitur – 1993 zum Mathematikstudium nach Berlin geraten.

"Ich bin nach Berlin gekommen als verschüchterter Mathe-Nerd, der menschenscheu in diese Stadt gekommen ist und innerhalb von einem Monat habe ich hausbesetzt, mit ganz vielen Menschen zusammengewohnt. Irgendwie hat diese Stadt mich einmal von innen nach außen gestülpt."

Mathe-Nerd, Hausbesetzer, Puppenspieler

René Marik wird aber nicht nur innerhalb kürzester Zeit zum Hausbesetzer, er schließt sich auch einer Theatergruppe an. Eine Freundin nimmt ihn schließlich mit zu einem Puppenspiel – "für Erwachsene. Das muss man ja immer dazu sagen." Die Aufführung hinterlässt bleibenden Eindruck bei dem damals Anfang-20-Jährigen. "Das hat mich so weggehauen, dass ich dachte, das muss ich machen, das ist irgendwie toll."

Obwohl er schon alle Scheine in der Tasche hat, schmeißt er sein Mathestudium und beschließt, Puppenspieler zu werden. Mit Kasperle-Theater hat seine Arbeit – anders als oft unterstellt  – allerdings wenig zu tun. Die Charaktere und Geschichten, die Marik seinen Handpuppen mitgibt, wenden sich in den meisten Fällen an ein erwachsenes Publikum. Nicht, weil er es sich vornimmt, sondern weil sich seine Puppen so ergeben.

"Das ist einfach eine Frage der Herangehensweise. Dass ich mir eine Zielgruppe vorstelle und die heißt jetzt eben Kinder und ich versuche mir auszudenken: Was muss ich machen, damit die es gut finden? Das ist so, als würde ich das Pferd auf den Sattel schnallen. Das ist eine Herangehensweise, die mir fremd ist."

Wandeln zwischen Erfolg und Alltag

Nach dem Studium arbeitet René Marik zunächst als Schauspieler. Nach Engagements in Halle, Jena, Schwäbisch Hall und Berlin tritt er heute als Puppenspieler auf den großen Bühnen und im Fernsehen auf. Sein berühmtestes Geschöpf ist der stotternde "Maulwurfn", der einem großen Publikum zuerst vor allem durch Youtube-Videos bekannt wurde.

"Man muss schon ein bisschen aufpassen, dass man nicht durchdreht", sagt René Marik über seinen Erfolg. Bisweilen gebe es eine große Diskrepanz zwischen seinen Auftritten und dem Berliner Alltag: "Man ist auf der Bühne und 2000 Leute rasten aus und dann kommst du nach Hause, machst den Kühlschrank auf und die Milch ist sauer."

Finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne, hat der Künstler mit "Geld her oder Autsch'n" außerdem vor einigen Jahren seinen ersten Film produziert.

Ein Buch gegen die Verdrängung

Vor kurzem ist der 49-Jährige auch als Autor in Erscheinung getreten. In "Wie einmal ein Bagger auf mich fiel: Eine Provinzjugend" schildert René Marik seine Kindheit und Jugend auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr, wo seine Eltern die Kantine betrieben.

Der "Ur-Impuls", das Buch zu schreiben, sei allerdings der Missbrauch der sechs Jahre älteren Schwester durch den Vater gewesen. Als sie ihrem damals 17-jährigen Bruder davon erzählt, will er die Geschichte am liebsten ihrer Fantasie zuschreiben. "Das war ein Teil. Der andere Teil hat verschämt daneben gestanden und gesagt: Du weißt es eigentlich. Du weißt eigentlich, dass es stimmt."

Doch obwohl sich die Schwester ihm und auch der Mutter anvertraut, passiert: nichts. Der Vater leugnet den Missbrauch, versucht die Tochter zu verunglimpfen. René Marik wohnt weiter bei seinen Eltern, als sei nichts geschehen. Er habe das Buch verfasst, "weil ich mir in der Nachsicht nicht erklären kann, wie es dazu kommen konnte, dass eben gar nicht damit umgegangen wurde", sagt René Marik. "Ich habe mich gefragt: Wie konnte es bei mir passieren, dass es einfach weiterläuft?"

In seinem Buch schildert er diese Form der Verdrängung, die es ermöglicht, sich dem Monströsen immer wieder zu entziehen, als "Phänomen der dritten Hand":

"Du hast ein Paket vor dir auf dem Tisch liegen und willst es gerade aufmachen. Plötzlich taucht eine dritte Hand auf, von der du gar nicht wusstest, dass du sie hast, und die schiebt es einfach automatisch zur Seite und du greifst ins Leere. Das Perfide ist: Es steht ja trotzdem da. Es steht da im Schatten."

Mit seinem Buch stellt er sich nicht nur der eigenen Verdrängung. Er will auch andere ermutigen, bei Missbrauch und sexualisierter Gewalt nicht wegzusehen.

(era)

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