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Im Gespräch | Beitrag vom 14.05.2018

Publizistin Inge JensLanger Abschied vom Wortvirtuosen und Ehemann

Moderation: Katrin Heise

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Die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Inge Jens sitzt an ihrem Schreibtisch in ihrem Haus in Tübingen, aufgenommen 2012 (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)
Lange Jahre wurde Inge Jens nur als "Frau von Walter Jens" wahrgenommen. (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Zehn Jahre lang hat Inge Jens ihren demenzkranken Mann, den Tübinger Rhetorikprofessor und Altphilologen Walter Jens, begleitet. Diese Erfahrung verarbeitete die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in dem Buch "Langsames Entschwinden".

Inge Jens, die in der Öffentlichkeit nur selten als Literaturwissenschaftlerin und meist als "Frau von Walter Jens" wahrgenommen wurde, arbeitete ihr Leben lang als Herausgeberin und Publizistin.

"Wir haben doch erst wirklich gemeinsam gearbeitet, sprich, gemeinsam Bücher geschrieben, als wir schon ziemlich alt waren. Wir sind ja 60 Jahre miteinander verheiratet gewesen. Wir hatten immer gleichgerichtete Interessen, aber niemals identische. Sonst hätten wir es nicht so lange miteinander ausgehalten. Es wäre langweilig geworden."

Sie erforschte die Geschichten der Familien Mann, Pringsheim und Scholl

Anhand von Tagebüchern und Briefwechseln hat sie unter anderem die Geschichte der Familien Mann und Pringsheim und der Geschwister Scholl erforscht.

"Zunächst habe ich mich für die Frau von Thomas Mann, für Frau Thomas Mann interessiert, weil ich dachte: Mein Gott, alle Welt redet nur über den Mann. Jetzt soll man doch mal gucken, was ist denn mit der dazugehörigen Frau, von der man ja wusste, dass sie Mathematikerin war. Das ist in der damaligen Zeit nicht ganz gewöhnlich gewesen. Dann habe ich da etwas geforscht und gesehen, dass sie aus einer ungeheuer interessanten Familie stammt, und das hat mich auch ein Stückchen Kulturgeschichte gelehrt."

Zehn Jahre lang hat Inge Jens ihren demenzkranken Mann begleitet. Dabei musste sie Abschied nehmen von einem Virtuosen des Wortes und des überzeugenden Arguments, den sie 1951 geheiratet hatte. In der Krankheit lernte sie ihn nach und nach als einen Menschen kennen, der es liebte, in den Supermarkt zu gehen und Hundewelpen zu streicheln.

"Man muss den Kranken genau beobachten, sehen, was ihm Spaß macht"

"Das Leben mit einem Demenzkranken bedeutet zunächst einmal, sich von allen Konventionen frei zu machen, nur seinem sehr wohl durch den Verstand zu kontrollierenden Gefühl hinzugeben und dem zu folgen. Man muss den Kranken genau beobachten, sehen, was ihm Spaß macht, was ihm keinen Spaß macht. Das ist so verschieden von dem, was einem Gesunden Spaß, dass man das nicht erraten kann, sondern es und nur sehen und erleben kann und dann seine Folgerungen in der Behandlung daraus ziehen muss."

Inge Jens, inzwischen 91 Jahre alt, verarbeitete diese Verwandlung, in dem sie über sie schrieb. Für sich selbst und ihre Freunde. 2016 erschienen ihre Texte aus jenen Jahren in dem Buch "Langsames Entschwinden. Vom Leben mit einem Demenzkranken".

"Es ist der finale Lebensabschnitt. Ich weiß nicht wie lange er dauert. Aber dass sich ein Lebensabschnitt noch anschließen sollte, ist doch mehr als unwahrscheinlich. Und ich weiß nicht, welcher Abschnitt sich nach einem  gelebten hohen Alter noch anschließen sollte."

Das Gespräch mit Inge Jens ist eine Wiederholgung vom 10. März 2016.

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