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Im Gespräch | Beitrag vom 06.12.2019

Publizist Manfred Bissinger"Für Reinhard Mohn war ich der Kommunist"

Moderation: Susanne Führer

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Der deutsche Publizist Manfred Bissinger ( Axel Heimken/dpa )
"Es lebe die Frau" - der Journalist Manfred Bissinger macht im Alter neue Erfahrungen. ( Axel Heimken/dpa )

Manfred Bissinger ist einer der prägenden Journalisten Deutschlands. Den ersten Artikel schrieb er mit 17. Er arbeitete für den „Stern“, war Chefredakteur von „konkret“. Heute bedauert der 79jährige nur, nicht Kulturstaatsminister geworden zu sein.

Vor allem drei Männer und eine Frau spielen in den Erinnerungen von Manfred Bissinger eine besondere Rolle, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Wo aber anfangen? Am besten chronologisch.

1957, noch als Teenager, schrieb er seinen ersten Artikel für den "Kölner Stadtanzeiger", eine Konzertkritik. Gern hätte Manfred Bissinger dort auch sein Volontariat gemacht, aber es fehlte das Abitur. Auf dem Weg in den Journalismus musste er also Umwege gehen, als Autor bei der Zeitschrift "Vieh und Fleischwirtschaft" oder auch bei der "Donau-Zeitung".  

"Mein Vater war ein Nazi"

Die große Karriere begann Ende der 1960er Jahre beim "Stern". Später wurde Manfred Bissinger u.a. Chefredakteur bei "konkret", 1993 Herausgeber und Geschäftsführer bei der Wochenzeitung "Die Woche". Vielen galt der Publizist als "Meinungsmacher" der Republik. Die eigene Mutter aber sollte die Artikel des Sohnes nicht lesen. Warum eigentlich?

"Mein Vater war ein Nazi, und ich musste mich mit meinem Vater immer wieder auseinandersetzen. Meine Mutter durfte nicht lesen, was ich schrieb, also der 'Stern' und später 'konkret' und 'Natur' waren im Haushalt verboten, von meinem Vater. Aber meine Mutter las das heimlich und schnitt sich das aus. Und als sie starb, fanden wir in der Küchenschublade einen Stapel Artikel von mir. Es berührt mich heute noch."

"Eine Million, wenn ich kündige"

Neben den Eltern bleiben noch zwei Personen, die erwähnt werden müssen, beschäftigt man sich mit dem Leben von Manfred Bissinger. Einer davon ist Reinhard Mohn, Gründer und ehemaliger Chef von Bertelsmann. Schon damals gehörte der "Stern" zum Konzern aus Gütersloh. Für Reinhard Mohn war Manfred Bissinger ein rotes Tuch, im wahren Wortsinn. "Er fand mich kommunistisch. Mohn wollte mich unbedingt loswerden. Der kam zu mir ins Zimmer und sagte: 'Herr Bissinger, wir vertragen uns nicht. Sie können eine Million steuerfrei bekommen, und sie kündigen.'"

Bissinger kündigte nicht und Mohn sah sich bestätigt, "dass ich Kommunist bin. Denn nur Kommunisten können sowas machen, also im Kapitalismus auf eine Million verzichten. Ich habe ihm dann versucht zu erklären, dass ich gerne für den 'Stern' arbeitet, dass mir das Spaß macht."

Helmut Schmidt schaltet sich ein

Wenig später musste Bissinger trotzdem gehen, ohne die Million. Sogar der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ließ ausrichten, dass man diese Personalie nicht gut heiße. Sicher, ein Ausdruck dafür, wie wichtig die Presse damals war. Aber doch auch eine Einmischung der Politik, oder? "Ich glaube, dass das nicht der Versuch war, sich in die Presse einzumischen. Sondern es war der Versuch, einen Farbtupfer in der veröffentlichten Meinung zu erhalten und zu behalten", findet Manfred Bissinger.

Bleibt noch eine zentrale Figur in Manfred Bissingers Biographie, Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Von "Geschmäckle" würde man heute sprechen, denn als Chefredakteur bei "Die Woche" schrieb Bissinger Artikel pro Schröder und verfasste Texte gegen Helmut Kohl.

"Ich habe einen mächtigen Freund, den habe ich aber seit Jugendjahren, Gerhard Schröder. Ich hatte genügend Redakteure, die haben dann die Gegenposition eingenommen. Ich hätte sie, das muss ich ehrlich gestehen, auch nicht eingenommen. Ich habe ja auch für ihn gelegentlich Runden organisiert, mit Schriftstellern von Grass über Lenz bis zu Christa Wolf, die ihm auch die Leviten gelesen haben. Das hat er alles gut ertragen."

Den Kulturstaatsminister bei Kaffee und Grappa ausgedacht

Wie Schröder war auch Bissinger Genosse, allerdings trat er Anfang der 1990er Jahre aus der SPD aus. Vor der Bundestagswahl 1998 soll es eine private Runde bei Manfred Bissinger gegeben haben. Bei Kaffee, später bei Wein und Grappa, habe man sich das Amt des Kulturstaatsministers ausgedacht. Neben Gerhard Schröder sollen u.a. auch der Schriftsteller Erich Loest und der Regisseur Jürgen Flimm dabei gewesen sein.

"Das Ziel war auszuloten, was eine rot-grüne Regierung an Kulturpolitik machen könnte. Und der herausragende Punkt in dieser Debatte war der Kulturstaatsminister. Und in diesem Zusammenhang ist der Name Bissinger gefallen. Ich konnte es aber nicht machen, weil meine persönlichen Umstände nicht so waren."

Heute bedauert Manfred Bissinger, dass er dieses Angebot ablehnte, "weil es wäre eine interessante Facette meines Lebens gewesen. Und ich hätte gerne das, wofür ich immer eingetreten bin, in der Politik vertreten."

"Es lebe die Frau"

Bald wird Manfred Bissinger 80 Jahre alt. 2013 hat er sein eigenes Unternehmen gegründet, mit 73. Die Agentur schreibt Texte im Auftrag von Unternehmen. Auch das Leben von Manfred Bissinger wurde gerade in einem Buch festgehalten. Die Fotos darin zeigen fast ausnahmslos Männer, ob Politiker oder Journalisten.

"Mein Leben ist natürlich voll von bräsigen Männern. Das hat sich geändert in den letzten zehn Jahren. Ich habe zum Beispiel in meinem Unternehmen eine Frau als Geschäftsführerin, die ist supergenial. Das wäre früher nicht denkbar gewesen. Es lebe die Frau."

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