Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Freitag, 18.10.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.12.2012

Pubertierende Schüler, Verrat im Kollegium

Richard Yates: "Eine gute Schule", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, 234 Seiten

Podcast abonnieren
Yates' Roman spielt an einem Internat für Jungen. (AP)
Yates' Roman spielt an einem Internat für Jungen. (AP)

Die Bücher des großartigen US-Autors Richard Yates werden derzeit nach und nach ins Deutsche übertragen. Nun erscheint "Eine gute Schule" - sein vielleicht persönlichsten Werk, das vom Leben in einem Internat erzählt.

Richard Yates hat wie kaum ein anderer Autor die Tristesse hinter dem amerikanischen Glücksversprechen aufgezeigt, hat Menschen in ihrer so schaurigen wie hoffnungslosen Bedürftigkeit beschrieben - gedemütigte, vom Leben zerkleinerte, vom Alkohol zerstörte Figuren.

In schnörkelloser Präzision hat er sie gezeichnet, ohne sie je zu denunzieren. Er wusste, wie schwer es ist, zu leben und kannte nur zu gut den Weg, sich selber zugrunde zu richten. Endlich werden die Werke dieses verzweifelten Alkoholikers und großartigen Autors, der 1992 starb, nach und nach ins Deutsche übertragen.

"Eine gute Schule" ist die jüngste Veröffentlichung. Ein Internatsroman, der im Original 1978 erschien. Und auf den ersten Blick nicht so recht in das übliche Tableau aus Wirklichkeitselend und Selbstverwüstung des Richard Yates zu passen scheint. Es ist sein vielleicht persönlichstes Buch, in dem er viel von sich erzählt und sich als weichmütig offenbart, als jemand, der die Menschen mag.

Natürlich gibt es auch in diesem Jungeninternat körperliche Brutalitäten, Cliquenarroganzen und Ausgrenzungen, scheue Freundschaften und herbe Zurückweisungen. Es brodeln die sexuellen und intellektuellen Energien. Doch es fehlen die sadistischen Lehrer. Es fehlt die Lust an der Zerstörung des anderen, wie wir sie aus den entsprechenden Romanen von Robert Musil etwa kennen oder von George Arthur Goldschmidt.

William Groves so lebenstörichte wie alkoholsüchtige Mutter hat den Jungen auf diese angeblich gute Schule geschickt. Eine höchstens zweitrangige Lehranstalt. Doch für Grove erweist sich das Institut als eine sehr gute Schule. Er lernt, die Einsamkeit zu ertragen und sein Talent zu nutzen. Er kann denken, und er kann schreiben. Dem proletarischen Außenseiter mit den falschen Klamotten und fettigen Haaren gelingt es, Chefredakteur der Schülerzeitung zu werden. Er schreibt und streicht und schreibt, wäscht schließlich seine Haare und wagt es am Ende sogar, auf einem Schulball hübsche Mädchen zum Tanz aufzufordern.

Yates lässt hier nicht nur die Schüler strudeln in ihrer Pubertät. Sondern erzählt, wie gleich nebenan auch die Lehrer - nicht ohne traurige Lächerlichkeit - am Leben scheitern. Die Gattin des verwachsenen Chemielehrers gibt sich dem Französischlehrer hin, der Rektor des Internats ist gänzlich überfordert und dem Sherry zugetan. Es gibt Freundschaft und Verrat im Kollegium und einen fast zärtlich komisch und grandios geschriebenen Selbstmordversuch.

Man weiß nicht genau, ob Yates ein mildes Buch schrieb, weil er die Zeit im Rückblick lächelnd betrachtete oder weil die große Zerstörung ohnehin am Horizont lauerte - der Zweite Weltkrieg. Nach dem Krieg, sagen die Knaben und ahnen nicht, ob es für sie ein Nachher geben wird.

Der einfache, scheinbar dahinplaudernde Stil trügt. Es ist ein höchst diszipliniert gebauter Roman. Eine Selbst- und eine Vaterfindung. Dem der Autor im Nachwort in so sanfter wie schmerzlicher Vergeblichkeit - der Vater starb früh - seine Liebe ins ferne Jenseits schickt.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Richard Yates: Eine gute Schule
Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012
234 Seiten, 19,99 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur