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Therapieland | Beitrag vom 01.10.2019

Psychotherapie-Verfahren Sitzen oder Liegen?

Von Pia Rauschenberger und Thorsten Padberg

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Die Illustration zeigt einen Mann mit Rucksack auf einem grauen, brückenähnlichen Weg. Unter ihm läuft eine Person auf einem orangen Weg, im Hintergrund sitzt eine Frau mit einer Tasche auf dem Schoß an einer Kante. (Illustration: Dragan Denda)
Jede Form der Psychotherapie kann zum Ziel führen, aber jede hat ihren eigenen Weg dorthin. Aber nicht Form passt gleichermaßen zu jeder Patientin, jedem Patienten., (Illustration: Dragan Denda)

Alle Psychotherapie-Verfahren haben unterschiedliche Stärken und Schwächen und eignen sich jeweils für unterschiedliche Patientinnen und Patienten. Denn hinter den Methoden stehen auch verschiedene Menschenbilder und Philosophien.

Es gibt nicht die eine Psychotherapie, sondern zahlreiche Therapieformen mit ihren ganz eigenen Ideen, Ideologien und Ansätzen. In Deutschland werden vier verschiedene psychotherapeutische Verfahren von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen: die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und – in Kürze – die Systemische Therapie. Der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg findet daher die Wahl des Verfahrens wichtig:

"Ich merke das immer wieder, dass Klienten irgendwann früher oder später – gerade wenn die Therapie gut ist – anfangen sich selber durch die Augen des Therapeuten zu sehen." Und je nach Menschenbild und Ansatzweise der Therapeutin werden diese Ideen dann möglicherweise auch von den Patienten übernommen.

Die psychodynamischen Verfahren

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (kurz TP) und die Psychoanalyse gehören zu den psychodynamischen Verfahren. Sie gehen auf Sigmund Freud zurück und beruhen auf der Annahme eines psychodynamischen Unbewussten.

"Das heißt, es gibt unbewusste Konflikte. Und dynamisch heißt eben, dass im Unbewussten was los ist." Victoria Preis macht aktuell ihre Ausbildung in beiden Verfahren und erklärt die Idee des Unbewussten: "Es gibt ein Unbewusstes, das sich der Kontrolle entzieht, das aber stets am Werk ist, immer wieder zutage tritt. Da gibt's verschiedene Wünsche, Strebungen, die sich teilweise widersprechen. Dadurch werden Symptome produziert."

Ein großer Unterschied zwischen den beiden psychodynamischen Verfahren ist das Setting: Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie wird in der Regel einmal pro Woche und im Sitzen durchgeführt. Die Psychoanalyse findet mehrmals wöchentlich und im Liegen statt.

"Durch dieses Liegen gibt es einen besonderen Prozess", erklärt Victoria Preis. "Nämlich einer, der weniger auf der Ebene des kognitiven Verstehens passiert und mehr auf einer Ebene, die manchmal schwer zu fassen ist. Da man sich nicht sieht, nimmt die psychische Kontrolle ab und es können Dinge zum Vorschein kommen, die sonst nicht an die Oberfläche treten."

Die Verhaltenstherapie

Im Gegensatz zu den psychodynamischen Verfahren konzentriert sich die Verhaltenstherapie (kurz: VT) nicht auf das Psychisch-Unbewusste, sondern auf konkrete Verhaltens- oder Gedankenmuster. Hier geht es weniger darum, die Kindheit aufzuarbeiten und die inneren psychischen Strukturen zu verstehen und zu verändern, sondern an konkreten Symptomen zu arbeiten.

Die Idee dahinter ist, dass alle Verhaltens- und Erlebensweisen erlernt sind und daher auch wieder verlernt werden bzw. neu gelernt werden können.

Der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg gibt ein Beispiel aus der Praxis: "Sie sehen sich in der Beziehung immer als unterlegen oder Sie glauben, Sie sind nichts wert. Können Sie sich an jemanden erinnern, der Ihnen das möglicherweise so beigebracht hat - das so zu sehen?" Die klassische Verhaltenstherapie beruht auf der Annahme, dass bestimmte Reize bestimmte Reaktionen hervorrufen und diese Reiz-Reaktions-Ketten umprogrammiert werden können.

Die Systemische Therapie

Im Gegensatz zu den anderen psychotherapeutischen Verfahren fokussiert sich die Systemische Therapie weniger auf das Individuum und mehr auf die Systeme, in denen Menschen sich bewegen.

"Die schaut nicht nur auf das Individuum - zum Beispiel das Kind in der Familie", sagt die systemische Therapeutin Katja Wrobel über ihre Therapieform. "Sondern die denkt die Beziehung in der Familie mit, die bedenkt die Kontexte mit."

In einer Systemischen Therapie können beispielsweise Familienmitglieder einbezogen werden, sodass nicht immer nur mit der Klientin gearbeitet wird, sondern unter Umständen mit Angehörigen oder anderen Fachleuten. Die Systemische Therapie gilt als besonders ressourcenorientiert. Das heißt, dass an dem Potenzial und den Stärken des Klienten angesetzt wird, um Veränderung zu bewirken und Lösungen für Probleme zu finden.

Welche Psychotherapie ist die beste?

Diese Frage lässt sich nicht so ohne Weiteres beantworten. Alle vier hier vorgestellten Psychotherapie-Verfahren gelten als wirksam, deshalb werden sie auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Für die psychodynamischen Verfahren und die Verhaltenstherapie ist das aktuell schon so. Vertreter der Systemischen Therapie haben lange daran gearbeitet, bis ihr Verfahren von den wissenschaftlichen Gremien anerkannt wurde. Ende 2018 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) dann entschieden, dass die Systemische Therapie zukünftig von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird.

Wissenschaftlich betrachtet können alle vier Therapieformen zum selben Ziel führen. Aber wie lange es dauert und wie genau man dieses Ziel erreicht, unterscheidet sich je nach Verfahren.

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