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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.12.2013

PsychotherapieKunstvolle Miniaturen

Gabriel Rolón: "Auf der Couch"

Von Susanne Billig

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Freuds berühmte Couch in der Ausstellung "Sigmund Freud: Conflict and Culture" der Library of Congress in Washington, 1998 (AP Archiv)
Freuds berühmte Couch in der Ausstellung "Sigmund Freud: Conflict and Culture" der Library of Congress in Washington, 1998 (AP Archiv)

In einer therapeutischen Praxis begegnet man acht Menschen, die sich ihren tiefsten Ängsten und Sehnsüchten öffnen. Der Psychoanalytiker Gabriel Rolón hat ihre Schmerzen und Kämpfe literarisch machtvoll in Szene gesetzt.

"Und die Seele ahnt es, spürt das Gift, das heimlich durch die Adern fließt. Und das Leben greift zum letzten Mittel, schreit und kämpft und zeigt sich, wo es kann."

Jedem Kapitel seines Buches "Auf der Couch" stellt der argentinische Psychoanalytiker Gabriel Rolón einige Gedichtzeilen voran. Dieser Vers des Sängers Fernando Rabih könnte die psychoanalytischen Konstellationen kaum besser fassen, die das Buch behutsam und konzentriert vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet. In der therapeutischen Praxis des Autors begegnet man acht Patientinnen und Patienten, dem realen Leben entlehnt, die sich ihren tiefsten Ängsten und Sehnsüchten öffnen, namenlose Schmerzen aus der Kindheit zurück ins Bewusstsein holen oder das endgültige Aus gegenwärtiger Lebensweisen und Beziehungen realisieren müssen. Ihr Leben schreit und kämpft und zeigt sich, wo es kann.

Da ist die Geschichte von Laura, die sich von ihrem Mann trennt und danach weiter so mit ihm zusammenlebt, als wäre nichts geschehen. Die beiden teilen Tisch und Bett und spielen sich selbst und ihrem Kind, gelähmt und entfremdet, eine schrecklich heile Familie vor. Mariano geht seit vielen Jahren fremd, weil er nur die Geliebte, nicht aber seine Ehefrau begehren kann. Die Ehefrau will er nicht lassen, weil er an ihr hängt, die Geliebte nicht zur Frau nehmen, weil er dann aufhören müsste, sie zu begehren. Es folgt eine messerscharfe, schmerzhaft präzise therapeutische Auseinandersetzung um die Themen Liebe, Begehren und Beziehung. Amalia trauert so sehr über den frühen Tod ihres Vaters, dass ihr gesamtes Leben daran zu ersticken droht. Die lesbische Cecilia und ihre Familie bindet ein unheilvoller Pakt des Schweigens. Unterstützt vom Psychoanalytiker stellt sich die junge Frau der schweren Aufgabe, ihre Angst vor dem Verlassenwerden Schritt für Schritt zu bändigen und mutige, ehrlichere Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufzubauen.

Facettenreiche literarische Aufbereitung

Die Geschichten Gabriel Rolóns verdichten die komplexen, jahrelangen Prozesse der Psychoanalyse zu kunstvollen Miniaturen. Damit das gelingen kann, bereitet der Autor seinen Stoff literarisch facettenreich auf, drängt und dehnt die Zeit, steuert auf Wendepunkte im psychoanalytischen Geschehen zu und setzt sie machtvoll in Szene. Als Therapeut zeigt er sich selbst mit seinen Gefühlen und Gedanken sehr viel deutlicher, als es in den realen Begegnungen der Fall sein dürfte. Dieser Psychoanalytiker kommentiert, diskutiert, frotzelt und lacht, er kann seinen Ekel kaum an sich halten, als ihm ein Patient von nächtlichen exhibitionistischen Attacken auf Passantinnen erzählt und bricht in der Gruppentherapie nach dem Tod einer jugendlichen Leukämie-Patientin in Tränen aus.

"Jeder Leidende, der zu mir kommt, ruft mich dazu auf, mich gemeinsam mit ihm auf eine Herausforderung einzulassen", sagt Gabriel Rolón. Die Herausforderung seines ersten Buches hat er brillant gemeistert.

 

Gabriel Rolón: Auf der Couch - Wahre Geschichten aus der Psychotherapie
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
btb Verlag, München 2013
256 Seiten, 18,99 Euro

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