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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 01.10.2019

Psychotherapie im AlltagWillkommen im Therapieland

Ein Kommentar von Thorsten Padberg

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Illustration eines abstrakten Kopfs in der Seitenansicht, dem von Händen Puzzleteile eingesetzt werden. (imago/Ikon Images/Gary Waters)
Auch die Seele wird mal krank. Diese Einsicht setzt sich zusehends durch. Aber insbesondere für gesellschaftliche Schieflagen ist die Psychotherapie auch kein Allround-Lösungsmittel. (imago/Ikon Images/Gary Waters)

Der Gang zum Psychotherapeuten hat sein Stigma verloren. Das ist zunächst einmal gut, meint Thorsten Padberg. Doch der Therapeut warnt davor, bei der Behandlung gesellschaftliche Rahmenbedingungen außer acht zu lassen.

Deutschland wird zum Therapieland. Über 22 Millionen Menschen in Deutschland werden jedes Jahr psychisch krank, sagt die Statistik. Das wäre mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die Nachfrage nach Psychotherapieplätzen ist in den letzten Jahren so stark gewachsen, dass sie das Angebot bei weitem übersteigt. Vier Monate wartet man im Durchschnitt.

Ein Stigma löst sich auf

Es verändert sich auch, wie wir über Therapie reden, weil so viele selbst dort waren, jemanden kennen, der dort ist, oder zumindest darüber nachdenken, ob es nicht gut wäre, hinzugehen. 

Hier geht es zum neuen Podcast "Therapieland" zum Thema hinter den Kulissen der Psychotherapie.

Wir haben inzwischen oft gehört, dass psychische Krankheiten jeden treffen können. Warum sollte die Seele gesünder sein als der Körper, heißt es. Das mit dem Besuch beim Psychotherapeuten verbundene Stigma löst sich auf. Die Masse macht's!

Vor der Diagnose steht oft eine soziale Notlage

Das ist seinerseits Symptom eines gesellschaftlichen Trends: Enge Kontakte werden selten. Deshalb wächst der Wunsch nach einem verständnisvollen und verlässlichen Gesprächspartner. Der Psychiater und Chefarzt Klaus Lieb machte in der FAZ Alleinerziehende, Migranten und Langzeitarbeitslose als besonders gefährdete Gruppen aus.

Allen Genannten ist gemeinsam, dass vor ihrer psychiatrischen Diagnose eine Notlage steht: ein Mangel an sozialer Sicherheit. Entsprechend macht der Autor Johann Hari in seinem Depressionsbestseller "Der Welt nicht mehr verbunden" einen der Hauptauslöser für psychische Beschwerden im Verlust sozialer Beziehungen aus.

Ist es also eine gute Sache, dass Deutschland zum Therapieland wird? Nicht unbedingt. Psychotherapeuten können die Situation noch verschlimmern, wenn sie den Ursprung des Leidens ihrer Klienten allein in deren individuellen Köpfen suchen. Es verstärkt die Isolierung, wenn jeder in der Psychopraxis nur an der eigenen Biographie, an den eigenen Macken, am eigenen Scheitern arbeitet.

Flasche Bier statt Therapie?

Andere wollen ohnehin kein Volk der Therapierten. Nicht jeder soll mit seinen Leiden teure Spezialisten in Anspruch nehmen. "Irre, wir behandeln die Falschen", hat der Psychiater Manfred Lütz in seinem Bestseller geschrieben.

Eine Botschaft, die er seither unermüdlich in Talkshows wiederholt. In den psychologischen Praxen Deutschlands sitzen seiner Meinung nach vor allem Menschen mit Luxusproblemen, gestresste Hausfrauen, genervte Manager, während die wirklich Hilfsbedürftigen außen vor bleiben. Das Leid solle schon sehr schwer sein, um damit zum Psychotherapeuten zu dürfen.

Dem Rest empfahl Josef Hecken, Vorsitzender des Gremiums, das darüber bestimmt, welche Leistungen das Gesundheitssystem bezahlt, ganz einfach "eine Flasche Bier". Und Gesundheitsminister Jens Spahn fand, es sollte vor dem Besuch in der Psychopraxis eine Schiedsstelle geben, die darüber entscheidet, ob eine Psychotherapie im konkreten Fall auch sinnvoll ist.

Die Menschen in Deutschland sehen das anders. Fast 160.000 unterschrieben eine Petition an den Bundestag, um diese Schiedsstelle zu verhindern. Es war eine der meistgezeichneten Petitionen aller Zeiten. Wer die Frage, ob er vielleicht einmal in Therapie müsse, für sich positiv beantwortet hatte, fürchtete jetzt, nicht in die Therapie zu dürfen. Die Angst, im Ernstfall auf sich allein gestellt zu sein, ist offensichtlich groß.

Therapie nur mit gesellschaftlicher Sensibilität

Das soziale Netz ist löcherig geworden, also braucht es Psychotherapeuten. Viel der heilsamen Wirkung einer Psychotherapie entsteht aus der therapeutischen Begegnung, also dadurch, dass man auf offene Ohren trifft, auf jemanden, mit dem man die Gründe für das Leid benennt und gemeinsam um Verbesserung ringt.

Psychotherapeuten sollten dabei immer auch auf die sozialen Umstände hinweisen, die das Leid für den Einzelnen erst manifest gemacht haben: Einsamkeit, untragbare Arbeitsverhältnisse und Diskriminierung.

Das sind gesellschaftliche Entwicklungen, die Psychotherapeuten nicht aufhalten können - und deren Folgen sie oft nur bedingt lindern können. Sie sind kein Ersatz für ein verloren gegangenes Gemeinwesen.

Willkommen im Therapieland!

Thorsten Padberg arbeitet als Verhaltenstherapeut, Dozent und Supervisor in Berlin. Er beschäftigt sich mit der Wirksamkeit und den gesellschaftlichen Auswirkungen von Psychotherapie, Psychiatrischer Diagnostik und Psychopharmaka. Er arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien sowie wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Zeitschriften.

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