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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.04.2006

Psychopathen im Rampenlicht

Borwin Bandelow: "Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein"

Rezensiert von Udo Taubitz

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"Man muss mit Michael Jackson Mitleid haben." (AP)
"Man muss mit Michael Jackson Mitleid haben." (AP)

Der Göttinger Professor Borwin Bandelow ist ein bekannter Angstforscher. Mit seinem "Angstbuch" wurde der Psychiater vor zwei Jahren populär. Jetzt kommt schon sein nächstes Buch: "Celebrities.Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein". Darin geht es um das etwas seltsame Verhalten Prominenter.

Ist Michael Jackson wirklich ein ganz Schlimmer, oder tut er nur so verrückt, um in die Schlagzeilen zu kommen? Was sagt es über den Geisteszustand von Robbie Williams, wenn er auf der Bühne seinen Hintern entblößt? Warum saufen sich berühmte Schriftsteller zu Tode?

Angstforscher Borwin Bandelow legt in seinem neuen Buch zahlreiche Celebrities auf die Couch und attestiert ihnen handfeste Persönlichkeitsstörungen: Demnach sind Stars gehäuft depressiv, autoaggressiv, selbstmordgefährdet – sie leiden am Borderline-Syndrom, eine der schlimmsten psychischen Störungen, bei der all diese Symptome und noch einige mehr zusammen kommen. Die These von Professor Bandelow:

"Also ich sehe da keinen Zufall drin, sondern da ist ein System dahinter. Als Psychiater macht man sich eben Gedanken, beobachtet die Symptome bei diesen Menschen, und ich denke, dass diese Persönlichkeitsstörungen nicht aufgetreten sind, weil diese Menschen berühmt waren, sondern sie waren zuerst von der Persönlichkeitsstörungen befallen und sind deswegen auch so berühmt geworden."

Merke: Nicht der Showrummel macht verrückt, sondern manche schaffen es nach ganz oben, weil sie nicht normal sind. Professor Bandelow analysiert die Lebensgeschichten schillernder Popstars aus Musik-, Film- und Literaturbetrieb. Sexskandale, Drogenexzesse, Verschwendungssucht, Depressionen, Gewalt und Selbstmordversuche – davon lässt Bandelow in seinem Buch Berühmtheiten wie Marilyn Monroe, Elvis, Courtney Love und Janis Joplin im Chor ein Lied singen.

Bandelow hat ihre Schicksale studiert – in Zeitschriften, Biographien und Fernsehaufzeichnungen. Solche Informationsquellen sind teilweise recht fragwürdig, doch trotz der unsicheren Daten zieht Borwin Bandelow aus ihnen den Schluss, es sei kein Zufall, dass so viele Promis von psychischen Problemen geplagt würden: Häufig kämen sie aus zerrütteten Familien, seien missbraucht worden und verstört. Doch warum stellen sich Leute, die depressiv und ängstlich sind, auf die Bühne?

"Ja, das ist eine gute Frage. Aber diese Ängste kann man am besten dadurch bekämpfen, dass man den Narzissmus auslebt. Meine Theorie hat auch ein bisschen was mit der Biologie des Gehirns zu tun. Menschen, die unter einem ständigen Mangel von Glückshormonen leiden, die versuchen natürlich alles daran zu setzen, diesen Spiegel zu heben. Jemand wie Robbie Williams, der empfindet das höchste Glück, wenn er vor 100.000 Zuschauern steht, und kann dadurch seine Ängste und Depressionen am besten bekämpfen."

Glückshormone – das ist wissenschaftlich gesichert – fließen auch beim Sex, beim Essen, beim Kokainschnupfen. Wegen dieser "chemischen Belohnungen", schlagen Borderline-Kranke so gern über die Stränge, deswegen streben sie auf die Bühne oder ins Fernsehen, lassen sich vom Publikum feiern, obwohl sie sich selbst oft hassen.

Die Sucht nach dem Glückskick überlagert auch Wert- und Normvorstellungen. So kommt es, dass Künstler mit Persönlichkeitsstörung sämtliche Klischees von Sex, Drugs & Rock’n’Roll erfüllen – Klischees, die Borwin Bandelow in seinem Buch genüsslich mit Fallbeispielen und Fotos illustriert. Da kommt der Verdacht auf, dass der Professor das vermeintliche Seelenleid Prominenter vorführt und ausschlachtet.

"Eigentlich will ich die Leute nicht vorführen, denn ich denke, dass ich indirekt hoffe, Verständnis für psychische Krankheiten zu wecken. Also psychiatrische Erkrankungen sind ja mit einem Stigma behaftet, und dieses Stigma zu entkräften, versuche ich eben über den Umweg - die Stars. Ich will Leuten klar machen, dass solche Störungen eben was Normales sind, man soll sich eben nicht lustig darüber machen, sondern man muss eben erkennen, woher das kommt, und man muss auch Mitleid haben mit Leuten, die darunter leiden. Man muss zum Beispiel Mitleid haben mit Michael Jackson."

Bandelows Buch ist ein gewagter Spagat zwischen Voyeurismus und Aufklärung. Es ist salopp im Plauderton geschrieben, aber bietet neben sensationsgeilen Geschichten aus der Welt der Schönen und Reichen auch einen fachlich fundierten Grundkurs in Sachen Psychomacken. Bleibt noch die Frage, warum extrovertierte Stars das Publikum so faszinieren:

"Das liegt daran, dass die Stars bestimmte Instinkte in uns wecken, die wir vielleicht auch haben. Jeder hat ja so Träume. Von ordinärem Sex oder von widerlichem aggressiven Auftreten oder von Drogenexzessen träumt irgendwie jedes Gehirn, aber wir haben immer ein Bremse im Gehirn, also die so genannten normalen Menschen haben eine Bremse im Gehirn, die ihnen so etwas verbietet. Wir haben Angst uns bloßzustellen, Angst vor der Scham so was zu machen. Und dann kommt so ein Promi und lebt das vor uns vor, das macht er quasi stellvertretend für uns, und deswegen lieben wir Promis, die über die Stränge schlagen."

Vielen Stars kommt ihr exzessiver Lebensstil teuer zu stehen: sie sterben früh, wie zum Beispiel Elvis, Klaus Kinski oder der walisische "Dichtergott" Dylan Thomas. Borderline ist eine Krankheit, bei der die Ärzte noch immer ziemlich machtlos sind. In schweren Fällen bringen weder Pillen noch Therapien durchschlagenden Erfolg. Auch deswegen enden manche Stars als traurige Berühmtheiten.

Borwin Bandelow: Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein
Rowohlt Verlag, Reinbeck 2006, 256 Seiten

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