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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.11.2006

Psychologisches Spiel

Daniel Grohn: "Kind oder Zwerg", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 317 Seiten

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Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Hauptfigur des Romans, der Journalist Poninger, lässt sich unter dem Vorwand, Stimmen zu hören, in eine psychiatrische Klinik einweisen, um für einen Artikel über dortige Missstände zu recherchieren. Die Frage, auf der das gesamte Buch basiert, ist letztlich: Kann ein verrückter Mensch herausfinden, ob er verrückt ist? Daraus resultierend aber auch: Kann ein geistig gesunder Mensch eigentlich beweisen, dass er nicht verrückt ist?

Poninger, ein Journalist, dessen Vornamen der Leser nicht erfährt, lässt sich unter dem Vorwand, Stimmen zu hören, in eine psychiatrische Klinik einweisen, um für einen Artikel über dortige Missstände zu recherchieren.

Er wird von einer jungen Ärztin behandelt, die in Gesprächen die Gründe für seine vermeintlichen Probleme aufdecken möchte. Bei ihrer Ursachenforschung stoßen Poninger und die Ärztin auf beunruhigende Erinnerungen des "Patienten" an seine verflossene Liebe, die Filmemacherin Rabea, die eine aufwühlende Spur in Poningers Leben hinterlassen hat.

Das Interesse Poningers und der jungen Ärztin aneinander geht immer weiter über das erforderliche Arzt-Patienten-Verhältnis hinaus. Plötzlich nehmen die Recherchen Poningers über die Zustände in der Klinik eine sehr überraschende Wendung, und die Wirklichkeit in der psychiatrischen Anstalt ist von den Vorstellungen des "Patienten" nicht mehr auseinander zu halten.

Beklommen stellt der Leser fest, dass er auch nicht mehr in der Lage ist, Wahnvorstellungen von erzählter Wirklichkeit zu unterscheiden, und als im Roman eine zweite Krankenakte Poningers auftaucht, ist sogar die Identität der Hauptfigur in Frage gestellt.

Zunächst ist der Leser von "Kind oder Zwerg" ein sachkundiger "Beobachter" der journalistischen Recherche eines offenbar versiert arbeitenden investigativen Journalisten. Man nimmt der Hauptfigur ab, dass sie über den Dingen steht und jederzeit Herr der Lage und damit - außer den Ärzten - die einzige normale Person auf einer Station ist, auf der ansonsten nur Geisteskranke agieren.

Diese Stimmung kippt mit dem Auftauchen der jungen Ärztin – auch sie hat nirgends im Roman einen Namen, sondern gibt in einem psychologischen Rollenspiel den Namen der Ex-Freundin Poningers, Rabea, an. Die junge Ärztin ist selbst eine sehr unsichere Person. Sie ist neu an der Klinik und hat ihren Wechsel dorthin noch nicht ganz verarbeitet, außerdem hadert sie mit ihrem Schicksal. Ob sie die richtige sein könnte, eine seelisch verirrte Person zu therapieren, zieht der Leser schnell in Zweifel.

Als die Ärztin dem Gedankenbild Poningers an dessen Ex-Freundin immer ähnlicher wird, zuletzt mit diesem verschwimmt, fragt man sich, wer in der Klinik eigentlich normal ist und wen man als Patienten ansehen muss. Sogar Burkhard, Poningers Zimmergenosse mit Hang zu wüsten, aberwitzigen Beschimpfungen, erscheint auf einmal als die einzig verlässliche Person des Romans.

Der Leser wird zunehmend verwirrt. Was ist normal, wer ist verrückt, wer ist Poninger wirklich, können wir der Hauptfigur Poninger noch glauben, dass sie tatsächlich die Fäden in der Hand hält? Der Leser gerät selbst in ein psychologisches Spiel hinein. Als Leser wissen wir kurz vor Ende des Romans nicht mehr, ob bis dorthin ein seelisch gesunder Mensch über seine perfiden Recherche-Methoden Auskunft gegeben hat, oder ob wir die ganze Zeit Zeugen der Wahnvorstellungen einer geistig gestörten Person gewesen sind. Diese Orientierungslosigkeit macht die Faszination des Romans aus.

Streng genommen gibt es bis zuletzt keine Auflösung aus dem geschilderten Zwiespalt. Die Frage, auf der der gesamte Roman basiert, ist letztlich: Kann ein verrückter Mensch herausfinden, ob er verrückt ist? Daraus resultierend aber auch: Kann ein geistig gesunder Mensch eigentlich beweisen, dass er nicht verrückt ist? An einer Stelle im Roman muss Poninger vor Studenten auftreten – als Patient der Klinik. Er berichtet über die Stimmen, die er angeblich hört und fasziniert die Studenten und auch die anwesende junge Ärztin damit derart, dass sich die Romanfiguren fragen, ob es nicht auch schön sein kann, Stimmen zu hören.

Die Erzählperspektive des Romans ist die dritte Person. Perspektivisch gesehen steht man also erst einmal – fast olympisch – über allen Personen. Die Gespräche Poningers mit der Ärztin erwartet man in Dialogform, stattdessen kommen sie – aus Poningers Erinnerung erzählt – in indirekter Rede vor. Dieses Stilmittel führt dazu, dass man sich fragt, ob die Gespräche tatsächlich stattgefunden haben oder ob sie nur (Wahn-)Vorstellungen Poningers sind. In dieser Hinsicht ist Daniel Grohns Roman lupenrein durchkomponiert. Sehr konkret sind dagegen E-Mails verfasst, die Poninger an den Redakteur der Zeitung verfasst, für die er angeblich die Recherchen betreibt. Als im Roman angedeutet wird, dass keine der E-Mails den Adressaten erreicht haben, zerplatzen diese einzig konkreten Schriftstücke wie Seifenblasen. Haben sie eventuell nur in Poningers Vorstellung existiert? Alles scheint möglich.

Daniel Grohn ist Arzt und nun auch Schriftsteller. Er wurde 1976 in den USA geboren und lebt inzwischen in München. Er hat Philosophie und Medizin studiert und kürzere Texte in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Der Roman "Kind oder Zwerg" ist sein erstes Buch, für das er vor drei Jahren ein Literaturstipendium der Stadt München erhalten hat.

Der Roman hat eine Schwäche: Er kann sich nicht so recht entscheiden, ob er ein aufrüttelnder Roman über Machenschaften an psychiatrischen Kliniken sein soll, ein gesellschaftskritischer Roman über die Mängel im Umgang mit geistig gestörten Menschen oder ein philosophisches Buch über Grundsatzfragen des Lebens: Was macht Liebe aus Menschen? Was macht eine verlorene Liebe aus Menschen? Wie verhalten sich Vorstellung und Wirklichkeit zueinander? Sind wir nicht alle ein bisschen verrückt?

Und: Der Roman drückt sich um eine Antwort auf die behandelten Fragen. Mehr noch: Er geht sogar einen Schritt zurück. Der erste Satz im Roman lautet: "Das Verrücktsein an sich, das war ja nicht so schwer." Der letzte Satz heißt: "Das Verrücktsein an sich, das konnte ja nicht so schwer sein." Aber vielleicht ist genau das die Vorgehensweise des wahren Philosophen: Aus einer Feststellung wird eine Frage, die einen Schritt zurückführt. Oder: Entscheidend ist es, die richtigen Fragen zu stellen.

Hin und wieder denkt man an "Einer flog über’s Kuckucksnest". Auch dort gibt sich jemand als Patient einer Nervenheilanstalt aus, allerdings, weil er die Wahl hat: Knast oder Anstalt. Dass er mit der Anstalt offenbar die schlechtere Wahl getroffen hat, macht den Film so sehenswert.

In "Kind oder Zwerg" ist alles viel subtiler. Äußeren Druck gibt es keinen, der Roman versteht es erstklassig, seine gesamte Spannung aus dem Innen- bzw. Seelenleben einer einzigen Person zu beziehen. Das Buch kommt ohne Bösewichter aus, ist aber vielleicht gerade deshalb so bewegend, weil gezeigt wird, wie sehr der menschlichen Seele allein durch Vorstellungskraft und Auslegung der Wirklichkeit Verstörendes, ja Böses widerfahren kann. Fazit: "Kind oder Zwerg" ist überaus lesens- weil erfahrenswert.

Rezensiert von Roland Krüger


Daniel Grohn: Kind oder Zwerg
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 317 Seiten, 17,90 Euro

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