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Im Gespräch | Beitrag vom 09.12.2019

Psychologin Verena KastDer Mut, die Zukunft zu gestalten

Moderation: Tim Wiese

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Portrait der Schweizer Psychotherapeutin, Autorin und Dozentin Verena Kast.  (Palma Fiacco)
"Ich darf alles schaffen, aber ich muss nicht mehr", sagt die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast. (Palma Fiacco)

Verena Kast ist eine der bekanntesten Psychotherapeutinnen im deutschsprachigen Raum. In ihren Büchern macht sie den Menschen Mut, die Vergangenheit loszulassen und sich der Zukunft zuzuwenden.

Positiv in die Zukunft schauen, statt sitzen zu bleiben und die Vergangenheit zu verklären – das ist für die Psychotherapeutin Verena Kast eine der wichtigsten Aufgaben. Mit ihren Büchern versucht sie, dafür Impulse zu setzen. Ihr jüngstes Buch heißt "Nostalgie und Aufbruch – Von der Lust, die Welt zu gestalten". Die Freude ist für Kast dabei der wichtigste Antrieb:

"Es gibt leider aktuell eine Tendenz, die Vergangenheit zu glorifizieren, sich zu verkriechen mit Gleichdenkenden und sich 30 Jahre zurückzuwünschen, wo alles vermeintlich in bester Ordnung war."

Das widerspreche dem Menschen eigentlich, meint Verena Kast. Der Mensch sei ein interessiertes Tier: "Wenn wir so richtig auf der Suche sind nach etwas, was uns begeistert, dann fühlen wir uns auch wirklich lebendig, und dann können wir auch Zukunft gestalten."

Ein Studium war nicht genug

Die Welt sei unübersichtlicher geworden und herausfordernder, sagt die Psychologin, aber es komme darauf an, wie man damit umgehe. Eine wichtige Rolle spielten dabei menschliche Beziehungen, Bindungen und das Vertrauen zueinander. Geteilte Angst sei halbe Angst. Außerdem könne man auch positive Nostalgiegefühle erzeugen, indem man sich auf gute Erfahrungen aus der Vergangenheit besinne.

1943 geboren, verbrachte Verena Kast ihre Kindheit auf einem Bauernhof auf der Schweizer Seite des Bodensees. Schön sei das Leben auf dem Land und in der Natur gewesen, aber auch ein bisschen langweilig, erzählt Verena Kast. Die Eltern hätten wenig Zeit gehabt. Sie waren auf den Wiesen und in den Ställen beschäftigt. Eine große praktische Hilfe sei sie selbst nicht gewesen, sagt Kast, denn sie verbrachte ihre Jugend lieber mit dem Lesen: "Ich war ein sehr wissbegieriges Kind."

Nachdem sie die Bücher der Dorfbibliothek alle ausgeliehen hatte, blieb ihr nur noch die Bibel, die sie von vorn bis hinten komplett las: "Da hatte man lange was davon".

Mit 16 Jahren beschloss sie, Lehrerin zu werden. Das aber reichte ihr nicht. Also studiert sie noch einmal: Psychologie, Philosophie und Deutsche Literatur. Und sie ließ sich zur Therapeutin ausbilden.

"Die Innenwelt hat wenig Lobby"

Seit fast 50 Jahren arbeitet Verena Kast als Psychotherapeutin. Angst und Depressionen seien nach wie vor häufige Ursachen, die die Menschen zu ihr führten. Depressionen seien sogar sehr viel häufiger als früher, erzählt die 76jährige – das Leiden an der Welt und die Frage nach dem Sinn des Lebens:

"Wir stellen die Sinnfrage nicht, wenn wir lebendig sind, wenn wir in guten Beziehungen sind, wenn wir wissen, wofür wir uns im Moment interessieren, wenn wir ein Ziel haben".

Wenn allerdings ein Lebensübergang anstehe, könne es sein, dass das, was wir bisher gelebt haben, nicht mehr stimme. Dann müsse man neu nach dem Sinn fragen.

"Ich finde, eines unserer Probleme ist: die Außenwelt ist ganz wichtig, das ist Materie, und die kann man wieder ersetzen. Die Innenwelt, die psychische Reaktion auf das, was passiert in der Welt, ist sehr wenig gefragt. Die Innenwelt hat wenig Lobby. Die ganze Welt der Emotionen, auch das Nachdenken –  das brauchen wir Menschen aber, um gesund zu bleiben."

Deshalb arbeite sie gern mit Imagination – also der psychischen Fähigkeit, Bilder im Geist zu entwickeln. Diese Vorstellungskraft könne dem Patienten dabei helfen, Probleme besser zu verstehen und Lösungswege zu finden, erklärt die Psychologin.

"Ich habe viel geschafft in meinem Leben" sagt Verena Kast, die als Dozentin, Autorin und Therapeutin arbeitet. Aber Aufhören wolle sie noch lange nicht. Denn das Schöne sei: "Ich darf alles schaffen, aber ich muss nicht mehr."

(kuc)

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