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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.07.2012

Psychologe: Wetter beeinflusst uns weniger als erwartet

Jaap Denissen untersucht den Zusammenhang zwischen dem Klima und der Laune

Moderation: Nana Brink

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Von einem bisschen Regen lassen wir uns doch nicht die Stimmung versauen! (AP)
Von einem bisschen Regen lassen wir uns doch nicht die Stimmung versauen! (AP)

Was für eine Laune ein Mensch hat, hänge in erster Linie von seiner Persönlichkeit ab, sagt Jaap Denissen, Psychologieprofessor an der Tilburg-Universität in Holland. Seine Studie ergab: Vom Wetter lassen sich die meisten Menschen tatsächlich kaum beeinflussen.

Nana Brink: Alle reden über das Wetter, wir auch: jetzt und an dieser Stelle. Natürlich kann ich Ihnen jetzt keine Schönwetterphasen versprechen, egal wo Sie sind in Deutschland, aber haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie das Wetter eigentlich Ihre Stimmung beeinflusst? Sind Sie jetzt besonders übel gelaunt, wenn es regnet? - Einer, der das ganz genau untersucht hat, ist der Psychologieprofessor Jaap Denissen von der Tilburg-Universität in Holland. "Come rain or come shine" heißt seine Studie, also salopp übersetzt etwa "Ob es regnet oder die Sonne scheint". Die Studie hat er zusammen mit anderen Kollegen für die Berliner Humboldt-Universität gemacht, im Dezember letzten Jahres, und darin finden wir uns alle entweder als "Summer Lovers", also Sommerliebhaber wieder, oder als "Rain Haters", also Regenhasser. Schönen guten Morgen, Herr Denissen!

Jaap Denissen: Ja hallo! Guten Morgen.

Brink: Welchen Einfluss hat denn das Wetter auf die Psyche?

Denissen: Darauf gibt es zwei Antworten. Die erste Antwort ist: weniger Einfluss als wir denken. In meiner ersten Studie fand ich sogar, dass es im Schnitt keinen Einfluss gibt. Und in der zweiten Studie, wo ein Kollege aus Löwen (Belgien) Erstautor war, fanden wir, dass es vier Typen gibt. Der größte hier vorkommende Typus ist eben auch ein Typus, der nicht vom Wetter beeinflusst wird, und dann gibt es noch drei Untertypen, nämlich Sommerliebhaber in der Tat, es gibt aber auch Sommerhasser und es gibt eben Regenhasser.

Brink: Und was passiert da ganz genau bei diesen unterschiedlichen Typen? Nehmen wir mal den Sommerhasser: das ist ja irgendwie etwas, was man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann.

Denissen: Doch, das kann man sich durchaus vorstellen, wenn man sich von der Idee verabschiedet, dass jeder das gleiche Wetter mag. Im Sommer ist es heiß, im Sommer ist die Sonne sehr intensiv, und wenn man zum Beispiel einen weißen Hauttypus hat, oder wenn man zu transpirieren neigt, dann kann auch sommerliches Wetter zu unangenehmen Gefühlen führen.

Brink: Und warum sprechen wir dann dauernd über das Wetter, was ja gerade hier in Deutschland jetzt passiert, weil dieser Sommer angeblich so verregnet ist?

Denissen: Was soziologisch passiert, ist sicherlich ein gemeinsames Thema, und über das Wetter sowie auch über die Deutsche Bahn oder über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kann man sich eben mit Leuten wunderbar unterhalten, weil dort eine Gemeinsamkeit angenommen wird, nur dass die Gemeinsamkeit beim Wetter nicht so groß ist, wie angenommen wird.

Brink: Also ist das Wetter dann total überschätzt als Faktor, der einen beeinflusst?

Denissen: Ja, eindeutig, würde ich jedenfalls aus psychologischer Perspektive sagen. Es gibt natürlich andere Ereignisse - ich nenne jetzt mal ein großes Grillfest -, die sind sehr vom Wetter abhängig. Es gab natürlich früher auch in der eher agrarischen Vorzeit Dinge, die sehr vom Wetter abgehängt haben, und vielleicht basiert darauf unsere Annahme, dass gutes Wetter ein Wetter war, wo man rausgehen konnte.

Brink: Jetzt bin ich aber ein bisschen enttäuscht oder ernüchtert. Ich habe gedacht, Sie liefern mir jetzt eine Begründung, warum ich so schlechte Laune habe, wenn es regnet. Aber nehmen wir doch mal das Beispiel Urlaub:Da erwarte ich ja Sonnenschein, alles muss schön sein, ist es das nicht, bin ich enttäuscht. Wie komme ich denn dann zurück? Hält diese schlechte Laune dann an?

Denissen: Nein, diese schlechte Laune hält nicht an. Sowieso hält Urlaubslaune leider nicht an, ob es jetzt gute Urlaubslaune ist oder schlechte Urlaubslaune. Es ist ja doch so, dass ein Großteil unserer Laune, sage ich jetzt mal, beeinflusst wird von ihrer Persönlichkeit. Da gibt es Menschen, die sind tendenziell besser drauf als andere. Und zum zweiten gibt es wichtige Faktoren als Einflussfaktoren auf die Stimmung, aber das sind eben nicht Sonnenschein und Regen, sondern das sind Beziehungen, das sind Erfolgserlebnisse, das sind Wertschätzungen, das ist das Lächeln von anderen um Sie herum und weniger das Wetter.

Brink: Also ist es jetzt eigentlich völlig egal, ob der Sommer weiter verregnet ist oder nicht?

Denissen: Na ja, mein Kollege und ich haben herausgefunden, dass es auch Untertypen gibt, und wenn Sie zu diesen Untertypen gehören, dann trifft das wunderbar auf Sie zu. Aber es trifft eben nicht auf die Mehrheit oder auf alle Menschen zu.

Brink: Wie finde ich denn heraus, welcher Typ ich bin?

Denissen: Wenn Sie nach unserer Methode vorgehen, dann führen Sie jeden Tag eine Art Stimmungstagebuch aus und gucken, bin ich heute von eins bis sieben gut drauf, und Sie notieren kurz, wie die Temperatur war, und meinetwegen auch, ob es geregnet hat und so weiter, und dann müssen Sie das statistisch korrelieren, das geht mit einem Computerprogramm, es geht sogar in Microsoft Excel, und dann können Sie sozusagen innerhalb von Ihren Berichten eine Korrelation berechnen. Und wenn Sie da eine positive Korrelation zwischen Stimmung und Temperatur finden, dann können Sie für sich sagen, ich bin ein Sommerliebhaber.

Brink: Das klingt sehr nach Arbeit, bei der man ja fast auch schon wieder schlechte Laune kriegen könnte. - Herzlichen Dank! - Professor Jaap Denissen von der Tilburg-Universität in Holland. Schönen Dank für das Gespräch, Herr Denissen.

Denissen: Bitte sehr, bitte sehr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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