Psychologe: Medien bieten Amoktätern eine Plattform

Herbert Scheithauer im Gespräch mit Joachim Scholl · 24.09.2008
Angesichts des Amoklaufs eines Jugendlichen in Finnland hat der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer die Medien aufgefordert, möglichst wenig über derartige Fälle zu berichten. Dass Bilder auf Nachrichtenwebseiten eingestellt und Videos dieser Täter immer wieder gezeigt würden, trage dazu bei, dass die Täter ihre Botschaft in der Welt verbreiten könnten, sagte Scheithauer.
Joachim Scholl: Es ist schon der zweite mörderische Amoklauf in Finnland binnen eines Jahres. Gestern erschoss ein 22-Jähriger in der Kleinstadt Kauhajoki zehn Schüler einer Berufschule und beging anschließend Selbstmord. Die Einzelheiten der Tat decken sich mit den Details anderer Mordzüge solcher Art. Waffenfetischismus, Stilisierung zum Rächer und das sozusagen in aller Öffentlichkeit, im Internet gab es Videos, "Du stirbst als nächstes" war auf einem zu sehen und zu hören. Ich bin jetzt verbunden mit Prof. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind solche exorbitanten Gewalttaten an Schulen. Guten Morgen, Herr Scheithauer!

Herbert Scheithauer: Schönen guten Morgen. Ich grüße Sie!

Scholl: Von Finnland hat man, was Schule, Bildung, gefestigte Sozialstrukturen anbelangt, immer nur Gutes gehört in den letzten Jahren, jetzt schon die zweite Bluttat im Verlauf eines Jahres. Das heißt doch, es kann anscheinend überall und immer passieren, aller offiziellen Bildungserfolge zum Trotz?

Scheithauer: Ja, so richtig mit den PISA-Erfolgen Finnlands hat das natürlich erst mal nichts zu tun, zumal Sie ja eigentlich davon ausgehen, dass wir so ein gewisses Muster immer wieder finden. Das heißt, dass solche Taten üblicherweise zwar nicht unbedingt an Eliteschulen stattfinden, aber dafür eher in Kleinstädten, an Schulen erst im gutbürgerlichen Milieu. Und davon gibt es eine Menge, und zwar nicht nur in den USA, wo klassischerweise diese Taten immer aufgetreten sind, sondern auch natürlich in vielen europäischen Ländern.

Scholl: Das ist ja das Erschreckende, dieses fast kongruente Muster mit anderen solchen Taten. Sie haben es angesprochen, Amerika. Seit dem Massaker an der Columbine Highschool in Littleton 1999 scheinen Täter sich zu imitieren. Experten sprechen sogar schon von einem internationalen Code der Amokläufer. Wie sieht dieser Code im Einzelnen aus?

Scheithauer: Tatsächlich ist es so, dass wir feststellen, dass dieser sogenannte Copycat-Effekt da ist, das heißt, dass Taten, die heute geschehen, sich oftmals an den Taten orientieren, die bereits geschehen sind, oder dass vielleicht ja sogenannte School-Shooter oder Amoktäter aus früheren Taten mehr oder weniger heroisiert werden. Zum einen orientiert man sich so ein bisschen am Vorgehen der Täter oder man identifiziert sich sehr mit den Personen, versucht genauso auszusehen, genauso zu handeln, oder versteckt auch Botschaften, die einfach Hinweise auf frühere Taten geben. Das ist auch leicht erklärbar, warum das so ist. Da natürlich medial auch sehr offen über viele dieser Taten immer wieder berichtet wurde, sind viele Materialien einfach im Internet beispielsweise oder in Printmedien verfügbar, sodass man sich tatsächlich auch hier einfach sehr gut informieren kann.

Scholl: Nun könnte man ja umgekehrt sagen, diese Öffentlichkeit, die die Täter selbst herstellen, müsste es eigentlich einfacher machen, es zu verhindern. In diesem vorliegenden Fall, jetzt fasst sich ja der Laie einigermaßen doch betroffen an den Kopf. Es gab Videos, es gab Ankündigungen, jetzt wissen wir, seit sechs Jahren plant dieser Mensch seine Tat. Gestern oder vorgestern noch wurde der Mann von der Polizei verhört, man befand ihn für ungefährlich und beließ ihm seine Waffe. Was sagen denn Sie als Fachmann dazu? Das ist man doch fassungslos eigentlich?

Scheithauer: Das ist natürlich genau der Grundgedanke, den wir im Berliner Leaking-Projekt auch seit Jahren verfolgen, dass wir nämlich davon ausgehen, dass in uns bisher bekannten Fällen immer im Vorfeld in irgendeiner Art und Weise die Täter auf sich und auf ihre Pläne aufmerksam gemacht haben. Manchmal war das erst sehr kurz vor der Tat, sodass wenig Möglichkeiten bestanden zu handeln. Aber wir haben immer wieder auch Fälle, wo man eigentlich über mehrere Jahre gesehen hat, dass ein Täter dort aktiv Rachefantasien hat. Nun ist es allerdings so, dass es immer sehr schwer ist, mit diesen Merkmalen so umzugehen, das heißt zu unterscheiden, was ist eigentlich ernst zu nehmen und was ist nicht ernst zu nehmen. Denn wir wissen ja auch, nach den Vorfällen in Emsdetten beispielsweise, dass es an deutschen Schulen eine Flut an Amokdrohungen gab. Und ist immer sehr schwer abzuwägen, welche dieser Androhungen sind wirklich ernst zu nehmen, welche sind nicht ernst zu nehmen. Da braucht man tatsächlich Fachleute, die in der Lage sind, das abzuschätzen, die auch in der Lage sind, so ein bisschen in die Vorgeschichte zu gucken. Viele Informationen, die wir dann über die Fälle jetzt bekommen, bekommen wir ja erst dann, wenn es tatsächlich zu einer Tat gekommen ist, wenn man genauer gucken kann, wenn Durchsuchungen stattgefunden haben. Das heißt, wir haben natürlich manchmal auch einfach Situationen, wo rechtlich gesehen wir gar nicht die Möglichkeit haben, im Vorfeld einer Tat sehr genau hinzugucken und auch ja die Möglichkeit haben abzuwägen, sind das wirklich Merkmale, die wir ernst nehmen müssen oder nicht.

Scholl: Sie haben den Begriff gerade Leaking-Projekt erwähnt. Das ist Ihr Projekt an der Freien Universität, in dessen Rahmen Sie dieses Phänomen erforschen. Leak ist Englisch, heißt durchsickern. Sie versuchen rauszufinden, inwieweit Symptome oder Indizien auf eine mögliche Tat im schulischen Alltag durchsickern. Gibt es denn da Parameter, die Sie vielleicht auch Schulen, Schulpsychologen an die Hand geben können, zu sagen, hier müsst ihr eingreifen?

Scheithauer: Wir merken dadurch, dass wir nicht nur in Deutschland tatsächlich geschehene Fälle von schwerer zielgerichteter Schulgewalt, da drunter zählen nicht nur die School-Shootings in Erfurt beispielsweise oder Emsdetten, sondern auch Situationen, wo Täter vielleicht mit nicht so vielen Opfern verbunden in eine Schule eingedrungen sind, um beispielsweise "nur eine Lehrerin", in Anführungsstrichen, attackiert haben. Wir untersuchen diese tatsächlich geschehenen Fälle und arbeiten diese Leaking-Merkmale im Vorfeld einer Tat heraus. Das sind zum Beispiel direkte Ankündigungen, können aber auch so Dinge sein wie martialisches Auftreten, selbst gefilmte Videos, die zeigen, wie jemand seine Schusswaffe verwendet, bis hin zu ganz klaren Tatfantasien, die in Form von Geschichten, Bildern oder wie auch immer zum Ausdruck gebracht werden. Und wir vergleichen diese Fälle mit Fällen, die dokumentiert wurden, in denen Schüler, Jugendliche Taten angekündigt haben, die sie aber nicht ausgeführt haben, um herauszufinden, ob es tatsächlich ausreicht, allein beim Leaking anzusetzen. Und wir stellen fest, dass Leaking zwar nicht sehr häufig auftritt in dieser Form, in dieser massiven Form, dass ein Schüler beispielsweise in einem Aufsatz beschreibt, wie er einige seiner Lehrer nacheinander umbringt, dass es aber nicht ausreicht als spezifisches Kriterium, um einen Amoklauf vorherzusagen. Das heißt, es geht weniger da drum, dass ausgebildete Kräfte anhand von Leaking-Merkmalen herausfiltern, wo sitzt ein potenzieller Amokläufer. Das muss man einfach sehen, das ist schlichtweg sehr schwer möglich. Aber es geht da drum, das Umfeld zu sensibilisieren. Denn meines Erachtens ist es ja nicht normal, dass ein Schüler, der in der Schule sitzt, Fantasien hat, seine Lehrer zu töten. Da muss man natürlich mal fragen, wie kommt es überhaupt dazu, dass ein Schüler solche Rachefantasien überhaupt entwickelt. Und da hat man tatsächlich eine Möglichkeit, etwas niederschwelliger schon mal, etwas genauer hinzugucken. Wie gesagt, nicht mit der Idee, einen Amoklauf nur zu verhindern, sondern rechtzeitig einzugreifen und nicht einfach etwas laufen zu lassen. Denn das ist vielen Fällen in der Vergangenheit immer wieder passiert.

Scholl: Nun ist es leicht, wie jetzt im Fall von Kauhajoki, den Behörden Blindheit oder Unachtsamkeit vorzuwerfen. Wir haben in Deutschland den Fall in Erfurt gehabt, Sie haben ihn erwähnt, vor sechs Jahren, als der Schüler Robert Steinhäuser an einem Gymnasium 16 Menschen tötete. Was hat sich eigentlich bei der Prävention inzwischen konkret getan, Herr Scheithauer? Sind solche Projekte wie Ihres schon Konsequenzen, die gezogen wurden, und haben die denn wirklich auch Auswirkungen auf die Praxis, das heißt, dass Schulen, Psychologen damit geschult werden für solche Fälle?

Scheithauer: Das haben wir auch im Rahmen unseres Berliner Leaking-Projektes tatsächlich ausprobiert. Wir haben dort mit den senatorischen Behörden und mit der Polizei zusammen an Fällen gearbeitet und haben auch versucht, in den Schulen ein sehr niederschwelliges System zu installieren, wo wir tatsächlich in die Schulen gehen, Lehrer informieren über das Phänomen Leaking, auch ein bisschen entmystifizieren, damit Lehrer nicht von sich aus in die Schule gehen und sorgsam um sich blicken, um potenzielle Amoktäter zu erkennen. Darum darf es tatsächlich bei dieser Form von Prävention überhaupt nicht gehen. Sondern wir versuchen deutlich zu machen, dass man etwas sorgsamer hingucken soll und man dann auch Phänomene entdecken kann und dann die Fachleute einschaltet. Und wir haben gerade in Berlin da meines Erachtens schon sehr vorbildliche Ideen umgesetzt. Dort gibt es Notfallpläne an Schulen, wo genau detailliert drinsteht, was zu tun ist, wenn beispielsweise eine Amokdrohung eingeht. Amokdrohungen und andere Vorfälle werden vorbildlich dokumentiert von den senatorischen Behörden. Und es gibt spezielle Einsatzteams, die dann in solchen Fällen auch gerufen werden. Und das wäre eigentlich letztlich auch meine Forderung, dass nicht die Akteure, die oftmals weder die Ausbildung haben noch sich dafür zuständig fühlen, alleine gelassen werden mit solchen Entscheidungsprozessen in solchen Situationen, sondern dass man hier den Schulen wirklich Hilfestellung gibt, sie darin unterstützt über speziell dafür ausgebildete Fachkräfte.

Scholl: Diese Situation in Berlin, die Sie jetzt als vorbildlich beschreiben, ist die repräsentativ?

Scheithauer: Nein. Die ist nicht repräsentativ, sondern das ist sicherlich ein Modell, was sicherlich auch noch verbesserungswürdig ist, auch in der Nachhaltigkeit und in der besseren Vernetzung. Aber es sind wirklich sehr, sehr gute Ansätze da, die in anderen Bundesländern inzwischen auch feststellbar sind. Berlin ist da nicht das einzige Bundesland in Deutschland, in dem tatsächlich dort auch vorbildlich vorgegangen wird. Aber es ist längst nicht so, dass in allen Bundesländern, in allen Städten solche Systeme installiert sind.

Scholl: Eine letzte Frage auch in eigener Sache, Herr Scheithauer. Sie haben bei Ihren Forschungen auch immer die Medienberichterstattung unter die Lupe genommen. Werden hier eigentlich Fehler gemacht? Machen wir Fehler?

Scheithauer: Ein Fehler ist natürlich der, der immer wieder zu beobachten ist, dass auch im wissenschaftlichen Bereich versucht wird, anhand der Medienberichterstattung Fallmerkmale herauszuarbeiten. Sie haben ja schon deutlich gemacht, dass sich jetzt schon nach einem Tag Medienberichterstattung über die öffentliche Medien ein gewisses Muster abzeichnet. Das ist nicht verwunderlich, wenn die Journalisten ganz gezielt nach den ihnen bekannten Merkmalen suchen. Das ist allerdings keine wissenschaftliche Analyse eines solchen Falles. Und ich befürchte, dass wir von vornherein durch die mediale Berichterstattung immer wieder zu einem Bild kommen, was nicht unbedingt der Realität entspricht. Da müsste man sehr sorgsam hingucken und auch vermehrt Studien durchführen, die sich mit den Medienberichten befassen. Das Zweite ist natürlich die Wirkung des Ganzen. Das Einstellen von Bildern auf Webseiten, auf Nachrichtensenderwebseiten, das immer wieder Zeigen von Videos mit Gewalthintergrund dieser Täter trägt eigentlich genau dazu bei, was die Täter erreichen wollten, nämlich ihre Botschaft in die Welt zu verbreiten. Und das sollten wir unterbinden, weil wir damit natürlich auch zukünftigen Tätern potenziell die Möglichkeit geben, deutlich zu machen, du hast hier eine gute Plattform, dich selbst darzustellen. Und das ist für mich ein großes Risiko. Ich denke, die Medien sollten möglichst wenig darüber berichten. Es sollte vielmehr eine sinnvolle Aufklärung an Schulen zu diesem Thema stattfinden, aber nicht diese sensationssuchenden Medienberichterstattung, wo auch tatsächlich diese Details der einzelnen Fälle so in die Öffentlichkeit gestellt werden, dass möglicherweise andere Jugendliche, die in ähnlichen Situationen sind wie frühere Täter, das faszinierend finden, sich daran orientieren und vielleicht auch in gewisser Hinsicht leiten lassen.

Scholl: Wenn Schüler morden. Darüber forscht Herbert Scheithauer an der Freien Universität Berlin. Es gibt einen neuen furchtbaren Fall in Finnland. Herr Scheithauer, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Scheithauer: Ich danke Ihnen auch!


Das Gespräch mit Herbert Scheithauer können Sie bis zum 24. Februar 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio