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Echtzeit | Beitrag vom 03.03.2018

Psychische Störung Paris-SyndromWenn die Stadt der Liebe krank macht

Von Katharina Kühn

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Blick auf Paris (picture alliance / dpa / Foto: Kevin Kurek)
Vor allem bei Japanern soll ein Besuch in Paris folgende Symptome auslösen können: Aggressionen, Selbstmordversuche, Verfolgungswahn. (picture alliance / dpa / Foto: Kevin Kurek)

Viele Japaner träumen ihr Leben lang von eine Reise nach Paris. Wenn sie dann vor Ort sind, kann die Realität ihren Erwartungen nicht standhalten und sie stürzen in ein tiefes Loch. Das sogenannte "Paris-Syndrom" ist aber umstritten.

Das ist es doch, wenn wir an Paris denken: Akkordeon-Musik, Baguette, Croissants, der Eiffelturm, Amélie Poulain und natürlich: die Liebe. Dabei soll Paris auch für Folgendes verantwortlich sein: Verhaltensstörungen. Umherirren, Aggressionen, Selbstmordversuche. Verfolgungs- oder Größenwahn, Angst. Eine verfremdete Wahrnehmung, Beeinträchtigung oder sogar Verlust des Persönlichkeitsbewusstseins.

Das schrieb der japanische Psychiater Ota Hiroaki 2004 mit Kollegen auf. Ota, der seit 1987 in Paris lebt, beschrieb als erster psychische Probleme, die er bei japanischen Touristen in Paris bemerkte und nannte seinen Befund: das Paris-Syndrom. Ota redet seit einigen Jahren nicht mehr mit Journalisten, aber Bernard Odier von der "Association de Santé Mentale" des 13. Arrondissements von Paris gibt eine Erklärung für das Syndrom.

"Das Paris- Syndrom beschreibt einen Japaner, typischerweise der Mittelklasse, der sein ganzes Leben auf diese Reise ins alte Europa spart. Um sich zum Sparen zu motivieren, idealisiert er die Reise. Wenn er dann tatsächlich seinen Sehnsuchtsort kennenlernt, kann es sein, dass er von der Realität enttäuscht wird. Er wird konfrontiert mit der sogenannten Deidealisierung, er hat sich die Reise so lange in den schönsten Farben ausgemalt und dann ist der Sturz tief."

Japaner sind geschockt von Emotionalität der Franzosen

Odier vergleicht die Symptome, die Ota beschrieben hat, mit Ausnahmezuständen, wie sie bei einigen Pilgern zu religiösen Orten beschrieben werden: Die Erwartungen, etwa Erleuchtung zu erlangen oder die Lösung für alle Probleme zu erkennen, sind dann einfach zu hoch. Ähnlich festgehalten bei dem sogenannten Mekka-Syndrom, Jerusalem-Syndrom oder dem Indien-Syndrom.

Aber warum trifft es in Paris gerade japanische Touristen? Die Psychologin und Psychoanalytikerin Olivia Akiko Goto-Gréget kennt beide Kulturen, ist in Frankreich aufgewachsen, hat aber immer wieder in Japan gelebt. Sie arbeitet im Saint-Anne-Krankenhaus, mit dem auch Ota kollaboriert hat.

"Frankreich steht in Japan für Luxus, teure Marken, höfliche Männer, saubere Straßen, historische Architektur, Kunst, alles was elegant und feinsinnig ist. Und wenn sie nach Paris kommen, sehen sie, dass das keineswegs nur so ist."

Zwar können sich die Japaner dank des Internets von einigen Klischeebildern schon vor der Reise verabschieden. Aber dann sind da noch die kulturellen Unterschiede.

"Die Japaner können das Syndrom leichter bekommen als Europäer, denn die Europäer kennen sich, sind ja Nachbarn. Japaner können in Paris schneller aus dem Gleichgewicht kommen. In Japan gibt es sehr strenge Kommunikationsregeln, man zeigt seine Emotionen nicht. Die Franzosen hingegen machen deutlich, wenn sie wütend sind und die Japaner beziehen das dann auf sich, denken, dass sie etwas falsch gemacht und – sehr wichtig – die Regeln nicht richtig befolgt haben und das kann diesen inneren Schock auslösen.

Japanerin hilft bei Müllbeseitigung in Paris

Trotzdem sagt sie: Diese Schocks können natürlich nicht nur Japaner bekommen. Es gibt keine Zahlen, wie viele von dem Paris-Syndrom betroffen sind. Nicht jeder, der sich unwohl fühlt, geht zum Arzt. Das Paris-Syndrom ist nicht als Diagnose anerkannt. Und: Einige Kritiker halten die Zusammenhänge zwischen Touristen, Paris und den Symptomen sogar für Zufälle. Olivia Akiko Goto-Gréget hat auch ihre Kritik an dem Paris-Syndrom, aber: Sie begrüßt generell eine Diskussion über Symptome, die im Ausland auftreten können.

Dass die enttäuschende Wirklichkeit nicht zwangsläufig zur Verzweiflung führt, zeigt die Japanerin Yoshiko Inaï. Sie ist vor 14 Jahren nach Paris gekommen:

"Am Anfang, als ich nach Frankreich gekommen bin, hat mich das schockiert, wie viel Müll auf den Straßen liegt, vor allen Zigarettenstummel. Das wundert mich immer noch, dass die Menschen die Kippen einfach auf die Straße werfen."

Yoshiko Inaï trat daraufhin "Green Birds Paris" bei, ein Verein, dessen Mitglieder einmal im Monat eine Stunde lang einen Ort in Paris saubermachen. Eine Idee, die ein Exil-Japaner aus Tokio mitgebracht hat. Mittlerweile – nach einer anfänglichen Skepsis – helfen sogar auch Franzosen dabei, Paris ein bisschen ähnlicher zu der fabelhaften Stadt von Amélie zu machen.

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