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Studio 9 | Beitrag vom 10.01.2019

Prozessauftakt zum Goldmünzen-Diebstahl Die Angeklagten zeigen sich selbstsicher

Von Daniela Siebert

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Prozessauftakt nach Goldmünzen-Raub im Bode-Musuem. Einer von vier Angeklagten am 10. Januar 2019 im Berliner Landgericht.  (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinkenw)
Prozessauftakt am Berliner Landgericht: Jeder der Angeklagten hat gleich zwei Verteidiger. (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinkenw)

Zusammen sollen sie eine 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben: Die vier mutmaßlichen Täter sind noch jung und Mitglieder einer polizeibekannten Großfamilie. Ihre Anwälte sind offenbar auf Freisprüche aus.

Wo die Riesengoldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum abgeblieben ist, wurde auch zum Prozessauftakt nicht geklärt. Nicht nur zahllose Fachleute, auch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie zerteilt und eingeschmolzen wurde.

Die Anklage beruht daher auf Indizien und dem gefundenen Tatwerkzeug, das bei dem filmreifen Einbruch eine Rolle spielte: einer Leiter, mit der die Täter mitten in der Nacht am 27. März durch ein Fenster in das Museum eingestiegen sein sollen. In eine Umkleidekabine des Personals im zweiten Stock, die nicht von der Alarmanlage überwacht wird. Einem Axtgriff, der vermutlich zum Aufbrechen der Panzerglasvitrine zum Einsatz kam.

Flucht über die S-Bahngleise

Auch das Möbel-Rollbrett wurde im Museum gefunden, mit dem die Täter die 100 Kilo schwere Goldscheibe zurück zum Einstiegsfenster bugsiert haben sollen. Von dort ging es über die benachbarten S-Bahngleise weiter, per Schubkarre über die Spree bis zum Monbijoupark, wo Täter und Beute über ein Seil runter zum Fluchtfahrzeug gelangt sein sollen. Neben DNA-Spuren an den Tatwerkzeugen spielten bei den Ermittlungen auch Video-Aufnahmen vom benachbarten S-Bahnhof eine Rolle.

Der angeklagte Ahmed R. am 10. Januar 2019 am Berliner Landgericht. (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinken)Der angeklagte Ahmed R. zum Prozessauftakt am Berliner Landgericht neben seinen Anwälten. (picture alliance/dpa/Foto: Paul Zinken)
Fazit der Berliner Staatsanwaltschaft: Anklage gegen vier Berliner, die sie heute am Berliner Landgericht des "gemeinsamen Diebstahls in einem besonders schweren Fall" anklagte. Gerichtssprecherin Lisa Jani:

"Es handelt sich um vier Angeklagte, im Alter zwischen 20 und 24 Jahren, einer der Angeklagten soll Wachmann im Bode-Museum gewesen sein, er soll Tatwissen zu den Räumlichkeiten und zu den Sicherheitsvorkehrungen im Museum weitergegeben haben, die anderen drei Angeklagten sollen den tatsächlichen Diebstahl verübt haben. Es handelt sich dabei um zwei Brüder und ihren Cousin."

Mutmaßliche Einbrecher gehören einer Großfamilie an

Die drei mutmaßlichen Einbrecher, Ahmed, Wayci und Wissam gehören einer Großfamilie an, die in Berlin bereits polizeibekannt und berüchtigt ist. Verwandte hatten 2014 Schließfächer einer Sparkasse ausgeraubt und dabei rund zehn Millionen Euro Beute gemacht.

Letzten Sommer beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft zahlreiche Immobilien der Familie, die mit Geld aus illegalen Quellen erlangt worden sein sollen. Auch drei der heute Angeklagten waren bereits kriminell, inwiefern, will die Gerichtssprecherin in einer Verhandlungspause nicht preisgeben. Einen juristischen Welpenschutz genießen drei der vier Angeklagten auch jetzt noch.

"Die Staatsanwaltschaft geht hier von einem Diebstahl in besonders schwerem Fall aus, das Strafmaß liegt zwischen drei Monaten und zehn Jahren, allerdings gilt das für Erwachsene, drei der Angeklagten waren zur Tatzeit Heranwachsende, sollten sie also für schuldig befunden werden, müsste erst einmal entschieden werden, ob sie nach Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden."

Die Goldmünze "big maple leave" im Bode-Museum. (picture alliance / dpa / Marcel Mettelsiefen)Das Archivbild zeigt die 100 Kilogramm schwere Goldmünze "big maple leave" im Bode-Museum. (picture alliance / dpa / Marcel Mettelsiefen)
Dass es überhaupt zu einer Verurteilung kommt, erscheint nach dem Prozessauftakt ungewiss. Denn die insgesamt acht Strafverteidiger – zwei pro Angeklagtem – übten deutliche Kritik in ihren Eingangserklärungen und arbeiteten erkennbar auf Freisprüche hin.

Eindeutige Beweise fehlen

Die Beweisvideos vom S-Bahnhof ließen gar keine Gesichtszüge erkennen, hieß es. Umfangreiche Objektdurchsuchungen mit Spürhunden und Funkzellenabfragen hätten keine eindeutigen Beweise ergeben. Ein diensthabender Museumswächter – nicht der Angeklagte – sei in der Tatnacht von seiner vorgeschriebenen Route abgewichen, hätte Schulden und wahrheitswidrige Aussagen gemacht.

Die vier Angeklagten präsentierten sich heute im Gericht stoisch. Trotz des mutmaßlichen Millionenschadens sitzt kein einziger der vier in Untersuchungshaft. Wie sicher sich die Angeklagten sind, kann man also auch daran erkennen, dass sie heute alle vier im Gerichtssaal angetreten sind - und nicht etwa abgetaucht.

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