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Länderreport | Beitrag vom 26.04.2019

Prozess im ErzgebirgeErmordet, weil er schwul war?

Von Jennifer Stange

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Junger Mann mit Handschellen. (imago/Panthermedia/alptraum)
In der erzgebirgischen Kleinstadt Aue wurde Christopher W. zu Tode geprügelt. (imago/Panthermedia/alptraum)

Der 27-jährige Christopher W. wurde im vergangenen Jahr brutal zu Tode geprügelt. Das sagt die Anklageschrift im aktuellen Prozess um den Fall in Aue im Erzgebirge. Sie erwähnt auch ein mögliches homophobes Motiv. Die Statistik ordnet die Tat klar ein.

Was in der Kleinstadt Aue im Erzgebirge passiert, spricht sich schnell rum. Vom Mord am 27-jährigen Christopher W. vor einem Jahr haben viele zumindest gehört.

Jugendliche, die nach der Schule über den Postplatz schlendern, kannten die mutmaßlichen Täter vom Sehen. Das Foto von Christophers Leiche kam kurz nach der Tat per Whatsapp, erzählen sie, ein Video wollen sie gesehen haben.

Erster Jugendlicher: "Das ist zwar nicht lustig …"

Zweiter Jugendlicher: "... aber ist normal hier. - War der eine, der jetzt tot ist, war der nicht schwul?"

Ja, Christopher W. war schwul. Ein früherer Nachbar in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus nicht weit vom Zentrum der Stadt entfernt, erzählt, Christopher habe eine Zeit lang mit seinem Partner in der Wohnung gegenüber gewohnt. Wie viele, die ihn kannten, sagt er, Christopher sei ein lieber und ein armer Kerl gewesen.

Helmut Baumann: "Er hatte keine Mama mehr und wie gesagt, der Freundeskreis, den er hatte in Aue, die haben ihm alles weggenommen. Im Drogenmilieu waren die alle, Alkohol, und da er ja leider schwul war."

Wenn Helmut Baumann an dieser Stelle "leider" sagt, dann nicht weil er bedauert, dass Christopher homosexuell war. Sondern weil er glaubt, dass Christopher genau deshalb schon vorher gegängelt, rumgeschubst, ausgenutzt und letztlich ermordet wurde. Von drei etwa gleichaltrigen jungen deutschen Männern, die derzeit im Chemnitzer Landgericht auf der Anklagebank sitzen. Wegen Mordes an Christoper W.

Für zwei Drittel ist Homosexualität "unnatürlich"

Anne Pöhl beobachtet den Prozess für die Beratungsstelle RAA für Opfer rechter Gewalt in Chemnitz: "Extrem grausam, extrem menschenverachtend. Schon allein im Tathergang sieht man eine menschenverachtende Einstellung der Täter, weil es wirklich an eine Folter erinnert. Das erschreckt selbst uns."

Über die Grausamkeit lässt auch die Anklageschrift keine Zweifel. Christopher W. wurde brutal zu Tode geprügelt. Auch ein möglicherweise homophobes Motiv wird in der Anklageschrift erwähnt. Ob das für die Tat handlungsleitend war, muss das Gericht entscheiden. Prozessbeobachterin Pöhl:

"Einer der Angeklagten posiert auf seinem Facebook-Profil mit Landser-T-Shirt. Ein anderer Angeklagter hat ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust und soll laut einer Zeugenaussage nach der Tat einen anderen mit Hitlergruß empfangen haben. Und ein dritter Angeklagter wird von mehreren Sozialbetreuern als klar rechts beschrieben."

Die Polizei beurteilte die Tat offenbar ähnlich. Der Mord an Christopher W. wird in der offiziellen Statistik unter politisch motivierter Kriminalität Rechts gelistet. Öffentlich wurden die Hintergründe allerdings erst mit Prozessbeginn.

Der Sozialpsychologe Oliver Decker von der Universität Leipzig beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Voraussetzungen solcher Taten:

"Jemand, der handelt, der muss nicht nur die Einstellung mitbringen, sondern er muss auch damit rechnen, dass relevante Anteile seines Umfelds die Handlung als positiv ansehen. Das muss nicht in dem extremen Maße sein, wie wir jetzt sehen, aber die Abwertung, die Stigmatisierung, das Lustigmachen über andere muss auch im Umfeld akzeptiert sein."

Blick auf die Wohnhäuser im Lößnitztal von Aue. (dpa / Robert Michael )Stadtansicht von Aue: Homophobie sei in bestimmten Regionen Sachsens ein Problem. (dpa / Robert Michael )
Bei Befragungen für den Sachsen-Monitor 2018 gaben zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger an, Homosexualität als "unnatürlich" zu empfinden. Martin Wunderlich von der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) "Queeres Netzwerk" sagt, Homophobie sei eher auf dem Land und vor allem in bestimmten Regionen Sachsens ein Problem:

"Hinzu kommt, dass wir gerade in Südsachsen christlich-fundamentalistische Haltungen haben, die eindeutig auch homophobe Positionen in einigen freikirchlichen und evangelikalen Gemeinden noch mit predigen. Und hinzu kommt natürlich auch, dass gerade seit der Wende überall dort, wo sich staatliche Strukturen und Infrastruktur zurückgezogen haben, es rechtsextreme und rechtsradikale Strukturen geschafft haben, sich im ländlichen Raum festzusetzen. Und dann eben auch menschenverachtende Haltungen und Handlungen im Alltag zu installieren."

"Es wird nicht wirklich darauf eingestochen"

Allerdings ist Zahl der Übergriffe auf Schwule und Lesben im Freistaat laut offizieller Statistik verschwindend gering. Weil Betroffene Diskriminierung durch die Polizei fürchten, würden Betroffene selten Anzeige erstatten, so Wunderlich. Außerdem seien Beamten oft nicht ausreichend geschult, um homophobe Straftaten als solche zu erkennen.

Zurück auf dem Postplatz in Aue. Es ist später Mittag, immer mehr Schüler drängen sich hier an der Bushaltestelle. Homosexualität, schwul sein, wie ist das hier? Nicht so einfach, vermuten zwei 16-Jährige.

Erster Schüler: "Akzeptanz, ich weiß nicht, das wird halt dumm angeguckt, aber…"

Zweiter Schüler: "Die werden dann halt mal gemobbt und dann war es das, dann interessiert es auch keinen mehr."

Erster Schüler: "Also, es wird nicht wirklich darauf eingestochen."

Christopher wurde in einem anonymen Grab beigesetzt, das wollte die Stiefmutter, damit er wenigstens jetzt seine Ruhe hat. Die, die ihn gern hatten, wie sein alter Nachbar, verabschiedeten sich damals bei einer inoffiziellen Gedenkveranstaltung in Tatortnähe.

Länderreport

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