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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.09.2018

Protz vs. SelbsterfahrungVom Luxus, den Luxus zu beenden

Beobachtungen von Hans Rusinek

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Ein Mann liegt faulenzend in einer Hängematte (imago images / Westend61)
In der Hängematte entspannen: Der wohl größte immaterielle Luxus Zeit ist genauso ungleich verteilt wie Geld, so Hans Rusinek. (imago images / Westend61)

Der Markt mit teuren Glitzer-Luxusartikeln floriert: Aber liegt der eigentliche Luxus nicht längst woanders, fragt Hans Rusinek. Der Journalist und Innovationsberater hat einen Trend zu immateriellen Schätzen entdeckt.

Luxus ist eine Ausrenkung – im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Begriff stammt von dem lateinischen "luxare", ausrenken. Ärzte sprechen deshalb auch von einer Kniegelenksluxation. Auch ohne Mediziner zu sein, ist klar, dass Luxus stets etwas vom Normzustand Ausgerenktes ist. Das können Luxusschlitten, Uhren zum Preis durchschnittlicher Jahreseinkommen oder Restaurants sein, in denen das Euro-zu-Kalorien-Verhältnis eins zu eins ist.

Ausgerenkt wirkt Luxus hier auch moralisch. Gerade in Zeiten, in denen soziale Ungleichheit immer sichtbarer ist, wirkt der Glitzer-Luxus immer mehr protzig – und geradezu peinlich.

Kein Wunder, dass nun ein neuer dematerialisierter Luxus aufkommt: Sammle Momente statt Dinge (ach ja: und poste sie in sozialen Medien). Statt Goldringe werden Sonnenuntergänge angehäuft. Statt Marmorfließen in den Bädern gibt es Marmorhämmern im einwöchigen Steinmetz-Workshop.

Können wir den Luxus wieder einrenken?

Der Stoiker Epiktet wusste: Es sind nicht die Dinge, die uns bewegen, sondern die Urteile und Erfahrungen, die wir durch die Dinge haben. Mit dem dematerialisierten Luxus befreien wir uns von den materiellen Zwängen ein Stück weit, denn schöne Erfahrungen kann doch jeder haben, oder?

In diesen Erfahrungen, die oft nach Authentizität streben wie ein Bauernhof-Aufenthalt oder besagter Steinmetz-Besuch, liegt die Sehnsucht nach einer Welt der sozialen Unmittelbarkeit, die es so vielleicht niemals gab. Dieser Luxus gibt die Möglichkeit, die Erlebnisse zu teilen mit Menschen, die ganz andere gesellschaftliche Startbedingungen haben.

Der Unterschied zwischen Wollen und Müssen

Aber wenn nach Epiktet nicht die Dinge selbst, sondern unsere Urteile darüber entscheidend sind, liegt hier auch der Haken: Es ist der Unterschied zwischen Wollen und Müssen. Der Steinmetz-Workshop ist Luxus, die verordnete Steinmetz-Karriere im väterlichen Betrieb vielleicht nicht. Ein Wochenende auf einem Bauernhof in der Provinz ist schön. Eine ganze Jugend vielleicht aber nicht. Was eine luxuriöse Ausrenkung ist, liegt eben an der Perspektive. Im Steinmetz-Kurs kam die Frage auf, ob sich der eigentliche Steinmetz am Wochenende für Ausgleich und Horizonterweiterung denn auch Büro-Kurse gönnt.

Nicht zuletzt liegt all diesen Erfahrungen der wohl größte immaterielle Luxus zugrunde: Zeit – und die ist genauso ungleich verteilt wie Geld. Oft geht es auch um andere Insignien, wie um geheime Kennerschaft und die richtigen Kontakte. "Ich hatte eben eine ganze Woche Zeit, an Steinen rumzuhämmern" oder "Steine aus Statuario-Marmor, Kenner wissen was ich meine" oder "Den Steinmetz hat mir der Stadtrat empfohlen". Genauso dematerialisiert wie der neue Luxus sind eben auch die Vorrausetzungen dafür. Aber sie bleiben trotzdem ungleich verteilt.

Selbsterfahrung statt Glitzer-Protz

Doch hiermit den neuen Luxus ganz abzuschmettern, würde heißen, gleich das Kind mit der authentischen Kupferbadewanne auszuschütten. Weniger Protz und mehr Selbsterfahrung (wenn auch mit einer Prise Abgrenzung), kann die Welt zu einer bewussteren machen.

Dematerialisierter Luxus kann die Welt, auch für viele, die noch vom goldenen Ferrari schwärmen, zumindest einen kleinen Spalt weit öffnen für einen Luxus, der beginnt, für alle zu sein, auch wenn er dann aufhören würde, im eigentlichen Wortsinne Luxus zu sein.

(privat)Hans Rusinek (privat)Hans Rusinek ist Redakteur beim "Transform Magazin", dem Magazin für das Gute Leben, und Unternehmensberater. Zusätzlich ist er Mitglied im thinktank30 des Club of Rome, wo er sich mit wirtschaftsethischen Fragen auseinandersetzt.

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