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Studio 9 | Beitrag vom 08.09.2021

Protestaktion in BerlinHungerstreik fürs Klima

Von Manfred Götzke

Simon Helmstedt und Jacob Heinze vor einem Schild, auf dem sie die Tage ihres Hungerstreiks zählen. (Deutschlandradio / Manfred Götzke)
Sie zählen die Tage: die Aktivisten Simon Helmstedt und Jacob Heinze. (Deutschlandradio / Manfred Götzke)

Fasten für das Klima? Machen weltweit gerade viele. Doch die meisten hungern nur wenige Tage. Der Hungerstreik der jungen Aktivisten der Gruppe "Die letzte Generation" ist radikaler. Sie fordern auch die Einführung eines sogenannten Bürgerrats fürs Klima.

Simon Helmstedt sitzt auf einem Plastikstuhl vor dem Reichstagsgebäude und spricht mit einer Passantin. "Meine Muskeln verschwinden", sagt er. Es ist Tag acht seines unbefristeten Hungerstreiks fürs Klima. Der ohnehin schmächtige 22-jährige Biologiestudent hat in den letzten Tagen noch weiter abgenommen. Die Fettreserven sind so gut wie aufgebraucht.

"Körperlich bin ich deutlich schwächer. Gestern hatte ich noch ein Hoch, wo ich mich besser gefühlt habe, aber tendenziell merke ich schon, dass jede Bewegung einfach noch einen Gedanken braucht, um mich aufzuraffen", sagt er. Er sehe einfach keine Möglichkeit, jetzt noch länger zu warten. Deshalb habe er sich für dieses radikale Mittel entschieden.

Eltern sollten sich eher um die Zukunft der Welt sorgen

Neben ihm sitzt die 18-jährige Lina Eichler auf einem Campingstuhl und blinzelt in die Nachmittagssonne. Auch sie wird seit Tagen schwächer und schwächer. Vier Kilo hat die junge Frau schon abgenommen, sagt sie:

"Ich merke schon, wie ich körperlich immer schwächer werde und meine Muskeln anfangen wehzutun und ich einfach viel, viel weniger Energie habe und krasse Stimmungsschwankungen. Emotional ganz aufgeladen alles."

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Natürlich sorgten sich ihre Eltern und ihre Freunde um die Aktivistin, sagt sie. Das gehe auch den andren sechs Hungerstreikenden so. Eichlers Eltern hätten tagelang versucht, ihre Tochter von der potenziell lebensgefährlichen Aktion abzuhalten.

"Meine Eltern und Freund*innen machen sich superdoll Sorgen um mich, natürlich, aber ich versuch dann immer zu erklären, dass sie ihre Sorgen nicht an mich als Kind im Hungerstreik wenden sollen, sondern eher daran, was in unserer Zukunft passiert. Weil wir auf Hungersnöte und Naturkatastrophen zusteuern. Das ist das, worüber wir uns Sorgen machen sollten."

"Letztes Mittel", um Druck auszuüben

Schon seit sie 15 ist, engagiert sich Lina in der Klimabewegung, hat Braunkohlebagger besetzt, sich angekettet, vor Ministerien demonstriert. Alles ohne Erfolg, sagt die zierliche junge Frau. "Ich bin im Hungerstreik, weil ich bei meinem Aktivismus bisher immer ignoriert wurde von den Politiker*innen und ich das als letztes Mittel sehe, Druck auszuüben, weil die Lage immer dramatischer wird."

Nun hat sie die wohl radikalste Form des Protestes gewählt, um gehört werden. Seit dem 30. August nimmt sie lediglich Wasser und lebensnotwendige Vitamine zu sich. Sie und ihre Mit-Aktivistinnen wollen so lange streiken, bis es zu einem direkten Gespräch mit der Kanzlerkandidatin und den Kandidaten kommt. Über die aktuelle Situation mit vier Leuten, die am Hungerstreik beteiligt sind.

Und zwar hier vor Ort am Reichstag, sagt Linas Mitaktivistin, ebenfalls 18, sie nennt sich Mephisto. "Nicht digital", sagt sie. "Wir sind im unbefristeten Hungerstreik, da werden es die Kanzlerkandidatinnen ja wohl schaffen, hier mal vorbeizukommen. Und das Gespräch soll auch live übertragen werden."

Außerdem fordern sie die Einführung eines sogenannten Bürgerrats fürs Klima, erklärt Mephisto. "Bei diesem Rat werden Menschen zufällig ausgelost, und der muss von der Politik einberufen werden. Diese Menschen werden von der Wissenschaft beraten und haben direkten Einfluss auf die Politik."

"Ich leide lieber jetzt und mach das den Menschen deutlich"

Jakob Heinze ist mit 27 der Älteste der Gruppe, die sich die "letzte Generation" nennt: "Wir sind die letzte Generation, die den Klimawandel noch aufhalten kann, wir sehen ja jetzt schon in Ahrweiler, wie katastrophal das sein kann.

Bislang hat sich noch niemand aus den Parteien der Kandidaten bei ihnen gemeldet, sagt er. Lediglich ein Abgeordneter der Linken hat sich bei den Aktivisten sehen lassen. Was auch daran liegen könnte, das ihre Aktion durchaus umstritten ist.

"Es ist eine Todesangst. Wenn ich keine Todesangst hätte, würde ich jetzt nicht in den unbefristeten Hungerstreik treten, der ja auch jeden Tag ein Schritt weiter Richtung Tod ist. Aber ich muss klar sagen, ich leide lieber jetzt und mach das den Menschen deutlich, bevor in mehreren Jahrzehnten die Gesellschaft zusammenbricht.         

Natürlich haben die Aktivisten ihren Protest mit Bedacht gewählt – drei Wochen vor der Wahl. Die Programme und Ziele aller großen Parteien halten die Aktivisten für viel zu unambitioniert, sagt Jacob Heinze, und streicht sich durch seinen zauseligen Bart.

Simon Helmstedt und Jacob Heinze warten auf Stühlen darauf, dass die Kanzlerkandidat*innen mit ihnen sprechen.  (Deutschlandradio / Manfred Götzke)Gute Platzwahl: Simon Helmstedt und Jacob Heinze hoffen, dass die Kanzlerkandidaten mit ihnen sprechen. (Deutschlandradio / Manfred Götzke)

"Aktuell sehen wir Parteiprogramme, die physikalische Kipppunkte ignorieren und denken, sie müssen irgendwie drum rum reden und stellen Wahlprogramme auf, mit Klimaneutralität bis 2045. Das ignoriert die Physik."

Andere fasten auch – aber meist nur zwei Tage

Die sieben Aktivisten sind nicht die einzigen, die für das Klima hungern, weltweit fasten zurzeit Menschen fürs Klima, die meisten aber nur ein, zwei Tage. Earth-Fast heißt die Bewegung. Doch die jungen Menschen hier am Reichstag dürften zu den radikalsten gehören, ihr Hungerstreik ist unbefristet.

"Was mich mental stresst, ist auch zu wissen, es ist nicht morgen vorbei. Ich glaube nicht, dass Baerbock, Scholz oder Laschet: Ey, super was ihr macht, wir kommen jetzt zu euch."

Kurz, bevor die Aktivisten in ihr Camp nebenan am Spreebogen aufbrechen wollen, nähert sich eine Teenagergruppe, hessische Schüler auf Klassenfahrt. Sie scheinen von der Aktion wenig überzeugt. Doch dann kommen sie doch ins Gespräch, auch ihr Lehrer, ein CDU-Kommunalpolitiker, unterhält sich mit den radikalen Klimaschützern.

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