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Weltzeit | Beitrag vom 05.12.2019

Protest in NorwegenDer Kampf gegen die Windräder

Von Michael Frantzen

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Windräder ragen in Mittelnorwegen bei Trondelag hinter einem Wald auf, über dem ein Seeadler fliegt. (picture alliance / blickwinkel / M. Lohmann)
Ein Seeadler zwischen Wald und Windrädern bei Trondelag. (picture alliance / blickwinkel / M. Lohmann)

Zwei von drei Norwegern finden es im Prinzip gut, wenn mehr Windräder gebaut werden. Aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Und erst recht nicht in unberührter Natur. Deutsche Energieversorger, die hier Windräder bauen, sind nicht willkommen.

Da ist er endlich: Eskil Sandvik. Samt Pia, seiner Hirtenhündin. Sonntagmittag. Frøya, die 5000-Einwohner-Insel vor der Westküste Norwegens. Bis in die Hauptstadt Oslo dauert es mit dem Auto acht Stunden. Dass der Mann im braun-weiß karierten Holzfällerhemd so spät dran ist, hat einen guten Grund. Seit den frühen Morgenstunden war der 42-Jährige auf dem zerklüfteten Eiland unterwegs, um seine Schafe und Lämmer einzufangen. Morgen will er sie schlachten, für das Fleisch bekommt er gutes Geld.

Die Schafzucht: Das sei nur ein Hobby, meint der Sozialarbeiter, während er Gas gibt. Knorrige Kiefern und Birken ziehen vorüber, Felsen und Moosflechten. Hobbit-Land auf Norwegisch. Unberührt und urwüchsig. Bis plötzlich am Horizont Absperrgitter und Masten auftauchen. Willkommen in Midgard, dem Windpark von Frøya.

"Du solltest es nicht Windpark nennen. Ein Park ist ein schöner Ort, an dem du dich entspannen kannst. Die Windräder, die sich errichten, sind alles Mögliche, nur kein Park." 

Ein stämmiger Mann in dunkelbrauner Kleidung mit buschigem roten Vollbart, blonden Haaren und mit Brille steht - die Hände in den Hosentaschen - vor diversen Protestutensilien wie weißen Kreuzen, einem Transparent und diversen Vogelplakaten. (Michael Frantzen)"Früher haben die Hirsche dort gegrast", sagt Eskil Sandvik, Windkraftgegner aus Frøya. (Michael Frantzen)

Eskils Laune: Sie wird von Minute zu Minute düsterer. Seit 2012 kämpft das Raubein gegen die Windräder. Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob seine Protestgruppe sie  stoppen könnte, doch im April rückten die Bagger an. Ging die Baustelle in Betrieb.

"Vorsicht! Da ist ein Hirsch! Das hat auch mit den Windrädern zu tun. Früher haben die Hirsche in der Gegend gegrast, wo sie die Dinger bauen. Doch wegen der Bauarbeiten und des Lärms weichen sie aus – und fressen jetzt mein Gras. Letztens erst hat eine Herde meinen ganzen Heuballen aufgefressen."

Regt sich der Mann mit dem roten Rauschebart auf, ehe er vom Gas runter geht.

"Wir müssen anhalten und den Rest laufen. Wenn ich weiterfahren würde, müsste ich Strafe zahlen: 8000 norwegische Kronen, umgerechnet rund 800 Euro. Also lass uns lieber aussteigen."

Bannmeile, Strafen, Überwachungskameras

Seitdem Eskil und seine norwegischen Gelbwesten im April für ein paar Tage die Baustelle blockiert haben, herrscht im Umkreis der Baustellenausfahrt eine Art Bannmeile. Deshalb auch die drohende Strafe. Die Überwachungskameras.

Sandige Abfahrt von der Asphaltstraße. Hinter mehreren hohen Gittern sind inmitten schwarzer Kieshügel Baustellenfahrzeuge zu erkennen. (Michael Frantzen)Gut gesichert – die Baustelleneinfahrt der Windkraftanlage auf der Insel Frøya. (Michael Frantzen)

Missmutig stapft der 42-Jährige über den Asphalt, Richtung Protestcamp. Es liegt außerhalb der Bannmeile.

"It’s sad, very sad for me. To see, you know, this machine."

Die Baumaschinen. Das Absperrgitter. Die ganzen Kräne: Eskil tut das in der Seele weh.

"Ich bin von klein an Umweltschützer gewesen. Du musst mir nichts vom Klimawandel erzählen. Natürlich bekomme ich mit, dass es immer wärmer wird. Nur: Wollen wir Norweger wirklich das Klima retten, indem wir unsere unberührte Natur mit diesen Windrädern zupflastern?! Und gleichzeitig weiter Öl und Gas fördern?! Die CO2-Killer schlechthin?! Das passt doch alles nicht zusammen. Wir sollten lieber unseren Lebensstil ändern. Uns einschränken. Weniger Strom verbrauchen. Nicht dauernd Auto fahren. Weniger Konsum: Das würde der Natur helfen.

Ein Kampf gegen Windmühlen

Ein Protestcamp mitten im norwegischen Nirgendwo. Mit schwarzen Kreuzen. Und einem Wigwam, der sich bei näherem Hinsehen als ausrangiertes Zelt der schwedischen Armee entpuppt: Mit der Ruhe ist es in Frøya fürs erste vorbei.

Vorsichtig zieht Eskil die Zeltplane hoch. Es ist kalt draußen. Kalt und windig. Also lieber rein. Der Norweger setzt sich auf eine der Holzbänke. 11.000 Unterstützer hat seine Facebook-Gruppe. Und: Ja, der Protest gehe weiter. Selbstverständlich. Es ist ja auch nicht so, als ob er und die anderen Windkraftgegner nicht schon etwas erreicht hätten: Ursprünglich waren 63 Windräder geplant, jetzt sollen es nur noch 14 werden. Eskil schüttelt den Kopf: 14 Turbinen – das sind immer noch 14 zu viel. Der Kampf gegen die Windmühlen: Er nagt an seinen Nerven.

"Natürlich ist unsere Wortwahl manchmal drastisch. Wir sind schließlich stinksauer. Und traurig. Worte sind das einzige, was uns geblieben ist. Ich versuche mich ja zusammenzureißen. Aber manchmal brennen bei mir die Sicherungen durch. Einmal habe ich dem Geschäftsführer von TrønderEnergi, dem Energie-Unternehmen, eine SMS geschickt. Mit dem F-Wort. Das war vielleicht nicht so gut. Schon klar. Er hat daraufhin unserer Bürgermeisterin gesagt, er sei sehr traurig, so eine Nachricht von mir erhalten zu haben."

Im Vordergrund das Meer, auf dem die untergehenden Sonnenstrahlen glitzern. Im Hintergrund: eine Hügellandschaft, hinter der die Sonne gerade verschwindet. Am blauen Himmel vereinzelte langgezogene Wolken. (Michael Frantzen)Trügerische Ruhe: Sonnenuntergang in Frøya. (Michael Frantzen)

Letztens war Vilde mit im Protestcamp, Eskils Tochter. Die 17-Jährige wohnt bei der Mutter. Der Sancho Panza Frøyas zeigt auf seine rechte Hand: Er hat sich Vildes Namen eintätowieren lassen. Passt auch ganz gut zu ihm, der Name, meint er lakonisch. Schließlich sei er ja auch wild. Wildentschlossen. Das haben auch die Münchener Stadtwerke zu spüren bekommen.

"In Deutschland wären diese Windräder nie genehmigt worden"

Anfang des Jahres hat sich das kommunale Unternehmen mit 70 Prozent am Joint Venture mit TrønderEnergi in Frøya beteiligt, 250 Millionen Euro haben die Münchner sich das kosten lassen.  

"Es ist sehr traurig, dass Deutsche nach Norwegen kommen, um unsere Natur zu zerstören. Weil sie unsere grüne Energie brauchen. Warum könnt ihr eure Windräder nicht bei euch selbst bauen? Ich kann dir sagen warum: Weil eure Gesetze viel strenger sind als unsere. In Deutschland wären diese Windräder nie genehmigt worden."

"Bayern ist für alles gut. Aber für perfekten Wind vielleicht zweite Wahl."

Das Büro von Christian Vogt, dem Geschäftsführer der Mitgard Holding, dem Joint Venture zwischen den Münchner Stadtwerken und TrønderEnergi: Es liegt über den Dächern Trondheims, Norwegens drittgrößter Stadt, in einem Wolkenkratzer mit Aufzügen, die so schnell sind, dass einem fast schwindelig werden kann.

"Es ist unzweifelhaft, dass wir hier in Norwegen besseren Wind haben. Und dass es in Norwegen möglich ist, größere Windparks zu bauen als in Bayern. Und ein bisschen, muss ich zugeben, haben wir diese rein örtliche Debatte auch nicht verinnerlicht. Dem Klimawandel ist es vollkommen egal, wo CO2 produziert oder eingespart wird. Zu Deutsch: Die Diskussion, dass jeder unmittelbare Nachbar, egal ob das jetzt eine Photovoltaikanlage oder ne Windkraftanlage ist, möglicherweise sagt: Och, ich fänd es schöner, wenn die unberührte Natur neben mir wäre: Ja, verstanden. Aber wir glauben, dass es sinnvoll ist, an den Standorten, wo der beste Wind weht, eine Windkraftanlage zu installieren."

Ein  Mann mit Brille sitzt im geöffneten Jacket an seinem Schreibtisch vor dem PC, die Maus in der Hand und schaut in die Kamera. Der Schreibtisch und der ganz in weiß gehaltene Raum sind ansonsten völlig  leer. (Michael Frantzen)Zahlen, Fakten, Statistiken sind seine Welt: Christian Vogt, Geschäftsführer des Betreibers der Windkraftanlage in Frøya. (Michael Frantzen)

Zahlen, Fakten, Statistiken: Das ist Vogts Welt. Seine grüne Welt. Nicht kleckern, sondern klotzen: Die Stadtwerke expandieren. In Frankreich, Schweden, Norwegen.

"Die Kritik überrascht uns"

Alle paar Wochen fährt der Anzugträger nach Frøya um zu schauen, wie die Bauarbeiten vorankommen. Zwei Stunden dauert das. Deshalb auch der Helm und die Schutzweste hinter seinem Schreibtisch. Wegen der vorübergehenden Blockade der Baustelle im April sind zusätzliche Kosten entstanden. Die Rede ist von 30.000 bis 50.000 Euro pro Tag. Wer dafür gerade stehen muss? Vogt schüttelt den Kopf: Kein Kommentar.

Nur so viel: "Es hat uns überrascht, dass die Proteste so harsch sind. Dass teilweise unsere Mitarbeiter bedroht wurden. Dass es teilweise, ich sag mal, Sabotageakte gab. Das hätten wir so nicht erwartet. Und schon gar nicht in Norwegen. Momentan versucht ja ganz Europa oder sogar die Welt zu diskutieren, wie man den Klimawandel verhindern kann. Und wie die Fridays for Future fordern, dass endlich jemand die Energiewende wahrnimmt. Wir sind ein Vorreiter. Und kriegen dafür aber momentan relativ wenig Lob, sondern eher eigentlich ziemlich viel Kritik. Und das überrascht: Ja."

Norwegen braucht mehr Erneuerbare Energie

Nach Oslo. Und damit ins Regierungsviertel. Dass der Eingangsbereich des Energieministeriums in der Akersgata 9 einem Hochsicherheitstrakt gleicht, ist kein Zufall: Schräg gegenüber, keine 200 Meter entfernt, zündete im Juli 2011 der Rechtsextremist Anders Breivik seine Autobombe. Acht Menschen kamen ums Leben. Energie-Staatssekretär Rikard Gaarder Knutsen war damals 17.

 "We will need more renewable energy."

Norwegen braucht mehr Erneuerbare Energie: Der gelernte Automechaniker ist zwar erst seit Januar Staatssekretär, doch selbst politische Gegner attestieren dem 25-Jährigen von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, dass er in der Materie steckt.

Ein junger schlanker Mann in dunklem Jacket steht am geöffneten Fenster, durch das die Sonne scheint. Im Hintergrund sieht man den Hof des Ministeriums. (Michael Frantzen)"Verlässlichkeit ist wichtig", sagt Rikard Gaarder Knutsen, Staatssekretär im norwegischen Energieministerium. (Michael Frantzen)

Im Ministerium gilt Knutsen als derjenige, der dafür gesorgt hat, dass die Mitterechts-Koalition von Premierministerin Erna Solberg im April der Öffentlichkeit ihren "Nationalen Rahmenplan für Windkraft" präsentieren konnte.

"Wir wollen für die Unternehmen ein verlässlicher Partner sein. Die Münchner Stadtwerke und andere investieren ja eine Menge Geld in diese Windparks. Verlässlichkeit ist wichtig. Es kann nicht sein, dass erst alle Ja sagen, die Unternehmen anfangen zu investieren, bis den Kommunen plötzlich einfällt: Wir haben es uns anders überlegt. Eine solche Instabilität ist Gift für unsere Wirtschaft. Wir müssen berechenbar bleiben."

Dass das jüngste Kabinettsmitglied so sehr auf Verlässlichkeit pocht, hat auch mit Frøya zu tun. Im März 2016 gab die Gemeinde TrønderEnergi grünes Licht für ihr Windkraftprojekt. Nur um im April dieses Jahres, nach den Protesten, einen Rückzieher zu machen.

Zwei Windräder am felsigen Ufer dicht am Meer. (Deutschlandradio/ Gunnar Köhne)Die beiden Windräder sind zum Wahrzeichen der norwegischen Insel Utsira geworden. (Deutschlandradio/ Gunnar Köhne)

Das Hin und Her bei der Windkraft: Es beschäftigt Knutsen mehr als ihm lieb ist. Der neue Rahmenplan etwa, der Rechtspopulist verzieht unmerklich das Gesicht, auch ein Thema für sich. Er beinhaltet 13 Gegenden, die für Onshore-Windkraft geeignet wären – also Windräder an Land. 98 Gemeinden kämen dafür in Frage. Ganze drei haben Interesse signalisiert. Doch der Jungpolitiker hat noch ein Ass im Ärmel.

"Wir sollten uns ernsthaft darüber unterhalten, wie wir Windkraftanlagen in Zukunft besteuern. Windräder schaffen neue Jobs, nicht nur während des Baus, sondern auch beim Betrieb. Die Gemeinden profitieren davon, über kommunale Steuern. Aber vielleicht nicht ausreichend genug. Vielleicht sollten wir die Steuern auf Windräder erhöhen. Ein paar Bürgermeister haben mir schon gesagt: Wenn sich das für uns steuerlich stärker lohnen würde, könnten wir es uns noch einmal überlegen." 

"Wir haben den Protest der Leute unterschätzt"

Der Staatssekretär schaut auf seine Uhr. Es wird Zeit. Morgen fliegt Knutsen nach Tokio, zu einer Konferenz über Wasserkraft. Er will sich noch vorbereiten. Ein bisschen Abstand von Oslo kann gerade nicht schaden. In seiner Partei rumort es. Spätestens seit der Kommunalwahl im September. Den herben Verlusten. Schuld daran ist die Konkurrenz: die Autofahrer-Partei. In Bergen, Norwegens zweitgrößter Stadt, wurde die Protestpartei mit 16,9 Prozent aus dem Stand drittstärkste Kraft. Sie kämpft gegen die ihrer Meinung nach zu hohen Maut-Gebühren. Und: Windräder.

"Das war ein Weckruf. Wir und die anderen Parteien haben gesehen: Ok, scheinbar haben wir den Protest der Leute unterschätzt. Anscheinend wollen viele keine Windräder vor ihrer Haustür. Wir haben das Problem verschlafen, ich auch. Und jetzt wachen wir auf – und müssen uns dem Protest stellen. Das tun wir. Ich habe den Energie-Unternehmen gesagt: 'Ihr müsst einen besseren Job machen! Ihr  müsst an jede Haustür klopfen, um den Leuten zu erklären: Das sind unsere Pläne. So würdet ihr von den Windrädern profitieren.' Wir Politiker wiederum müssen eine öffentliche Debatte über die Windkraft in Gang bringen, damit sich die Bevölkerung ein realistisches Bild machen kann. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie sich die Debatte entwickelt, habe ich meine Zweifel, ob uns das auch wirklich gelingt. Es ist schwierig."

Eine junge blonde Frau mit Brille sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem nur einige Getränke stehen. Ihre Hände liegen auf der Tastatur ihres Computers, auf dessen Bildschirm mit großen Buchstaben "Cicero" steht. (Michael Frantzen)Weder für noch gegen die Windenergie – Merethe Dotterud Leiren, Politikwissenschaftlerin beim Forschungsinstitut CICERO. (Michael Frantzen)

Die Debatte über das Für und Wider der Windkraft: Sie wird immer hitziger. Das hat auch schon Merethe Dotterud Leiren festgestellt. Die Politikwissenschaftlerin bei CICERO, dem Zentrum für internationale Klima- und Umweltforschung in Oslo, zeigt auf ihren Bildschirm. Das Foto da ist von Mitte August. Von einer Konferenz über Windkraft. Zu sehen ist ein norwegischer Wutbürger. Und der Kadaver eines toten Seeadlers. Angeblich Opfer eines Windrads.

"The key issue is about climate versus untouched nature."

Klimaschutz versus unberührte Natur – das ist der Grundkonflikt, ihr Institut steht immer öfter zwischen den Fronten.

"Warum sollen wir unsere Natur durch Windräder zerstören?"

"We are not promoting wind power. And we are not going against wind power."

Das Klimazentrum sei weder für Windenergie noch dagegen, betont die Frau, die Anfang der 2000er-Jahre in Freiburg, der badischen Öko-Musterstadt, studierte. Sie kennt beide Länder: Deutschland und Norwegen. Und die Unterschiede. 

"Unsere Elektrizität ist jetzt schon erneuerbar. Auch ohne Windkraft. Der Anteil der Erneuerbaren beträgt 98 Prozent, hauptsächlich Dank der Wasserkraft. Deshalb zieht das Klimaschutz-Argument bei uns weniger. Natürlich wissen wir, dass die Klimakrise ein globales Problem ist. Doch viele Norweger fragen sich: Warum sollen wir unsere unberührte Natur durch Windräder zerstören, damit andere Länder ihre Klimaziele erreichen? In dem sie unseren grünen Strom importieren? Viele Unternehmen, die in Windparks in Norwegen investieren, kommen aus dem Ausland. Die meisten aus Deutschland. Das führt manchmal zu bösem Blut. Wegen der Geschichte. Norwegen war ja im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt. Ich habe schon Spruchbänder gesehen, wo drauf stand: Die Deutschen besetzten wieder unser Land."

Noch sagen laut einer aktuellen Umfrage zwei von drei Norwegern, sie finden es OK, wenn mehr Windräder an Land entstehen. Sechs von zehn aber auch: Auf keinen Fall in unberührter Natur. Merethe Dotteruds Institut hat Vorschläge gemacht, was die Regierung tun kann, damit die Akzeptanz für die Windkraft steigt – und die Bürger weniger auf die Barrikaden gehen. Die Wissenschaftlerin holt in ihrem Lichtdurchfluteten Büro am Rande Oslos tief Luft, ehe sie loslegt. Das mit den erhöhten Steuersätzen sei wichtig. Noch mehr aber, das Tempo des Ausbaus zu drosseln. Und Gesetzeslücken zu schließen.

"Die norwegische Wasser- und Energiebehörde hat eine Regel, die es den Investoren von Windparks erlaubt die neueste Technologie zu nutzen. Das bedeutet, dass sich eine Konzession ändern kann. Und plötzlich viel größere Windräder gebaut werden als geplant. Weil die Technik weiter ist, die Turbinen immer größer und leistungsstärker werden. Das ist einerseits gut, weil dann brauchst du weniger Turbinen. Andererseits sorgt es für Ärger. Anwohner sagen: Wollt ihr uns verschaukeln?! Im Bebauungsplan war doch von viel kleineren Windrädern die Rede. Warum sind die plötzlich so groß?"

Die Anti-Windkraftgruppe "Lasst uns leben"

Ein neuer Tag, eine andere Ecke von Oslo. Und das Leben: Es könnte so schön sein. Langsam geht die Sonne hinter dem Hauptbahnhof unter, nur einen Steinwurf entfernt von der berühmten Oper. Zu Jazzklängen. Doch Marino Ask hat für so etwas keinen Sinn.

"We have enough. It’s enough."

Genug ist genug. Der Sprecher der Anti-Windkraftgruppe "La Naturen Leve", auf Deutsch: "Lasst uns leben", kommt gerade vom Flughafen. Vor knapp einer Stunde ist er gelandet. Der Filialleiter einer Supermarktkette lebt an der Westküste Norwegens, in der Hauptstadt ist er aus beruflichen Gründen. Viel Zeit hat er nicht. Dafür umso mehr Wut im Bauch.

Ein Mann mit Brille und geöffnetem Jacket sowie gefalteten Händen steht vor einem bunten beleuchteten Bild und schaut geradeaus in die Kamera. (Michael Frantzen)Windkraftgegner Marino Ask von der Protestgruppe "La Naturen Leven" im Bahnhofscafé von Oslo. (Michael Frantzen)

Bis auf 50 Kilometer sind die Windräder seiner Heimatstadt auf die Pelle gerückt, regt sich der asketisch wirkende Norweger bei einem Glas Mineralwasser im Bahnhofs-Café auf.

"Du ruinierst damit die Natur. Für immer. Es kann doch nicht sein, dass Du einfach hingehst und ein Stück unberührter Natur zerstörst, nur um Energie zu gewinnen. Die Schäden sind irreversibel. Es sind ja keine landwirtschaftlichen Flächen, wo sie diese Windräder aufstellen. Da könntest du noch sagen, der Schaden hält sich in Grenzen. Aber doch nicht in unberührter Natur! Wenn du da solche Monster hinstellst, zerstörst du die Landschaft. Es wird nie wieder sein wie zuvor. Das ist ein Unding."

Die staatlichen Hilfen für Windkraft enden 2021

2013 hat der Mann mit der schwarzen Designer-Brille seine Gruppe gegründet. Anfangs waren sie eine Handvoll, inzwischen über 3500. Jäger sind darunter, Fischer, Hotelbesitzer, die Angst haben, dass wegen der Windräder die Gäste ausbleiben. Ask starrt in sein Mineralwasser. Groß Worte verlieren: Das ist eigentlich nicht sein Ding.

"Ich liebe es, draußen zu sein. In der Natur. Wie viele Norweger. Es ist Teil unserer Identität. Ich fahre für mein Leben gerne Ski. Im Herbst war ich mit ein paar Freunden im Norden, in Helgeland. Zum Paddeln. Diese Windräder sind eine Katastrophe: Das sage nicht nur ich, das sagen viele Sportler. Wo früher Natur war, ist auf einmal Infrastruktur."

Natürlich hat auch Ask vom Protest in Frøya gehört. Er zuckt mit den Schultern: Aufzuhalten seien die Windräder kaum noch, meint er. Doch er habe das Gefühl, dass sich die öffentliche Meinung gedreht habe, die Leute skeptischer geworden seien. Er lächelt. Vielleicht nicht in unbedingt Oslo. Die Hauptstadt mit ihren Teslas und Grünen-Wählern: Für ihn ist das terra incognita.

"In Oslo hast du 70 Quadratkilometer Wald und Gegenden für Außenaktivitäten. Und rate mal wie viele Windräder es gibt? Genau: Kein einziges. Du würdest in Oslo nie und nimmer die Erlaubnis erhalten, irgendwelche Turbinen in die Landschaft zu setzen."

Der Windkraftgegner schaut auf sein Smartphone. Eine neue Nachricht. Seine Gesichtszüge hellen sich auf. Die norwegische Regierung, steht da, hat sich genau wie die schwedische entschlossen, die staatlichen Hilfen für Windkraft Ende 2021 auslaufen zu lassen. Der Protest in Frøya: Er scheint tatsächlich Wirkung gezeigt zu haben.

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