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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.09.2012

Projekt "Vielfalt in Schulen" will interkulturelle Kompetenz fördern

Erziehungswissenschaftler vermisst Offenheit in Schulen

Karim Fereidooni im Gespräch mit Katrin Heise

Fereidooni: "Das durchschnittliche Lehrerkollegium ist nicht interkulturell aufgestellt." (AP Archiv)
Fereidooni: "Das durchschnittliche Lehrerkollegium ist nicht interkulturell aufgestellt." (AP Archiv)

Schülern mit Migrationshintergrund hafteten sehr viele Stereotype an, beklagt der Erziehungswissenschaftler Karim Fereidooni. Lehrer müssten bereit sein, diese bei sich selbst zu hinterfragen. Das neue Projekt "Vielfalt in Schulen" will das unterstützen.

Katrin Heise: Die Schulen, in denen eigentlich alle erst mal zusammenkommen, egal welcher Herkunft oder Schicht ihre Eltern entstammen – Schule, die also einen Platz für buntes Miteinander bieten könnte –, diese Schule ist in den vergangenen Jahren zu einem Feld bildungs- und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen in der Einwanderungsgesellschaft geworden. Da geht es um Sprachdefizite, um Abbrecherquoten, um überforderte Lehrer – die Verschiedenartigkeit wird eigentlich als Grund fürs Scheitern erlebt. Die Studienstiftung Mercator, das Jüdische Museum Berlin und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung haben aus diesem Grund das Projekt "Vielfalt in Schulen" ins Leben gerufen. Heute Abend in der Auftaktveranstaltung sitzt zusammen mit anderen der Erziehungswissenschaftler, Autor und Lehrer Karim Fereidooni auf dem Podium. Jetzt begrüße ich ihn am Telefon – schönen guten Morgen, Herr Fereidooni!

Karim Fereidooni: Guten Morgen, Frau Heise!

Heise: Aus Ihrer eigenen Erfahrungen mal gesprochen, als Lehrer, aber vielleicht auch als Schüler: Wie interessiert sind Kinder und Jugendliche eigentlich an der Kultur des Mitschülers, wie offen sind sie?

Fereidooni: Ja, meine eigenen Erfahrungen als Schüler kann ich darlegen – da habe ich leider keine Erfahrung gemacht mit Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte, allerdings waren wir natürlich sehr interessiert an der Kultur der anderen Mitschüler, und es war eigentlich im jungen Alter gar kein Problem. Problematischer wurde es eigentlich – oder problematisiert wurde es – im Jugendlichen- beziehungsweise Erwachsenenalter. Und meine eigenen Schüler sind eigentlich hochgradig interessiert an meiner eigenen Herkunft und an der Herkunft der anderen Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte. Und besonders interessiert sind natürlich auch Kinder mit sogenannter Migrationsgeschichte an Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte.

Heise: So als Vorbild ... von wegen Vorbildcharakter. Ich will aber auf einen Satz, den Sie gesagt haben, kurz eingehen, weil sie gesagt haben, problematisiert wurde, oder wurden wir – also das klang so, als ob es für Sie als Schüler gar nicht problematisch war, sondern dass es von außen übergestülpt wurde, dieses Miteinander plötzlich nicht mehr ein buntes war, nicht mehr ein neugierig betrachtetes, sondern ein Problem.

Fereidooni: Genau, das kam schon relativ früh aufgrund der Selektion nach Klasse vier beziehungsweise Klasse sechs in Berlin, also der Übergang von Grundschule zur weiterführenden Schule, da hat man schon gemerkt, dass eben mehrheitlich die Kinder, die eine andere Muttersprache haben als die deutsche, auf andere Schulen gegangen sind. Und diese Selektion nach Klasse vier habe ich so empfunden, dass das wirklich der Einschnitt war, und da begann sozusagen die Problematisierung dieses Sachverhalts.

Heise: Und das Defizit, die defizitorientierte Diskussion wahrscheinlich. Sie haben ab und zu jetzt die Lehrer erwähnt. Wie interkulturell ist denn das durchschnittliche Lehrerkollegium an deutschen Schulen?

Fereidooni: Ja, das durchschnittliche Lehrerkollegium ist nicht interkulturell aufgestellt, von den ungefähr 775.000 Lehrkräften, die in Deutschland leben und lehren haben ungefähr sechs Prozent einen sogenannten Migrationshintergrund. Also der Anteil ist im Vergleich zu den Schülern sehr, sehr gering.

Heise: Sie haben sich ja sehr darum gekümmert, gerade auch ums Lehrerkollegium, haben als Erziehungswissenschaftler da mal genauer hingeguckt. Wenn schon wenige, also sechs Prozent nur einen Migrationshintergrund haben, wie interessiert und neugierig sind Lehrer aber an der Kultur ihrer Schüler, die aus aller Herren Länder kommen?

Fereidooni: Ja, die sind in der Regel schon interessiert, aber dadurch, dass eben nicht die interkulturelle Öffnung systematisch geschieht in den Schulen, sind auch damit sehr viele Stereotype verbunden, die den Schülern mit Migrationshintergrund anhaften. Also es wäre schön, wenn beispielsweise durch Diversity-Trainings diese Stereotypen abgebaut werden können.

Heise: Ach so. Dass diese Stereotype abgebaut werden können, das bedeutet, Sie meinen, dass man eben wirklich den Einzelnen sieht, dass man nicht immer die Kultur oder die Nation in den Vordergrund rückt, sondern Schüler für Schüler schaut?

Fereidooni: Genau das, also den individuellen Fall betrachtet und nicht sozusagen von der Gruppenzugehörigkeit ausgeht, und um Defizite dann zu erkennen bei den Schülern mit Migrationshintergrund, das wäre ganz wichtig. Und vor allem sollten sich auch die Lehrkräfte darüber bewusst sein, dass sie Stereotype in sich tragen und dann auch dagegen arbeiten, dagegen vorgehen. Das sind natürlich Sozialisationsmerkmale eines jeden Menschen, jeder Mensch trägt Stereotype in sich, aber man muss das bewusst machen für die Lehrkräfte, damit sie dagegen arbeiten können.

Heise: Haben Sie in Ihrer Beobachtung von Schulen auch solche kennengelernt, wo genau das auch thematisiert wird, also im Lehrerkreis genau darüber gesprochen wird?

Fereidooni: Also es gibt natürlich Schulen, die sich dieser Sache annehmen. Es gibt auch Organisationen, die diese Fortbildungsveranstaltung konzipieren und anbieten. Natürlich gibt es Schulen, aber ich glaube, das ist nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.

Heise: Probleme dürfen natürlich nicht geleugnet werden, auch wenn man sich mal davon abwenden will, immer nur problem- und defizitorientiert an Vielfalt oder an viele Kulturen und Nationen in einer Schule ranzugehen. Wie gesagt, Probleme sind aber da – und die sind ja vor allem meist sozialer Natur und gar nicht kultureller. Was kann die Schule da tun?

Fereidooni: Schule, die einzelne Schule, meiner Meinung nach, kann dagegen wenig tun, sondern das Bildungssystem muss verändert werden, also sprich die Selektion nach Klasse vier habe ich ja schon angesprochen, diese Trennung geschieht zu früh, laut der TIES-Studie, also eine internationale Untersuchung, in der der Bildungserfolg von Nachkommen der sogenannten Arbeitsmigranten aus der Türkei, Marokko und dem ehemaligen Jugoslawien in acht europäischen Staaten untersucht wird, lautet das Ergebnis: Je länger die Kinder mit Migrationshintergrund mit Kindern ohne Migrationshintergrund beschult worden sind, also je länger die gemeinsame Beschulungszeit, desto wahrscheinlicher erlangen die Kinder mit Migrationshintergrund das Abitur und einen Hochschulabschluss. Also erster Punkt: Diese Selektion geschieht zu früh. Zweiter Punkt wäre beispielsweise: Dem Bildungswert der Muttersprache, die häufig nicht Deutsch ist, kommt eben gegenwärtig keine schulrelevante Bedeutung zu. Und als dritten Punkt beispielsweise – das könnten die Lehrkräfte aber an den einzelnen Schulen angehen –: Lehrkräfte, besonders Grundschullehrkräfte unterschätzen die Bildungsambition der Eltern mit Migrationshintergrund, obwohl Studien bewiesen haben, dass die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund vom sozialen Kapital ihrer Familien profitieren. Also es muss systematisch geschehen zunächst einmal, um dann Effekte auf der einzelnen Schule dann erlangen zu können.

Heise: Damit Vielfalt in Schulen ein positives Erlebnis wird und ein positives Ergebnis hat – Fragen an den Erziehungswissenschaftler Karim Fereidooni. Herr Fereidooni, der Alltag in Schulen sieht ja oft so aus, dass sich wie zum Beispiel in vielen Schulen in Berlin klare Mehrheiten versammeln, da können auch mal 90 Prozent der Schüler arabischer oder türkischer Herkunft sein. Oder umgekehrt, an manchen Schulen findet sich so gut wie kein Kind, Jugendlicher nichtdeutscher Herkunft, da bleibt man dann ja doch unter sich. Welche Möglichkeit gibt es denn in dieser Situation an einer solchen Schule, die ja es eigentlich ganz besonders nötig hat, kulturübergreifend kennen zu lernen?

Fereidooni: Ich habe ja schon gerade gesagt, dass der Bildungswert der Muttersprache beispielsweise aufgewertet werden muss, die häufig natürlich nicht Deutsch ist und auch nicht Englisch oder Französisch, sondern Türkisch, Arabisch und Russisch ist. Man könnte beispielsweise also den Bildungswert aufwerten, indem man Leistungskurse anbietet im verstärkten Maße in diesen Sprachen. Aber bei dieser Diskussion geht immer einher die Problemhaftigkeit der Herkunft, das heißt, wenn 90 Prozent eine andere Sprache sprechen als die deutsche, dann würde ich das nicht als Problem sehen, sondern als Normalität, denn bei der Alterskohorte der 6- bis 20-Jährigen besitzen mittlerweile ungefähr 30 Prozent einen sogenannten Migrationshintergrund – den Begriff finde ich ganz schrecklich, und der muss auch thematisiert werden, weil der einfach nicht mehr zutreffend ist –, und bei der Alterskohorte der unter Einjährigen, besitzen schon 35 Prozent einen sogenannten Migrationshintergrund. Das heißt, wir müssen vom Denken wegkommen, dass diese Schüler, dass diese Schulen Problemschüler oder Problemschulen sind, das sind ganz normale Schüler. Was man tun kann, ist natürlich, die interkulturelle Kompetenz der angehenden Lehrkräfte und der Lehrkräfte, die jetzt schon im Schuldienst sind, zu stärken, und zwar nicht fakultativ, sondern obligatorisch.

Heise: Und es geht ja auch darum, dass eben nicht nur das Verhältnis deutscher Migranten, sondern auch eben der Migranten untereinander gestärkt wird und neugierig aufeinander gemacht wird.

Fereidooni: Ja, das spielt auch eine Rolle. Multireligiöse Gesellschaften, multikulturelle Gesellschaften werden niemals spannungsfreie Gesellschaften sein. Das Ziel von Schule ist es vielmehr, zu einer gewaltlosen Konfliktlösung zu gelangen.

Heise: Vielfalt in Schulen – ein neues Projekt will die interkulturelle Kompetenz in Schulen fördern, also das Miteinander. Heute bei der Auftaktveranstaltung ist Karim Fereidooni, Erziehungswissenschaftler, Lehrer und Autor dabei. Herr Fereidooni, vielen Dank für dieses Gespräch!

Fereidooni: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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