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Kompressor | Beitrag vom 12.10.2015

Projekt "Songbook"Klassik trifft Videoclip

Von Philip Artelt

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Jana McKinnon, Kamerafrau Caroline Bobek und Regisseur Henri Steinmetz am Set von "Tränen" (Deutschlandradio / Philip Artelt)
Die Macher setzten auf klassische Musik mit modernen Videos (hier sind Jana McKinnon, Kamerafrau Caroline Bobek und Regisseur Henri Steinmetz am Set von "Tränen") (Deutschlandradio / Philip Artelt)

Der Videoclip als das neue Genre - in Österreich wollen junge Filmemacher und Musikstudenten klassische Musik mit modernen Videos ins österreichische Fernsehen bringen. "Songbook" heißt das gemeinsame Projekt der Wiener Filmakademie, der Musik-Uni und des Konservatoriums.

- "Wichtig ist, dass die Energie von Anfang..."
- "Aber es ist so schwer, so langsam zu sein..."

Zwei Menschen, deren Hände sich zärtlich berühren. Ein junges Mädchen auf dem Beifahrersitz eines schwarzen Volvo Kombi. Außenrum: alles schwarz. Der Mann, um die 30, verträumter Blick, drückt den Türknopf des Autos herunter. Das Mädchen greift dazwischen, schiebt ihn wieder hoch. Der Mann drückt ihn wieder herunter.

"Eine beklemmende Szene, die hier im Studio an der Wiener Filmakademie inszeniert wird. Nichts wird ausgesprochen, aber das junge Mädchen fühlt sich bedrängt von dem sehnsüchtig Träumenden, der da neben ihr sitzt."

Es ist ein ungewöhnlicher Kurzfilm, der hier entsteht. Im Projekt "Songbook" bringen zehn junge Filmemacher etwas zusammen, was bisher kaum zusammengehörte: Musikvideo und das klassische Kunstlied, Videoclips für Mozart, Brahms und Schubert.

Geschichte erzählen über Blicke und über Bewegungsabläufe

Den jungen Mann im Auto spielt Franz Rogowski, seit Sebastian Schippers "Victoria" Spezialist für ungewöhnliche Filmprojekte: "Jetzt in dem Fall ist es wie bei den meisten Musikvideos so, dass wir ohne Sprache arbeiten und sich die Geschichte erzählt über Blicke und über Bewegungsabläufe. Also ich weiß nichtmal, was da für ein Musikstück draufkommt. Das ist für unsere Arbeit vor der Kamera auch nicht relevant."

Dann wird Franz Rogowski doch neugierig, und in einer Drehpause sucht er das Stück auf Youtube: "So... Wer nie sein Brot mit Tränen aß... ah, Franz Schubert. Franz ist ja schon mal ein guter Name."

Der Text stammt von Goethe, gesungen hat das Lied die Gesangsstudentin Dymfna Meijts. Der Regisseur Henri Steinmetz, frischer Absolvent der Wiener Filmakademie, nennt seinen Videoclip lieber "Filmminiatur". Ihm geht es mehr um die Geschichte, um das Thema Schuld. Aber dieses Thema baut er – ganz Musikvideo – doch wieder um Musik herum.

"Bei dem Lied ist es ja sehr, dass sich das so elliptisch entwickelt, sich viel wiederholt, was wir mit dem wiederholten Thema, wie sich jemand trifft, sich berührt und begegnet körperlich, das wird für uns auch ein Thema sein, und gerade mit dieser künstlich überhöhten, zeitlupenartigen Form, wie die agieren, das hat für mich eine Rückwirkung, auf wie die Musik funktioniert."

Hinter dem Projekt "Songbook" steht unter anderem der österreichische Starregisseur und Oscar-Gewinner Michael Haneke. Die jungen Gesangsstudenten betreut die bekannte Wiener-Staatsopernsängerin Ildikó Raimondi: "Die jungen Menschen haben zwar immer noch Kontakt zu Lyrik, denn jeder Song hat auch ein Gedicht als Hintergrund. Aber es ist eine große Schwellenangst zu den klassischen Liedern. Was schade ist, die weltbesten Dichter stehen da."

Der Trend zur "Visualisierung der Klassik"

Jetzt wird das klassische Kunstlied von Mozart bis Brahms also bildschirmtauglich gemacht. Die Österreicher liegen damit im Trend zu einer "Visualisierung der Klassik": Kino-Übertragungen aus der Metropolitan-Opera, Filmmusik-Konzerte vor der Leinwand. Rainer-Maria Köppl, Professor für Pop-Kultur an der Uni Wien: "Sieht man in Wien am Neujahrskonzert. Wodurch ist denn das Neujahrskonzert so wirklich weltweit berühmt geworden? Ah, durch den Videoclip! In anderen Worten durch die Fernsehübertragung. Durch die Balletteinspielung. Was nichts anderes ist als ein nicht besonders sensationeller, aber ein Videoclip. Das heißt, das Visuelle gibt einen Mehrwert."

Ein Mehrwert, der für eingefleischte Klassik-Fans zweifelhaft erscheinen mag. Für Köppl, den Pop-Kultur-Professor mit einer Schwäche für schreiende Gitarren, ist das aber ganz und gar kein Widerspruch: "Es ist doch eigentlich das Natürliche und Vernünftige, dass sich jedes Produkt – und nochmal, Musik, auch wenn das die Vertreter der klassischen Musik nicht hören wollen, ist ganz klar eine Ware, die müssen Konzerte machen, die müssen CDs und Videos verkaufen, um zu überleben. Der Mozart hat schon viel überlebt. Da wird er auch eine verwackelte Handkamera in einem Videoclip überleben."

Und so versucht Songbook, das klassiche Lied in die Gegenwart zu holen – mit einem lächerlichen Budget, verglichen mit einem Videoclip von Lady Gaga. Ein MTV für Klassik? Für Rainer-Maria Köppl ist das zumindest mal vorstellbar.

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