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Studio 9 | Beitrag vom 07.08.2019

Projekt gegen aufgeheizte StädteWie Erfurt sich dem Klimawandel stellt

Von Bernhard Henry

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Eine Frau und ein Kleinkind stehen vor einem Brunnen in Erfurt. (picture alliance / Michael Reichel)
Sommer in der thüringischen Hauptstadt Erfurt: Einige wirkungsvolle Maßnahmen könnten die hitzegeplagten Bewohner entlasten, haben Stadtplaner herausgefunden. (picture alliance / Michael Reichel)

In Erfurt fragen sich Stadtplaner, wie sie die aufgeheizte Innenstadt abkühlen können. Schon einfache Maßnahmen sorgten für Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad, erklärt die Projektleiterin von "Hitzeresiliente Stadt".

Die Hitze brütet über Erfurt, auch über dem Leipziger Platz. Ein Verkehrsknotenpunkt, dreieckig, von Autos und Straßenbahnen umfahren, aber im Kern grün: Mit Bäumen, Wiese, Bänken, einem Springbrunnen in der Mitte. Aber die Bänke sind leer, keiner sitzt am Springbrunnen, der doch auch kühlen könnte. Gerade hier, in diesem Viertel, hat die Fachhochschule Erfurt vor einem guten Jahr ein Forschungsprojekt gestartet: Wie wohl fühlen sich die Menschen angesichts der Hitze? Was tun sie gegen die Hitze? Was wünschen sie sich?

Heidi Sinning ist Stadtplanerin an der Fachhochschule Erfurt und Leiterin des Projekts "Hitzeresiliente Stadt": "Wir haben die Bewohnerinnen und Bewohner aufgefordert, die Wege einzuzeichnen, die als besonders heiß empfunden worden sind, sogenannte Hot Spots, und haben die in Karten eigezeichnet", erklärt sie das Vorgehen des Projektes. "Und da ist beispielsweise herausgekommen, dass der Leipziger Platz sehr heiß wird und als unangenehm in diesen Hitzetagen empfunden wird – obwohl so ein Platz ja hohe Aufenthaltsqualität hat! Aber es gibt zu wenig schattige Orte, zu wenig Bäume, die Schatten werfen, und auch die Bänke stehen in der prallen Sonne, so dass hier etwas getan werden muss."

Schlafstörungen wegen Hitze

Die Beteiligung an der Bürgerbefragung war sehr hoch. Sechs von zehn Befragten äußerten, dass sie die Hitze im Wohnumfeld als belastend empfänden. Und noch mehr – acht von zehn – litten in der Innenstadt unter der Hitze. Zwei Drittel beklagten Schlafstörungen, fast die Hälfte Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen. Alles in allem beeinträchtigt die Hitze die Lebensqualität also erheblich. Dabei kann man mit relativ einfachen Mitteln eine Menge erreichen, meint Heidi Sinning. Auch am Leipziger Platz, wie Sinning erläutert:

"Zum Beispiel einen neuen Wegeverlauf, der ermöglicht schnellere Wege zu gehen, wenn es richtig heiß ist. Es sollen mehr Bäume erprobt werden, die Schatten werfen. Es sollen die Bankstandorte überdacht werden oder Schatten durch Großgrün erprobt werden. Der Bäcker ist bereit, im Außenbereich einen Café-Betrieb in Gang zu setzen, probeweise, um zu erfahren: Ist das etwas, was auch die Menschen suchen?"

Fünf bis zehn Grad Unterschied möglich

Auch Trinkbrunnen fehlen vielen Menschen. Flächenentsiegelung, Luftzufuhr, Wasser und Schatten könnten draußen eine Temperaturdifferenz von fünf bis zehn Grad ausmachen, was in einer Hitzeperiode einer entscheidenden Kühlung gleichkommt. Wichtig sei es aber ebenso, die Wohnungen tagsüber nicht zu warm und nachts schnell wieder kühl werden zu lassen. Außenjalousien und Fensterläden könnten eine Menge helfen, die wünschten sich über die Hälfte der befragten Bürger, ebenso mehr Bäume. Nur die wenigsten wünschen sich eine Klimaanlage.

Heidi Sinning: "Es gibt sicherlich so einige Hinterhöfe, die durchaus entsiegelt werden könnten; da müssen aber die Eigentümer mit am Strang ziehen und sagen: Das möchten wir auch! Denn oft sind ja die Schlafräume zu den Hinterhöfen, und dort will man es nachts kühl haben. Diese Tropennacht ist gesundheitlich sehr einschränkend. Wenn man mehrere Nächte nicht gut schläft, dann gibt es gesundheitliche Belastungen, die vermieden werden sollten. Es ist wichtig, den Hinterhof grün zu halten, damit der möglichst schnell abends abkühlt und kalte Luft in die Schlafräume bringt."

Auch das Azurit-Seniorenzentrum liegt im von den Erfurter Stadtplanern untersuchten Viertel. Der Heimleiter, Boris Weikert, sieht die besondere Belastung der Senioren durch die Hitze täglich vor sich und hat darauf reagiert.

Ausstellung auch im Pflegeheim

"Wir haben unsere Einrichtung komplett mit Jalousien versehen, an der Südseite sind die Fenster mit Hitzeschutz-Folien versehen worden, Klimageräte haben wir im Haus, Ventilatoren", erklärt Weikert. "Wir versehen jetzt als Neuestes unsere Terrasse mit einer Sprühnebel-Einrichtung, dass man sich auch in der Hitze draußen aufhalten kann."

Weikert hat sein Pflegeheim auch gern für eine Ausstellung geöffnet, die die ersten Ergebnisse der Studie "Hitzeresiliente Stadt" präsentiert. Lena Großmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem Projekt, zeigt darin praktische Beispiele aus vielen Kommunen, wie Stadt, Bürger und Vermieter mit wenig Aufwand Hitze reduzieren können.

"Auf jeden Fall hat der letzte Hitzesommer 2018 geholfen, weil die Leute aufgewacht sind, gesehen haben: Klimawandel betrifft uns alle. Diese Hitze beeinflusst unsere Lebensqualität, unsere Gesundheit. Das rüttelt jetzt die Leute wach! Aber dennoch: Dieses Thema muss noch viel mehr in die tägliche Arbeit, von Stadtverwaltungen, von Kommunen, von Politik einfließen", fodert Großmann.

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