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Nachspiel | Beitrag vom 26.07.2020

Profisportler nach dem KarriereendeNach dem Abpfiff geht's weiter

Von Thilo Schmidt

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St. Paulis Stürmer und Siegtorschütze Nico Patschinski bejubelt 2002 bei Spielende den Erfolg mit ausgebreiteten Armen.  (dpa/ Carmen Jaspersen)
Nico Patschinski machte St. Pauli zum "Weltpokalsiegerbesieger". Heute ist er Busfahrer. (dpa/ Carmen Jaspersen)

Nicht jeder Profisportler wird nach der Karriere Kommentator. Manche werden Künstler, Yoga-Expertin oder forschen an künstlicher Intelligenz. Oder sie werden Busfahrer, wie der bodenständige Nico Patschinski, den St. Pauli noch immer als Held feiert.

Nico Patschinski steuert seinen Bus durch den Norden Hamburgs, Linie 281 von Eidelstedt in Richtung Winterhude. Mercedes, neues Modell.

"Ich war eigentlich schon immer in meinem Leben relativ fleißig und wurde auch von meinen Eltern gut vorbereitet, die gesagt haben: Es gibt auch ein Leben nach dem Fußball. Da war mir das auch bewusst, dass das Geld, das ich in der Fußballkarriere verdiene, nicht bis zum Lebensende reicht."

Nico Patschinski steht vor seinem Arbeitsplatz, einem Bus der hamburger Verkehrsbetriebe. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)Nico Patschinski steuert heute den Bus in Hamburg. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)

Nico Patschinski, 43 Jahre alt, war Fußballer. Zuerst bei Union Berlin, dann in Babelsberg, bei Dynamo Dresden und bei Greuther Fürth, ab 2000 bei St. Pauli. Über Trier und Ahlen zurück zu Union Berlin. Und nach einigen weiteren Stationen kam dann das Karriereende.

U-Bahnhof Lattenkamp. Die Linie 281 ist an der Endhaltestelle angekommen. Nico Patschinski steuert den Bus zum Betriebshof in Hamburg-Langenfelde: "Wieder einen Tag näher an der Rente!"

Er hat Spaß am Umgang mit Menschen. Als U-Bahn-Fahrer den Tag alleine im Fahrerhäuschen zu verbringen, das wäre nichts für ihn. Nico schließt den Bus an Strom und Druckluft an, schließt die Tür, Feierabend.

Von der ersten Liga zu DHL

Sportler stehen Jahre oder Jahrzehnte im Rampenlicht, haben Fans, Groupies, ein schönes Leben, so meint man. Doch irgendwann ist das Karriereende da, ob nun geplant oder nicht. Ob man darauf vorbereitet ist oder nicht.

"Über ein Einkaufsmagazin bin ich über die erste Arbeitsstelle mehr oder weniger gestolpert. Da war hinten ein DHL-Werbeflyer drauf: 'Wir suchen Fahrer.' Dann habe ich mich dort beworben."

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Von der ersten Liga zur DHL - ein Abstieg? Diesen Eindruck hat Nico Patschinski nicht: "Für mich ist der leichteste Weg nicht immer der schönste. Man hätte vielleicht auch auf Krampf irgendwie im Fußball bleiben und erstmal einen Bezirksligisten trainieren können. Aber das wollte ich vom Grunde meines Herzens her auch einfach nicht."

Mit St. Pauli zum Weltpokalsiegerbesieger

Nico Patschinski, geboren in Berlin, Hauptstadt der DDR, ist in Hamburg geblieben. Und fährt für DHL Pakete aus, in Hamburg-Altona, dem Stammrevier von St. Pauli, seinem ehemaligen Club. Mit St. Pauli stieg Patschinski 2001 in die Bundesliga auf und schon 2002 wieder ab.

Kurz danach der vielleicht spektakulärste Moment in Nico Patschinskis Spielerkarriere: Nico Patschinski schießt das 2:0 im Pokalspiel gegen Bayern München. Am Ende gewinnt St. Pauli das Spiel mit 2:1 und wird zum "Weltpokalsiegerbesieger".

Und sowas vergessen sie nicht auf St. Pauli:

"Es ist heute auch noch so, warum auch immer, dass ich nicht mindestens einmal von irgendjemandem angesprochen werde. Hamburg-Altona, Schanze, ist ja auch Pauli-Viertel, da sind eher Pauli-Fans als HSV-Fans, und ja die meisten haben sich echt gefreut, und wollten noch mal ein Foto haben oder ein Autogramm. Und die haben dann dasselbe gefragt: Mensch, wie kommst du denn jetzt zum Paketfahrer? Ich sage: 'Ja, wie du zu deinem Job gekommen bist.'"

Zwischenstation als Bestatter

Nico Patschinski bleibt nicht dabei. Auf einer seiner Touren als Paketfahrer lernt er einen Bestattungsunternehmer kennen, der Mitarbeiter sucht. Und wird Bestatter. War zunächst unsicher, wegen der Toten, wegen der Gerüche. Und wie das ist, Kinder zu bestatten. Und Trauerreden zu halten. Aber er macht es.

"Es war so schön, wie es in dem Sinne sein kann, war es eine sehr schöne, also auch dankbare Aufgabe, weil man ja meistens auch ältere Menschen bestattet, und gottseidank wenig junge. Da sind viele Angehörige, die zurückbleiben, dankbar, wenn sie dann auch einen vernünftigen Abschied bekommen. Und wenn dann alles so passt und funktioniert, und man hält dann vielleicht auch noch die eine oder andere Rede, ist das für einen selber schon sehr befriedigend – ja. Oder man fühlt sich da auch sehr erfüllt."

Er hätte das weitergemacht. Aber er hat drei Kinder, und der Bestattungsunternehmer stellte immer nur Halbjahresverträge aus.

"Da habe ich bei der Arbeitsagentur mal ganz frech nachgefragt: Ja, Mensch, ich wollte eigentlich gar nicht in die Arbeitslosigkeit gehen, ich wollte eigentlich gleich weitermachen, was kann ich denn machen? Und dann hat die Arbeitsvermittlerin gleich die erste Seite aufgeschlagen und gesagt: Dann werden Sie doch Busfahrer! Ich sage: Ich will Busfahrer werden! Und dann war das eine Sache von, ich glaube, drei Minuten – Busführerschein gemacht und Attacke."

Nun dreht er auf den Hamburger Linienbussen seine Runden. Könnte fast alle der 114 Linien im Blindflug fahren. Sechs Tage arbeiten, drei Tage frei. Die Berliner Schnauze immer bereit für einen flotten Busfahrerspruch.

Vom Triathlon zur Mathematik

Sophia Saller ist schon ein ziemlicher Nerd, sagt sie über sich selbst. Und schiebt hinterher: "Aber im positiven Sinne". Für die Karriere nach dem Sport habe sie sich gut vorbereitet, sagt sie: "Deswegen bin ich, sag ich mal, weich gefallen. Aber natürlich ist es eine extreme Umstellung und – ja, angsteinflößend."

Die ehemalige Triathletin ist promovierte Mathematikerin, sie arbeitet am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken.

"Es ist eine komplett andere Welt und ich habe mich am Anfang schon auch nicht leicht getan. Es ist was anderes, acht Stunden im Büro zu sitzen, als den ganzen Tag mit Schwimmen, Radfahren, Laufen zu verbringen und in der Zwischenzeit irgendwie Studium reinzuquetschen. Wobei – das ist schon verrückt, wie viel man in acht Stunden reinbringen kann, wieviel Arbeit man da auch schaffen kann, weil ich das halt durch den Sport nie hatte."

Manche würden Sophia Saller eine Musterschülerin nennen. Hat in der Schule eine Klasse übersprungen, ihr Abi auf der Deutschen Schule in London mit 1,0 gemacht und anschließend in Oxford Mathematik studiert – und promoviert. Und das alles: parallel zum Triathlon.

In Edmonton 2014 wird sie U23-Weltmeisterin:

"Mein Trainer damals hat zu mir gemeint: Sobald ich in Oxford bin, vergess ich den Sport sowieso. Das wollte ich aber nicht. Und es war dann auch so, dass ich mich zuerst alleine durchgeboxt habe, 2014 bin ich in den Nationalkader gekommen, und die Sporthilfe legt eben auch sehr viel Wert auf die duale Karriere."

Die Deutsche Sporthilfe – Anlaufpunkt nach dem Karriereende

Die Deutsche Sporthilfe fördert Sportler der Nationalkader mit Stipendien. Zumindest jene, die nicht üppig verdienen – also zum Beispiel keine Bundesligaprofis. "Natürlich", sagt Thomas Gutekunst, "gibt es weiterhin die Fälle: Sportler, die die Karriere beendet haben, rufen bei uns an und fragen: 'So, wie könnt ihr mir denn jetzt helfen?' Oder: 'Was kann ich denn jetzt tun, wie komme ich denn jetzt gut in die berufliche Laufbahn rein?' Wenn man dann nachfragt: 'Was hast Du denn in den letzten Jahren gemacht?', dann ist da gar nicht so viel, was sie vorweisen können."

Die Deutsche Sporthilfe unterstützt mit gutem Rat:

"Das ist unser Anspruch. Das haben wir in den letzten Jahren forciert, dass wir die gesamte Karriere des Sportlers auch über die Leistungssportkarriere hinausbegleiten und unterstützen möchten. Und eben nicht nur fokussiert die Förderung auf die sportliche Medaille ausrichten, sondern eben auf Job und Medaille, auf die duale Karriere."

Letzte Ausfahrt Dschungelcamp

Für mache kommt das Karriereende wohlüberlegt, andere rasen mit hohem Tempo auf eine Wand zu. Und nicht jeder hat sich darauf vorbereitet. 20 bis 25 Prozent aller Profis, schätzte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler vor einigen Jahren, sind bei ihrem Karriereende pleite. Gelegentlich sind Drogen und anderes dabei, das negative Schlagzeilen macht.

Für den einen oder anderen ist das Dschungelcamp die scheinbar letzte Möglichkeit, um an Geld oder wieder ins Rampenlicht zu kommen. Ehemaligen Sportlern geht es nicht anders als anderen und sie sind an jedem Ende der Skala vertreten.

"Wir versuchen natürlich, das zu verschieben", sagt Thomas Gutekunst, "damit es weniger negative Erfahrungswerte gibt und immer mehr Sportler, die sich recht frühzeitig mit dem Karriereende auseinandersetzen. Darauf zielen auch unsere Angebote ab."

Nicht jeder Ex-Sportler kann promovieren

Dabei bringen Leistungssportler offenbar die besten Voraussetzungen für beruflichen Erfolg mit: Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit, Teamfähigkeit und Leistungsbereitschaft. Sie verdienen mehr als vergleichbare Nicht-Athleten, so eine von der Deutschen Sporthilfe in Auftrag gegebene Studie.

"Natürlich ist das auch ein Querschnitt der Gesellschaft. Nicht jeder Sportler hat die Fähigkeiten, zu promovieren. Es geht auch nicht darum, jeden Sportler irgendwie in den bestmöglichen oder höchstmöglichen Job zu kriegen. Sondern es geht darum, nach dem jeweiligen Potential und auch dem Interesse für jeden einen entsprechenden Weg aufzuzeigen und einzuschlagen."

Im Kampf mit dem inneren Schweinehund

Sophia Saller weiß, was man Leistungssportler lernt: "Stur sein und nicht aufgeben, wenn’s hart wird, sondern sich irgendwie durchzukämpfen und einfach immer irgendwie weiter zu machen. Natürlich sind das komplett andere Ebenen, und man kann das nicht wirklich vergleichen. Körperlich an seine Grenzen gehen ist natürlich eine andere Herausforderung und macht auf andere Weise Spaß als geistig an seine Grenzen zu gehen. Aber im Grunde ist es trotzdem der gleiche Gedanke, dass man einfach tut, wenn der Kopf eigentlich sagt: 'Nee, das ist mir jetzt zu viel, ich will mich eigentlich nur ausruhen. Den inneren Schweinehund auf körperlicher und geistiger Ebene überwinden!"

Eines der Projekte, an denen Sophia gerade arbeitet, ist eine Maschine, die Kabel steckt:

"Ich meinem jetzigen Job arbeite ich oft an Optimierungsproblemen: Wie teilt man Aufzüge am besten Leuten zu, die mit dem Aufzug fahren wollen. Da gibt’s dann kompliziertere Systeme. Man kann sich zum Beispiel einen Ring vorstellen, in dem die Aufzüge rumfahren, und die soll man dann am optimalsten an Leute verteilen. Es sind Optimierungsprobleme, bei denen es teilweise relativ einfach ist, eine mögliche Lösung zu finden – aber es geht darum, die beste Lösung zu finden."

Vom "Elfmetertöter" zum Künstler

Im Souterrain eines Altbaus in der Torstraße in Berlin Mitte. Weiß gekalkte Wände, die Fensterrahmen sind entfernt, Vögel fliegen ein und aus. In der Mitte aus Draht gebogene Umrisse eines Tisches und zweier Stühle. Ein Kunstwerk, das man leicht übersehen kann.

An der Wand hängt ein Bild. Expressionistisch, zeitgenössische Kunst. Davor steht der Maler, Rudi Kargus, in blauem, legeren Anzug und Turnschuhen, mit Halstuch und Dreitagebart. Kargus war 20 Jahre Torhüter, unter anderem in Köln, Nürnberg – vor allem aber beim HSV. Was danach kommen sollte, glich einer Black Box.

Rudi Kargus, in blauem, legeren Anzug und Turnschuhen vor einem seiner Bilder. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)Der ehemalige "Elfmetertöter" Rudi Kargus ist heute Maler. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)

Gedanken an danach hatte er in der aktiven Fußballzeit "absolut gar nicht", sagt Kargus, "schon aus dem Grund, weil ich, obwohl ich viel Zeit hatte, nie den Kopf hatte für solche Dinge. Der Fußball hat mich auch mental aufgefressen. Da war kein Platz für was nebenbei."

Den Titel "Elfmetertöter" hält Kargus bis heute. Bis heute hat kein Torwart mehr Elfmeter gehalten als er. Von 70 auf sein Tor abgegebenen Strafstößen hielt er 24 – jeden dritten. Sein Karriereende 1990 trifft ihn völlig unvorbereitet.

Für ihn eine "total schwierige Situation, auf die ich, obwohl man ja weiß, dass sie kommt, trotzdem überhaupt nicht vorbereitet war. Ich habe das immer rausgezögert, mich damit zu beschäftigen. Ich habe damals wie viele gedacht:  "Naja, ich werde noch weiter was im Fußball machen.' Ich habe dann auch noch mal eine Trainerausbildung gemacht, und, ja, dieser Weg wäre vielleicht auch gegangen. Nachher kam dann aber gottseidank noch mal eine Abzweigung."

Der Abschied vom Fußball - eine Befreiung

Auf dem Fußballplatz ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Der Abschied vom Fußball war eine Befreiung, aber es dauert seine Zeit, bis Rudi Kargus das begreift:

"Ich habe mir einfach mal Gedanken gemacht und dabei festgestellt, dass ich, glaube ich, 30 Jahre lang jeden Tag meines Lebens an Fußball gedacht habe. Und ich hatte schon auch das Bedürfnis, auch was anderes zu machen oder an mich rankommen zu lassen. Ich habe dann erst mal alles mögliche gesucht und mich mit allem möglichen beschäftigt. Ich war ganz offen für Reisen, Literatur, Kunst, Theater, das hat mich alles interessiert. Und dann habe ich einfach so rumgesucht. Und probiert. Und so habe ich dann auch mal gemalt. Und das war eigentlich nur der Beginn, dass es sich im ersten Moment ganz gut angefühlt hat."

Rudi Kargus wird ein angesehener Kunstmaler. Zunächst malt er autodidaktisch, dann besucht er eine private Kunstschule in Hamburg. Lernt seinen Dozenten und Mentor kennen.

"Das war auch wirklich der Moment, an dem ich begonnen habe, mich dafür zu interessieren. Mir Kunstgeschichte anzusehen, Ausstellungen anzusehen, wenn ich auf Reisen war. Ich habe mir Museen und Ausstellungen angeguckt. Da habe ich dann Feuer gefangen. Und das hat mich nicht mehr losgelassen - bis heute."

Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 malte Kargus im Auftrag des DFB Fußballbilder, was er eigentlich nie wollte, aber dann doch getan hat. Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund stellt eines seiner Bilder dauerhaft aus. Aber richtig wohl scheint er sich hier zu fühlen, in den spartanisch und auch ein bisschen rebellisch wirkenden Ausstellungsräumen. Sensibel sei er schon immer gewesen, stellt er rückblickend fest. Und vielleicht hat ihm das in der Fußballkarriere nicht unbedingt geholfen.

"Das ist ja schon erst mal ein Geschäft in der Öffentlichkeit. Die Leistung wird bemessen, Fehler werden kritisiert, und es kommt natürlich auch zu Ungerechtigkeiten. Da muss man natürlich 'ne Härte entwickeln – und ich glaube, das ist mir immer schwergefallen."

"Das hier jetzt ist das Jetzt"

Als Sportler hat Kargus gut verdient. "Aber das ist nicht annähernd mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Man ist jung, macht auch viele Fehler und viel Mist. Insofern hatte ich zum Schluss schon Existenzängste. Man überlegt, wie das alles weitergeht. Dieser Moment, nach so einer Karriere etwas anderes zu machen, ist sicherlich ganz schwierig – ja."

Laufbahnberatung? Ausbildung parallel zum Profisport? Gab es nicht. "Im Gegenteil. Da musste man froh sein, wenn einem ein Vereinsvertreter nicht noch irgendein Bauherrenmodell aufgeschwatzt hat."

Fans, Torjubel, an der Spitze stehen: Der HSV wird DFB-Pokalsieger 1976, holte 1977 den Europapokal der Pokalsieger, wird 1979 Deutscher Meister – Rudi Kargus war dabei. Der alten Zeit trauert er nicht hinterher: "Ich will die nicht negieren. Wie gesagt, das war mein Kindheitstraum – wunderbar, alles. Aber das ist einfach ein abgeschlossener Zeitraum für mich. Und das hier jetzt ist das Jetzt."

Sein Atelier befindet sich in einem alten Bauernhof nördlich von Hamburg: "Ich genieße es unglaublich, diese Arbeit alleine im Atelier, mit der Malerei. Es ist ein einziger Genuss für mich. Das ist wunderbar."

Vom Synchronsprung ins Spa-Geschäft

Olympische Spielen in Peking 2008. Es ist die erste deutsche Medaille in diesem Wettkampf. Die Bronzemedaille für Ditte Kotzian und Heike Fischer im Drei-Meter-Synchronspringen.  Für Ditte Kotzian war es der letzte Sprung vor dem Absprung. Ditte Kotzian beendete mit der Olympischen Medaille eine erstaunliche sportliche Karriere.

"Ich war lange im Geschehen", erinnert sich Kotzian. "Das war so ein bisschen so wie 'der stete Tropfen höhlt den Stein'. Ich war über zehn Jahre in der Weltspitze unterwegs. Das i-Tüpfelchen war dann die Olympische Medaille 2008. Unser Vorteil, der uns quasi ins Rampenlicht gerückt hat, bestand darin, dass wir die erste Medaille in Peking waren."

Ditte Kotzian im Spabereich des "Louisas Place" am Kurfürstendamm in Berlin. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)Ditte Kotzian kümmert sich heute bei anderen um die Balance zwischen Körper, Geist und Seele. (Deutschlandradio/ Thilo Schmidt)

Wir gehen ins Untergeschoss des Hotels "Louisas Place" am Kurfürstendamm in Berlin. Ditte Kotzian ist Spa-Managerin in dem noblen Haus. Suiten gibt es hier ab 150 Euro aufwärts. Ein kleines Schwimmbad in wohligem Licht, Saunen und – Ditte Kotzians Arbeitsplätze: zwei Massageräume. Es geht um die Balance zwischen Körper, Geist und Seele und darum, die eigene Bestimmung zu finden. "Beyond Beauty", "Zero Gravity" oder "The Roots" steht auf dem Spa-Menü.

"Ich bin Gründerin", erklärt Kotzian. "Und ich verrichte mein Handwerk. Mein Handwerk ist massieren, mein Handwerk ist energetisch heilen und coachen. Damit die Menschen ihren Weg in dieser Welt finden und im Einklang mit sich selbst sind."

Mit innerer Kraft ans Ziel

Ein Hauch Esoterik liegt in der Luft. Ditte Kotzian probierte nach ihrem Karriereende dieses und jenes und entdeckte schließlich Yoga. Sie reiste nach Bali, Indien und Sri Lanka, wurde Yogalehrerin. Erfindet ihre eigenen Wellnessprogramme. Der Abschied von der großen Bühne, so könnte man meinen, ist im Rückblick einfach nur eine zugeschlagene Tür.

"Im sportlichen Leben habe ich definitiv unendlich viel erreicht. Mit meinen Voraussetzungen, die ich für diese Sportart habe, bin ich unheimlich erfolgreich gewesen. Das weiß ich sehr zu schätzen. Jetzt aber bin ich in einem Leben, das meiner Bestimmung entspricht. Deshalb sehe ich das als viel größere Bühne und viel größere Wirkungsstätte für mich als damals im Sport. Mit den Menschen, mit denen ich zusammen bin, kann ich etwas verändern. Die schauen mir nicht zu und bleiben getrennt von mir, sondern mit den Menschen, mit denen ich bin und wirke, bin ich in Verbindung. Mit denen kann ich teilen, was ich über das Universum und über das Leben weiß."

Es hat ein paar Jahre gedauert und ein paar Umwege gebraucht. Schon als Wasserspringerin hat Ditte Kotzian Sportwissenschaften studiert. Danach hat eine Laufbahnberaterin des Olympiastützpunkts sie als Sportpädagogin an Schulen vermittelt. Dann machte sie noch ein, zwei andere Jobs, lebte zwischendurch von Arbeitslosengeld.

Existenzängste hatte sie jede Woche, erzählt sie. "Natürlich. Ich bin wie jeder Mensch. Ich habe meine Dinge zu regeln, und dann gibt’s immer wieder Tage und Wochen, an denen ich an allem zweifle. Aber ich habe meine Möglichkeiten, in mich zu gehen und tief zu gehen, um zu wissen, was ich da mache. Ich werde einfach von innen bestärkt in dem Weg, den ich gehe, und dann sind die Existenzängste auch wieder weg."

Auch Glück braucht es

Das sagte Ditte Kotzian im Februar 2020, vor der Coronakrise. Inzwischen ist Ditte Kotzian in den Harz gezogen und hat eine Stelle bei der Deutschen Angestellten-Akademie angenommen. Sie berät als Fitness- und Gesundheitscoach Arbeitslose, um sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen.

Ditte Kotzian, Rudi Kargus, Sophia Saller, Nico Patschinski – sie alle haben die Sportkarriere hinter sich gelassen. Das eine Kapitel abgeschlossen, ein anderes aufgemacht. Und irgendwie auch Glück gehabt.

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