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Studio 9 | Beitrag vom 13.09.2014

ProfilAuf der Suche nach dem Unheimlichen

Der indische Comic-Autor Sarnath Banerjee

Von Anette Selg

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Der indische Zeichner und Autor Sarnath Banerjee mit einem Skizzenblock, aufgenommen am 7.5.2004 in Neu-Delhi, Indien (AFP / Findlay Kemper)
Sarnath Banerjee mit einem Skizzenblock (AFP / Findlay Kemper)

Die Graphic Novel "Corridor" machte ihn international bekannt. Seit drei Jahren lebt der indische Zeichner und Autor Sarnath Banerjee in Berlin – und versucht unter anderem, die Hauptstadt mit den Augen Christian Morgensterns zu sehen.

"Much of my work is based on writing ..."

In Sarnath Banerjees Wohnung in Berlin-Rixdorf wird zur Zeit renoviert und deshalb treffen wir uns bei einem Bekannten in Neukölln.

"Should I take my shoes off? Such a nice flat ..."

Sarnath Banerjee ist ein freundlicher, mittelgroßer Mann mit dunklen Haaren und Brille. Gerade hat der 42-Jährige seinen Sohn in die Kita ein paar Straßen weiter gebracht. Seine pakistanische Frau Bani Abidi ist ebenfalls bildende Künstlerin und bereitet zur Zeit eine Einzelausstellung in Süddeutschland vor.

Noch immer verbringt die Familie jedes Jahr ein paar Monate in Neu-Delhi und Karachi, allerdings ist das Leben dort für das indisch-pakistanische Paar sehr schwierig:

"Wir konnten nicht in Indien bleiben. Es geht nicht. Bani lebt dort wie im Gazastreifen. Sie kann dort als meine Frau sein, aber sie darf nicht arbeiten, sie darf nicht ins Ausland, und sie braucht jedes Mal eine Erlaubnis, um Delhi zu verlassen."

Die Kunst kam nach der Naturwissenschaft

Der Comic-Zeichner ist 1972 in Kalkutta geboren, seine Muttersprache ist Bengali. In Neu-Delhi hat er nach der Schule zuerst einmal Biochemie studiert:

"Im Studium war ich gut, aber ich wäre wohl kein erfolgreicher Forscher geworden. Gentechnik zum Beispiel hat mich nie interessiert. Nach meinem Diplom bin ich dann nach England gegangen und habe dort Anthropologie der Kunst oder auch 'Visuelle Anthropologie' studiert."

In London entwickelt Sarnath Banerjee Wissenschaftssendungen fürs Fernsehen, macht Musikvideos, arbeitet in der Werbung und beginnt, zwischen England und Indien, Comics zu zeichnen.

2004 erscheint "Corridor", sein Comic-Roman über ein Buchantiquariat in Delhi, in dem ganz unterschiedliche Menschen, Geschichten und Bücher aufeinandertreffen. "Corridor", in realistischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit vereinzelten Farbseiten, ist eine der ersten indischen Graphic Novels und macht Sarnath Banerjee international bekannt:

"Es ist immer gut, wenn etwas Neues anfängt, unbeschwert von Traditionen. Deshalb ist Indien ein gutes Land für Comics. Es gibt natürlich die traditionellen Kinder-Comics, 'Tim und Struppi' zum Beispiel, doch ansonsten haben Comics bei uns noch keine Tradition, im Gegensatz zu Frankreich oder Amerika. Ich denke, das ist ein Vorteil. Denn so kann sich eine ganz neue Sensibilität für das Medium entwickeln."

Seit seiner Ankunft in Berlin vor drei Jahren hat sich Sarnath Banerjee intensiv mit deutscher Literatur und vor allem auch mit der Stadt auseinandergesetzt:

"Ich habe versucht, Berlin mit den Augen von Christian Morgenstern zu sehen – oder von E. T. A Hoffmann. Eigentlich suche ich überall nach dem Verborgenen, dem Bedrohlichen, das deutsche Wort dafür ist wohl 'unheimlich'. Nach all den Dingen, die sich einem einfachen Verständnis entziehen."

Berlin-Essays für "The Hindu"

Sarnath Banerjees zuletzt veröffentlichte Berlin-Essays hat er auf Englisch für die große indische Tageszeitung "The Hindu" verfasst. Darin spürt Brighu, Sarnath Banerjees Alter Ego, deutschen Wörtern wie "Feierabend" oder "unheimlich" nach oder erzählt von verstörenden Begegnungen in der Neuköllner U-Bahn oder auf dem Flughafen Tempelhof. Mit der traditionellen Comic-Form haben diese Arbeiten kaum mehr etwas gemeinsam. In den Essays stehen längere Textabschnitte und gezeichnete Bildstrecken, Fotos oder Collagen gleichberechtigt und auf ganz eigene Weise nebeneinander:

"Ich mag das grafische Erzählen, weil ich spüre, dass ich beides brauche. Ich kann nicht nur schreiben oder nur zeichnen. Und auch wenn meine Ausdrucksform als Hybrid, als eine Mischform angefangen hat, haben sich Wort und Bild mittlerweile zu einer Einheit verbunden. Für mich ist daraus eine ganz eigene Sprache geworden, eine Sprache, mit der ich Dinge und Orte untersuchen und erforschen kann."

Im Herbst wird Sarnath Banerjee seine Berlin-Essays in New York ausstellen. Außerdem bereitet er seine Teilnahme an der indischen Kunstmesse in Kuchi in Kerala vor. Und wenn seine Frau wieder in Berlin ist, fliegt er erst einmal nach Neu-Delhi, als Mitglied einer deutschen Delegation um Außenminister Frank-Walter Steinmeier. In den geplanten Gesprächen wird es auch um die Bedeutung des Unterrichtsfaches Deutsch im indischen Schulsystem gehen.

"My own foreign minister would never call me!"

Der indische Außenminister würde ihn nie anrufen, meint Sarnath Banerjee dazu, doch weshalb der deutsche?

"Das Leben ist voller Geheimnisse, am besten man fragt gar nicht. Hier kommt der wahre Hindu in mir zum Vorschein. Ich frage nicht, keine einfachen Fragen jedenfalls. Die großen Fragen, ja, die interessieren mich." 

Zum Auftakt des internationalen literaturfestivals in Berlin findet am 14. September der Graphic-Novel-Tag statt - von 11 bis 18 Uhr, mit internationalen Comiczeichnerinnen und -zeichnern. Die Veranstaltung mit Sarnath Banerjee beginnt um 14.30 Uhr: "Mein öffentliches Leben – autobiografische und semiautobiografische Comics."

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