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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.02.2017

Produktives ScheiternFehler als kreatives Prinzip

Laura Kuch im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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"La La Land"-Produzent Jordan Horowitz stellt klar, dass wirklich nicht er den Oscar für den besten Film gewonnen hat, sondern die "Moonlight"-Crew. (AFP /  Mark RALSTON)
"La La Land"-Produzent Jordan Horowitz stellt klar, dass wirklich nicht er den Oscar für den besten Film gewonnen hat, sondern die "Moonlight"-Crew. (AFP / Mark RALSTON)

Alle Welt lacht über die Verwechslung bei der Oscar-Verleihung. Die Künstlerin Laura Kuch betont jedoch, dass in der Kunst Fehler integraler Teil des Schaffensprozesses sind. Im Fehler liege das Potenzial, einen neuen Weg einzuschlagen.

Julius Stucke: Vermutlich haben Sie es gehört, diesen wunderbaren, kleinen Fehler, der aber ganz sicher groß in die Preisverleihungsgeschichte eingehen wird:

"Wait, there is a mistake: Moonlight has won best picture."

Da bekommt der falsche Film, nämlich "La La Land" den Grammy für den besten Film, und dann musste korrigiert werden, denn eigentlich war "Moonlight" der Gewinner.

Nicole Dittmer: Da verliert jetzt vielleicht jemand seinen Job, der das mit den Umschlägen vermasselt hatte. Dabei ist es PR-technisch doch eigentlich auch ganz schön – für den Zuschauer unterhaltsam und man hat was, worüber es sich zu reden lohnt.

Stucke: Genau. Vielleicht sollte man es ja als Chance betrachten, vielleicht kann man eben nicht nur aus Fehlern lernen, wie es heißt, sondern daraus sogar eine Kunst und eine Kultur machen. Wir sprechen darüber mit der freischaffenden Künstlerin Laura Kuch, die in einem Seminar einmal versucht hat, Führungskräften Fehlerkultur beizubringen. Schönen guten Tag!

Laura Kuch: Guten Tag!

Stucke: Bleiben wir noch mal kurz bei dieser Oscar-Nacht: War das eigentlich schon ein richtiger Fehler in Ihren Augen oder doch eher so was wie ein kleines Schlamassel?

Ungewöhnliches bleibt in Erinnerung

Kuch: Na ja, also was passiert ist, dass eben wohl der falsche Umschlag ausgehändigt wurde, da, denke ich, kann man schon klar von einem Fehler sprechen, aber es kommt ja drauf an, wie man so einen Fehler bewertet oder auch das Resultat daraus. Man könnte eben sagen, okay, was da bei der Oscar-Nacht dann passiert ist, das ist ein Schlamassel.

Man könnte aber auch aus einer ganz anderen Perspektive da mal draufschauen und könnte sagen, da ist ja was ganz Ungewöhnliches, was ganz Überraschendes passiert, etwas – und das hat Ihre Kollegin ja auch gerade schon gesagt –, was in Erinnerung bleibt und sich eben auch abhebt von dem sonst so perfekten oder makellosen Ablauf in so einer Oscar-Verleihung.

Dittmer: Das heißt, man muss daraus nicht unbedingt ein Problem machen?

Kuch: Ganz genau, man kann sozusagen das Problem eben als Chance auch begreifen.

Stucke: Auch wenn es eben so ist, dass der Fehler eben eigentlich nichts Schlimmes ist oder in diesem Fall ja auch eigentlich unterhaltsam für andere – es ist ja auch super, wenn ich jetzt zum Beispiel einen falschen Knopf drücke, dann entsteht eine wunderbare Radiopanne für den Hörer, eigentlich gar nicht so schlimm, und trotzdem will ich das nicht, ich hab trotzdem Angst davor, einen Fehler zu machen. Warum ist das eigentlich so?

Kuch: Das ist eine sehr gute Frage, und ich bin der auch noch nicht ganz auf den Grund gegangen. Tatsache ist ja aber eben, dass wir alle Angst haben davor, Fehler zu machen. Man könnte sagen, das ist sozusagen tief in unserer Psyche verankert. Wir sind damit aufgewachsen, in der Schule, später im Beruf, dass wir abgestraft werden für unsere Fehler, und auch fehlerhaftes Handeln wird ja auch oft mit Inkonsequenz gleichgesetzt.

Wir wissen eigentlich alle, dass Fehlermachen menschlich ist bekanntlich, das ist Teil unserer menschlichen Natur, man könnte das auch noch weiter greifen. Goethe hat zum Beispiel von einer Fehlerdialektik im menschlichen Sein gesprochen, und er lässt seinen Herrn im "Faust" sagen: "Es irrt der Mensch, solange er strebt". Also das heißt, Fehler ist eigentlich eine Grundbedingung fürs Menschsein und gleichzeitig ein produktives Prinzip.

 Und ich denke, wer keine Fehler machen will, der müsste am besten gar nichts machen, weil sobald wir ins Tun und ins Handeln kommen, sobald wir nach etwas streben, was wir ja alle tun, gehören Fehler ganz natürlich per se dazu.

Fehler als Ausdruck von Individualität

Dittmer: Und trotzdem ist der Fehler, das Wort an sich ist schon negativ behaftet in unserer heutigen Welt. Wie kann denn der Fehler kultiviert werden?

Kuch: Ja, das ist genau das, was Sie gerade schon angesprochen haben, dass man ihn anders bewertet, dass man auch mal positiv bewertet, was aber – das darf man nicht missverstehen – ja kein Aufruf zur Unachtsamkeit oder willkürlichem Handeln sein soll. Aber zum einen, Fehler zu machen, ist ja ein Element, das uns durch dieses Menschlichsein alle verbindet.

Zum anderen sind Fehler ja oft auch nur vermeintliche Fehler, weil wir vielleicht was tun, was nicht der Norm entspricht, und dabei können diese vermeintlichen Fehler ja auch Ausdruck von Individualität sein. Die Kunst ist es, glaube ich, aber, das zu erkennen.

Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus meinen Seminaren: dass die Teilnehmer zum Beispiel am Anfang die Augen schließen und sich den perfekten geometrischen Kreis vorstellen. Und wen sie den dann meinen, so klar vor ihrem inneren Auge zu sehen, dann öffnen sie die Augen wieder und zeichnen diesen Kreis mit schwarzer Tusche auf einem leeren Blatt Papier nach. Was da natürlich herauskommt, sind natürlich nicht eine Vielzahl an perfekten geometrischen Kreisen, das wäre ja auch todlangweilig. Stattdessen haben wir viele ganz einzigartige Kreise, von denen jeder was ganz Besonderes hat.

Stucke: Ist die Kunst da einfach ein Vorbild, weil der Fehler eben in der Kunst kreativ genutzt werden kann und man sagen kann, ja, guck mal, das ist jetzt mein Werk?

"Alles kann und darf passieren"

Kuch: Genau. Es geht aber darum, auch diese Aufmerksamkeit dafür zu entwickeln. Im künstlerischen Schaffensprozess sind Fehler integraler Teil von diesem gestaltenden Prozess, der auch immer ein offener Prozess ist. Das heißt, alles ist zulässig und alles kann und darf passieren. Es gibt also den Fehler in klassischem Sinne dort nicht, weil es ja auch kein objektives Richtig und Falsch gibt.

Stattdessen kann aber trotzdem natürlich etwas passieren, das nicht so gelaufen ist wie geplant. Als Künstler hält man dann inne und schaut sich an, ob da nicht ein Potenzial liegt, nämlich einen anderen spannenderen, neuen Weg einzuschlagen, mit dem weiterzuarbeiten, was man nun vor sich hat, anstatt eben das zu verwerfen.

Ein Künstlerkollege meinte mal, wenn einem Künstler ein Glas runterfällt, dann schmeißt er die Scherben nicht unbedingt weg, sondern er überlegt, was könnte ich denn nun aus diesen Scherben machen. Und wichtig ist eben, wenn man diesen künstlerischen Prozess als Vorbild nimmt für auch außerkünstlerische Felder, dann ist eben die Kunst, diese Chance zu sehen und nicht gleich alles, was vermeintlich fehlerhaft ist, als Ausschuss zu betrachten.

Ich geb Ihnen gern noch ein anderes Beispiel aus der Kunst beziehungsweise aus einem ganz anderen Kulturkreis, und zwar nennt sich das Ganze Wabi-Sabi – das ist ein ästhetisches Konzept aus Japan, und die Tradition basiert auf dem Zen-Buddhismus. Und beim Wabi-Sabi ist eben die Schönheit des Unvollkommenen und des Unperfekten im Mittelpunkt, und angewendet wird es eben unter anderem in der Raku-Keramik.

Und dabei geht es um die Wertschätzung des Fehlerhaften, und zwar, was da passiert ist, wenn in so einer Keramik, zum Beispiel einer Teeschale, sich ein Riss bildet beim Brennen oder was abplatzt, dann wird das durch eine Goldverbindung veredelt. Das heißt, der Makel, der Fehler wird noch hervorgehoben, quasi gepriesen, weil gerade dieser Fehler dieses Objekt – das ist eben der Gedanke dahinter – erst zu etwas ganz Besonderem macht.

Stucke: Das lässt sich aber vermutlich auch nicht immer übertragen auf die Welt jenseits der Kunst, oder? Also wenn ich jetzt zum Beispiel Anlageberater bin und sage, nee, Entschuldigung, ich hab das Geld von dir in den Sand gesetzt, dann kann der Kunde damit irgendwie auch nicht sagen, gut, dann begreif ich das als Chance und mach was ganz anderes damit.

Kunst als Vorbild

Kuch: Nee, das stimmt, es gibt ja auch Situationen, wo Fehler auch lebensbedrohlich zum Beispiel sein können. Man muss da auch unterscheiden, wo habe ich sozusagen noch diese Offenheit und wo habe ich sie nicht. Und natürlich wäre ja sonst nicht die Kunst die Kunst, wenn sie überall anders auch so funktionieren würde, aber die Kunst kann als Vorbild dann dafür dienen, für Situationen, wo man eben doch ein bisschen diese Freiheit hat.

Und ich glaube, dass viele Menschen diese Freiheit oder diese Möglichkeiten, Handlungsspielraum, die durch solche Fehler passieren, dass sie eben einen neuen Möglichkeitsraum erschaffen, dass sie dann eben nicht gesehen werden. Aber ganz klar muss man dazu sagen, es funktioniert nicht in jedem Bereich, aber doch in viel mehr, als man doch vielleicht denken würde.

Dittmer: Sagt die Künstlerin Laura Kuch über Fehler im Deutschlandradio Kultur. Danke für das Gespräch!

Kuch: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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