Problemfeld Amoklauf

Keine Hoffnung nirgends. © Stock.XCHNG / Billy Alexander
Von Volker Trauth · 18.02.2011
In dem Theaterstück "Feuer mit mir" des 30-jährigen Autors Oliver Kluck wird eine Jubiläumsfeier ein Jahr nach einem Amoklauf an einer Schule vorbereitet. Am Ende geraten die Gewissheiten ins Wanken.
Es ist schon das zweite Stück, das der 30-jährige Autor im Auftrag des Chemnitzer Theaters geschrieben hat. 2009 war es der Text mit dem seltsamen Titel "Zum Parteitag Bananen", ein Stück was im gleichen Jahr auch in der Theaterzeitschrift "Theater heute" gedruckt worden war. Darin wirft der Autor einen kritischen Blick auf die eingeschränkten Lebens- und Aufstiegschancen in den neuen Ländern. Zwei Figuren, durch eine Zufallsbekanntschaft verbunden, treten eine Reise an durch die zerflederte Ex-DDR. Figuren von damals und heute – der ehemalige Stasispitzel und der GEZ-Eintreiber, Väter und Mütter und frustrierte Jugendliche, bevölkern die Szene. Keine Hoffnung nirgends.

Sein neues Stück dreht sich um das Phänomen des Amoklaufs in Schulen. Wir erleben Situationen ein Jahr danach. Eine Jubiläumsfeier wird vorbereitet. Die neunmalklugen Berufserklärer und Deutungsbevollmächtigten haben das Feld geräumt. Schüler, Lehrer, eine Fernsehredaktion und ein psychologisches Institut bereiten sich auf die Feier vor. Die Räume des Tatortes sind nicht nur vom Blut gereinigt, sondern auch farblich erneuert worden. Mediale Gesundbeter prahlen damit, dass es gelungen sei, die Räume von damals auch im geistigen Sinne wieder hergestellt zu haben. Schüler erinnern sich und treffen ihre Pauker von damals. Am Ende geraten auch die Gewissheiten ins Wanken. Der beliebte, weil unangepasste Lehrer Smelak ist neuen Erkenntnisquellen zufolge nicht vom Amokläufer, sondern von der Staatsmacht erschossen worden.

Wie immer schreibt der Autor keine Dialoge, zeichnet keine Situationen mit Anfang und Ende. Ein durchlaufender Text ist dem Regisseur zur Aufteilung auf eine beliebige Zahl von Darstellern angeboten. Liest man wohlwollend die über 50 Seiten lange Textwüste, so kann man als dramaturgische Prinzipien die der Collage, der Doppelbödigkeit und der Aufhebung von Chronologie erkennen. Die Machtkämpfe in der Fernsehredaktion verschränken sich mit denen in einem Psychologieinstitut, die Erinnerungen von Schülern mit ihrem Aufeinandertreffen mit ihren pädagogischen Peinigern von damals. Wenn die Maurer und Maler über den Stand der Renovierungsarbeiten berichten, reden sie darüber hinaus auch über ihre Resignationen und Hoffnungen als Menschen in gesellschaftlichen Zwängen.

Zunehmend aber fehlt die schlüssige Strukturierung der Texte. Redseligkeit und Geschwätzigkeit kommt auf. Es ist, als ob der Autor zu allem, was zu dem Problemfeld Amoklauf gehört, seine Meinung ausbreiten will. Regisseur Max Claessen, der in Chemnitz bereits Klucks "Zum Parteitag Bananen" inszeniert hat, teilt den Text auf drei Schauspieler auf. Ein Schüler erinnert sich und wird ergänzt oder kommentiert von den Mitschülern, die Begegnungen mit dem Lehrerkollegien werden mit verteilten Rollen gespielt, ebenso wie das Gerangel in Redaktionsstuben und Institutsräumen. Die besten Momente hat die Inszenierung, wenn die zweite Schicht eines Vorgangs aufscheint, wenn etwa Yves Hinrichs vom erfolgreichen Abschluss der Bauarbeiten erzählt und dabei die selbstverliebte Haltung eines Medienprofis einnimmt, der wirkungssüchtig vor der eignen Größe erschauert.

Über weite Strecken aber retten sich die Schauspieler- aus Mangel an Fleisch für ihre Figuren – ins Illustrieren und Chargieren. Da gewinnt der Betrachter den Eindruck, dass sich hier eine zur Mode gewordene Erzählweise totläuft.


Theater Chemnitz: "Feuer mit mir"