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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.10.2017

Probleme beim Neubau des LudwigsparkstadionsEin Fußballverein ohne Stadion

Von Tonia Koch

David Fischer, Geschäftsführer des 1. FC Saarbrücken, schaut am 14.12.2016 von der Gegentribüne aus nach den Bauarbeiten am Ludwigsparkstadion in Saarbrücken (Saarland). Bis das Stadion fertiggestellt ist, spielt der 1. FC Saarbrücken in Völklingen. (dpa / picture-alliance / Oliver Dietze)
David Fischer, Geschäftsführer des 1. FC Saarbrücken, schaut am 14.12.2016 von der Gegentribüne aus nach den Bauarbeiten am Ludwigsparkstadion in Saarbrücken (Saarland). Bis das Stadion fertiggestellt ist, spielt der 1. FC Saarbrücken in Völklingen. (dpa / picture-alliance / Oliver Dietze)

Im Stadion des 1. FC Saarbrücken kickte 1954 die deutsche Fußballnationalmannschaft. 2016 sollte das marode Stadion erneuert werden. Seitdem die Bauarbeiten gestoppt wurden, sind die Fans heimatlos. Platzwart Lampert hofft trotzdem, dass auf seinem Rasen bald wieder gekickt wird.

400 Fans des ersten FC Saarbrücken hatten sich trotz Regens vor zwei Wochen zur Demonstration in der Saarbrücker Innenstadt versammelt. Fans und Vereinsführung sind sich einig, sie möchten wieder in ihr Stadion zurückkehren und dort im altehrwürdigen Ludwigspark Fußball spielen. Aber das sieht im Moment nicht wirklich gut aus. Das Stadion wird umgebaut. Endlich, denn der Park hat mehr als 60 Jahre auf dem Buckel. Er wurde 1953 eingeweiht, zu einer Zeit, als das Saarland noch eigenständig war und die Franzosen an der Saar den Ton angaben.  

Die goldenen Zeiten sind längst vorbei

Nur ein Jahr nach seiner Eröffnung hatte das Stadion, das für über 35.000 Zuschauer ausgelegt war, seine erste große Bewährungsprobe. Die saarländische Fußballnationalmannschaft mit dem späteren Weltmeister-Trainer Helmut Schön spielt in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1954 gegen Deutschland. Das Saarland verliert den sportlichen Vergleich, Deutschland wird Weltmeister. Von diesen und anderen Geschichten lebt der Mythos Ludwigspark.

Zur traurigen Wahrheit zählt aber auch: Seit 20 Jahren wird im Saarland kein Bundesligafußball mehr gespielt. Sportlicher Druck, die Spielstätte im besten Zustand zu erhalten, gab es keinen. Das Allernötigste wurde unternommen, mehr aber auch nicht. Die Substanz bröckelte.

Für die Fans des 1. FC Saarbrücken waren es deshalb gute Nachrichten, als die Stadt Saarbrücken den Beschluss fasste, das Stadion größtenteils abzureißen und neu zu bauen. Aber dass nur ein Jahr nach Baubeginn die Baustelle schon wieder ruht, dafür haben sie wenig Verständnis. Denn auswärts, in Völklingen wo augenblicklich die Liga-Spiele ausgetragen werden, fühlen sie sich fehl am Platz.

"Katastrophal, wir würden viel lieber im Ludwigspark spielen, aber wir müssen jetzt da durch. Also von der Stimmung her ist es nicht schön. Es geht alles Richtung Wald, man hört sie hier nicht. Man fühlt sich hier nicht daheim."

Nach Abriss des Stadions sind die Fans heimatlos

Die heimatlos gewordenen Fans verübeln es der Stadt Saarbrücken, dass immer neue unerwartete finanzielle Probleme auftauchen, dass in der Angelegenheit Stadionbau nicht wie gewünscht mit dem Land kooperiert wird.

"Wir sind ein Opfer der Politik. Es ist immer alles auf die lange Bank geschoben worden. Aber es ist lächerlich fürs Saarland, dass die Hauptstadt nicht einmal ein gutes Stadion hat, das ist traurig, nicht nur für die FC Fans. Seit 20 Jahren ist es schon ein Thema, Minimum fünf bis sechs Variationen waren schon im Gespräch und nie ist was draus geworden. Das Stadion hat 2011 28 Millionen gekostet und auf einmal 2016 nur noch 16 Millionen da kann doch was nicht stimmen und jetzt kostet es wieder so viel wie 2011."

Das Ziel: kein Fußball-Tempel, sondern ein zweitligataugliches Stadion

2011, vor sechs Jahren, waren sich die Stadt Saarbrücken und das Land einig: Das Saarland braucht ein Zweitligataugliches Stadion. In kleinerem Maßstab, ohne Laufbahn und nur noch ausgelegt auf 17.000 Zuschauer, soll der Park an alter Stelle neu entstehen. Den Verhältnissen angepasst nennt das der Sportdezernent der Stadt, Harald Schindel.

"Ich finde es wichtig, dass eine Landeshauptstadt ein Stadium vorhält, das zweitligatauglich ist. Und wir haben hier keinen Fußballtempel geplant hier wird ja nicht das zweite Stadion von München entstehen, sondern hier ist ein Stadion, der Landeshauptstadt angemessen erstellt worden, aber nicht mit goldenen Wasserhähnen, wenn ich das mal so platt sagen darf, sondern ein funktionales Stadion."

Finanziert werden soll die Multifunktionsarena, wegen ihrer strategischen Bedeutung über die Landeshauptstadt hinaus, von Stadt und Land gemeinsam. Das Land machte zunächst finanzielle Zusagen in Höhe von 18 Millionen Euro, die chronisch klamme Landeshauptstadt, wollte 10 Millionen beisteuern. Allein und aus eigener Kraft könne Saarbrücken das Projekt nicht stemmen, sagt Sportdezernent Schindel.

"Die Landeshauptstadt Saarbrücken untersteht als Haushaltsnotgemeinde dem Landesverwaltungsamt, wir müssen jeden Euro darlegen, wofür wir ihn ausgeben. Wir haben 20 Millionen im letzten Abschnitt dafür geplant und alles, was darüber hinausgeht, müssen wir uns wieder in Abstimmung mit dem Land genehmigen lassen."

Nur noch 20 statt 28 Millionen Euro für den Bau

Ein Stadionbau gehört zu den freiwilligen Ausgaben einer Stadt und freiwillige Ausgaben dürfen überschuldete Kommunen im Grunde erst dann ins Auge fassen, wenn alles andere bezahlt ist. Das heißt, wenn die zwingenden Ausgaben für Sozialleistungen oder für Schulen gedeckt sind. Doch auch diese werden bei überschuldeten Städten wie Saarbrücken zu großen Teilen über Kredite finanziert, damit bewegen sich die finanziellen Spielräume der Stadt gen Null.

Im Hinblick auf Infrastrukturvorhaben von der Größenordnung des Ludwigsparks hebt oder senkt das Land den Daumen. Aber auch das Land ist finanziell nicht auf Rosen gebettet, so wurde aus den zunächst in Rede stehenden 28 Millionen Euro schließlich nur noch 20 Millionen. Den Fans ist das egal, sie wollen zurück in den Ludwigspark.

Erst 2016 begannen die Bauarbeiten – und wurden dann gestoppt

Trotz grundsätzlicher Einigung dauert es weitere vier Jahre, bis Januar 2016 bis die Bagger endlich rollen. Neue Kanäle werden gezogen, die Wasserversorgung ertüchtigt, auch die marode Haupttribüne sowie die Stehplatzränge und sämtliche Aufbauten werden abgerissen. Nur die Flutlichtmasten und eine Tribüne, die nach dem Hauptsponsor des 1. FC Saarbrücken benannte Victors-Tribüne bleiben stehen. An ihr wurden immer mal wieder Verschönerungsarbeiten durchgeführt. Aber dann wird das Projekt erneut gestoppt.

Auf die Ausschreibung haben sich lediglich zwei Interessenten beworben. Und die wollen die neue Arena nur bauen, wenn es dafür mehr Geld gibt. Saarbrücken als Bauherr zieht deshalb wieder einmal die Reißleine. Heiko Lukas, Baudezernent.

"Wir haben ein Budget von20 Millionen Euro, das ist sicherlich sehr sportlich. Wir haben Ausschreibungsergebnisse von 28 Millionen Euro über das Generalunternehmerverfahren. Diese Submissionsergebnisse waren überhöht, weshalb wir uns jetzt entschieden haben, das Stadion über Einzelgewerke zu vergeben und uns davon eben auch einen breiteren Wettbewerb versprechen."

Die Angst des Vereins: Kein Stadion, keine Fans

Wer finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen kann, der hat bei einer boomenden Baukonjunktur wie sie Deutschland augenblicklich verzeichnet, schlechte Karten. Und es ist längst nicht ausgemacht, dass Stadt und Land am Ende nicht doch bei 28 Millionen Euro landen werden. Neue Ausschreibungen bedeuten neue Verzögerungen. Vereinspräsident Harmut Ostermann.

"Wir sind ja nicht unter der Voraussetzung aus dem Park rausgegangen, dass wir fünf Jahre nicht mehr darin spielen, das heißt, der Verein verliert mit der Zeit seine Identität, die Zuschauer werden ganz oder mehr oder weniger wegbleiben und das war nicht so geplant."

Derweil schaut Guido Lambert, der Platzwart, regelmäßig im Stadion an der Camphauser-Straße vorbei. Die Eingangstore sind mit Schlössern gesichert, das Innere videoüberwacht. Lambert zeigt auf die Victors-Tribüne, die stehen geblieben ist.

"Die soll saniert werden."

Lambert hält alles in Schuss.

"Unkraut mach‘ ich weg, hebe ein bisschen Papier auf, Flaschen, und den Rasen, das Gartenamt mäht und ich begieße ihn, der wäre bespielbar, der Rasen ist in Ordnung."

Können die Fans doch zurück in ihr Stadion?

Ein intakter Rasen, eine Tribüne, das ist ein Anfang. Es fehlten nur Funktionsräume und ein tragfähiges Sicherheitskonzept, dann könnte im Ludwigspark auch während des Umbaus gespielt werden. Das wünscht sich der 1. FC Saarbrücken. Dafür will der Verein Geld in die Hand nehmen und die fehlende Infrastruktur auf eigene Kosten bereitstellen. FC-Präsident Ostermann bietet an:

"Dass eine Container-Anlage erstellt wird, die sicher stellt, dass für die Schiedsrichter, die Spieler und die Presse, die Räumlichkeiten da sind die früher in der Haupttribüne waren. Bei vielen Stadionumbauten wird das so gemacht, dass eben eine Container-Kombination aufgestellt wird, die diese Funktionsräume beinhaltet. Das ist mit dem Eigentümer anzustimmen. Aber das ist kein Problem, das haben alle anderen Vereine, die in Stadien gespielt haben, die umgebaut wurden, auch erreicht."

Die Stadt als Eigentümerin verschließt sich diesen Wünschen nicht, solange es sie nichts kostet. Aber es hängt nicht allein von ihr ab, denn letztendlich wird die DFL, die Deutsche Fußball-Liga, dafür Grünes Licht erteilen müssen.

(mw)

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