Problem: Mensch

Die Erde bietet nicht genug Nahrungsmittel für alle. © Esa
02.10.2013
Die Welt geht unter. Das predigen Ökopessimisten seit vielen Jahrzehnten. Der amerikanische Journalist und Buchautor Alan Weisman reiht sich nun in diese Riege ein. Wenn die Menschheit so weiter wachse, dann reichten die Ressourcen der Erde nicht aus.
"In den nächsten 50 Jahren werden wir so viele Nahrungsmittel produzieren müssen, wie im Verlauf unserer gesamten Menschheitsgeschichte konsumiert wurden",

schreibt Alan Weisman. Und da das nicht möglich scheint, braucht es dringende Antworten. Und genau die versucht Alan Weisman in seinem spannenden wie auch provokanten Buch "Countdown" zu geben. Weisman hat dafür 21 Länder bereist. Eins davon ist Israel, dessen Lage er wie unter einer Art Brennglas analysiert: Die verfahrene politische Situation verschärfe die ökologischen Probleme der Region, wie etwa Wassermangel und Umweltverschmutzung. Wenn diese nicht in Angriff genommen würden, dann werden große Teile Europas und Afrikas in Mitleidenschaft gezogen. So ist beispielsweise der größte Teil aller europäischen Zugvögel auf Rastplätze in Israel angewiesen, die allerdings durch die Umweltzerstörung immer weiter zerstört werden. Können die Vögel dort nicht mehr rasten, sterben sie aus – mit dramatischen Folgen für die Ökosysteme im hohen Norden Europas (ihren Brutplätzen) und im tiefen Süden Afrikas (ihren Überwinterungsgebieten).

Dabei durchziehen vier zentrale Fragen Weismans Buch: Wie viele Menschen erträgt die Erde? Wie können wir weniger werden? Wie viel Natur brauchen die Menschen zum Überleben? Und: Wie kann eine Wirtschaft gedeihen, die nicht auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist? Da er selbst keine allgemein gültigen Antworten hat, stellt er die Menschen vor, die nach Antworten auf seine Fragen suchen. Von Israel aus reist Weisman nach China, um die Väter der Ein-Kind-Politik kennen zu lernen, nach Mexiko zu den Erfindern der grünen Revolution und in den Iran, wo Ärzte selbst Menschen in den entlegensten Regionen des Landes jede Art von Geburtenkontrolle ermöglichen.

Alan Weisman nimmt seine Leser mit an den Kaffeehaustisch, an dem sich eine amerikanische Bevölkerungsexpertin mit einem chinesischen Ein-Kind-Politiker unterhält. Er begleitet eine iranische Medizinstudentin, lässt sich durch sie die, seiner Ansicht nach, klügste und erfolgreichste Kehrtwende in der Familienplanung erklären. Auch dort versuchte die Regierung seit den 1980er Jahren die Bevölkerungsexplosion zu bremsen. Anders als in China allerdings auf freiwilliger Basis, ohne Drohungen oder Strafen. Iranische Ärzte reisten in die entlegensten Winkel des Landes, um über Verhütung und Geburtenkontrolle aufzuklären und kostenlos Kondome und Anti-Baby-Pillen zu verteilen. Entstanden sind so spannende Reportagen, in die Weisman seine zentrale Botschaft immer wieder geschickt einflicht: Die Familienplanung ist in seinen Augen das Kernproblem dieser Welt.

Wenn es zukünftig nicht weniger Menschen gibt, dann lassen sich auch die anderen Probleme, wie Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, Klimawandel und die zunehmende Umweltzerstörung nicht lösen. Die Lösung sieht er in Bildung und Gleichberechtigung für Frauen überall auf der Welt. In jedem Land, in dem dieses Ziel schon erreicht wurde, sanken die Geburtenraten. Haben die Frauen Rechte und Zugang zu Bildung, verschieben sie das Kinderkriegen in der Regel auf einen späteren Zeitpunkt und entscheiden sich oft für nur wenige Kinder, deren Versorgung sie dann aber sicher stellen können. Es ist ein faszinierendes, extrem gut lesbares Buch, das einen reichen Fundus an Hintergrundinformationen liefert, vor denen sich die aktuellen Entwicklungen und Probleme entfalten.

Besprochen von Monika Seynsche

Alan Weisman: Countdown. Hat die Erde eine Zukunft?
übersetzt von Ursula Pesch und Werner Roller
Piper Verlag, München 2013
576 Seiten, 24,99 Euro