Kommentar zum Privatschulen-Boom

Wenn Bildungsgerechtigkeit zur Farce wird

04:42 Minuten
Kinder melden sich in der Schule
Privatschulen werden immer beliebter: Die Nachfrage speist sich nicht aus Exzellenz, sondern vor allem aus der Flucht vor den Zuständen an staatlichen Schulen, meint Tanja Dückers. © picture alliance / dpa / Bernd Weißbrod
Ein Kommentar von Tanja Dückers |
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In Deutschland besuchen mittlerweile zehn Prozent aller Schülerinnen und Schüler eine Privatschule - oft, um dem Sanierungsstau und chronischem Lehrermangel an staatlichen Schulen zu entgehen. Es droht ein verhängnisvolles Zwei-Klassen-System.
Der Run auf die Privatschulen ist kein Vertrauensbeweis für die Privaten. Er ist ein Misstrauensvotum gegen den Staat. Denn besser sind Privatschulen nicht. Rechnet man die soziale Herkunft der Schülerschaft heraus, schmilzt ihr vermeintlicher Leistungsvorsprung fast vollständig dahin. Eine generelle Überlegenheit privater Schulen lässt sich empirisch nicht belegen.
Was viele Privatschulen können, ist nicht besser unterrichten, sondern auswählen: Ihre Schülerschaft ist wohlhabender, seltener zugewandert, bildungsnäher. Die Nachfrage speist sich also nicht aus Exzellenz, sondern aus der Flucht vor den Zuständen an staatlichen Schulen. Und diese Zustände sind bestens dokumentiert.
Der Investitionsrückstand bei Schulgebäuden ist mit 67,8 Milliarden Euro der größte Einzelposten der maroden kommunalen Infrastruktur: ein Rekord, der binnen eines Jahres um 13 Milliarden gewachsen ist. Ab 2026 verschärft der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz den Bau- und Personalbedarf zusätzlich. Dazu kommen ausgefallener Unterricht, überfüllte Klassen und ein Lehrermangel, den die Kultusministerkonferenz bis 2035 auf rund 68.000 Stellen beziffert. Bildungsforscher wie Klaus Klemm halten mit den Reformlasten von Ganztag und Inklusion bis zu 158.000 für realistisch.
 Die Folgen misst das Institut für Qualitätsentwicklung in der Bildung, IQB. Im jüngsten Bildungstrend verfehlt ein Drittel der Neuntklässler die Mathemindeststandards für den mittleren Schulabschluss. 2018 war es noch ein Viertel, in einem Stadtstaat wie Bremen inzwischen fast die Hälfte. Das ist kein Ausrutscher, sondern das Ergebnis politischer Prioritäten.

Zwei-Klassen-System auf Kosten der Armen

Denn Schule ist Ländersache, und genau hier liegt ein Teil des Problems. Sechzehn Kultusministerien verwalten sechzehn Systeme, jedes mit eigenen Standards, Lehrplänen und Ausreden. In diesem Flickenteppich lässt sich Verantwortung bequem verschieben. Wer mit seinem Kind über eine Landesgrenze zieht, riskiert einen Schulwechsel ins Ungewisse. Der Notstand ist nicht dem Personal anzulasten, das sich vielerorts aufreibt, sondern einem Staat, der seit dem PISA-Schock 2001 weiß, was zu tun wäre, und es nicht tut.
Vielleicht ist es für ihn sogar bequem, die Bildung Stück für Stück den Privaten zu überlassen. Doch dann wird Bildungsgerechtigkeit zur Farce. Ein Privatschulplatz kostet im Schnitt gut 2000 Euro im Jahr, ein Viertel der Plätze zwischen 2000 und 5000 Euro. Wer den Ausstieg bezahlen kann, steigt aus; wer nicht, bleibt zurück – ein Zwei-Klassen-System auf Kosten der Armen. Dass private Schulen die soziale und ethnische Trennung eher verschärfen als abbauen, ist längst belegt.
Wohin das führt, zeigt Schweden. Nach der Freigabe des Schulmarktes in den 1990er-Jahren stürzte das einstige Pisa-Vorzeigeland ab. Die Zahl der Spitzenschüler in Mathematik halbierte sich binnen eines Jahrzehnts, die soziale Trennung wuchs, während börsennotierte Bildungskonzerne Rendite machten. Im Jahr 2023 erklärte die zuständige Ministerin das privatisierte System für gescheitert. Diesen Kipppunkt sollten wir uns ersparen. Es braucht deshalb kein Weiter so, sondern klare Schritte.

Wege aus der Bildungsmisere

Erstens muss das Sondervermögen für Infrastruktur verbindlich und in großem Umfang in Schulen fließen, nicht in Straßen allein. Zweitens muss der Lehrerberuf attraktiver werden: durch kleinere Klassen, weniger Bürokratie und eine solide und schnellere Qualifizierung von Lehrenden anstelle von Dauer-Seiteneinsteigern. Drittens müssen die Länder die grundgesetzliche Pflicht, Chancengleichheit beim Zugang zu Privatschulen zu gewährleisten, endlich durchsetzen. Das Schulgeld zu deckeln, wäre ein erster Schritt, damit Privatschulen kein Standesprivileg zementieren. Und viertens gehört der Bildungsföderalismus auf den Prüfstand. Bundesweit verbindliche Mindeststandards wären das Ende einer Kleinstaaterei, die sich Deutschland nicht länger leisten kann.
Kinder haben keine laute Lobby. Sie können nicht mit dem Traktor Autobahnzubringer blockieren. Aber sie sind die Mehrheit von morgen. Es wird Zeit, dass wir mehr in sie investieren als in unsere eigene Bequemlichkeit.

Tanja Dückers arbeitet als Schriftstellerin, Journalistin und Essayistin. Sie schreibt unter anderem für die „Zeit“ und „Süddeutsche Zeitung“. Von ihren erschienenen Büchern sind unter anderem: „Das Leben der Annemarie Böll. Eine Würdigung“, „Mein altes West-Berlin“ und „Der längste Tag des Jahres“.

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