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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 16.02.2021

Privatfinanzierte Coronahilfen in StuttgartDie Kühlschrankfüller

Von Sebastian Krämer

Ein Glas mit ein bisschen Geld (IMAGO / Kirchner-Media)
Bei vielen Menschen, die im Kulturbereich arbeiten, ist die Kasse mehr als knapp. Umso wichtiger sind unbürokratische Soforthilfen (IMAGO / Kirchner-Media)

Künstler und Kulturschaffende sind in großer Not. Staatliche Hilfen kommen schleppend – wenn überhaupt. Daher unterstützt ein Stuttgarter Verein die Bedürftigen mit tatsächlichen Sofortzahlungen.

Corona bestimmt immer noch unser Leben, durch den weiter anhaltenden Lockdown können viele Gewerke und Berufsgruppen ihre Arbeit nicht ausüben – vor allem Freiberufliche, Mitarbeiter im Veranstaltungsgewerbe und Künstler. Bei vielen ist die finanzielle Not zwischenzeitlich sehr groß und existenzbedrohend. 

Unterstützungshilfen stellen sich als nicht praxisgerecht heraus oder kommen viel zu spät. Das konnte sich der engagierte Stuttgarter Autor und Aktivist Joe Bauer nicht länger anschauen.

Er gründete spontan zusammen mit drei anderen Mitstreitern eine Künstlersoforthilfe, die unbürokratisch Not leidenden Künstlern und anderen Freischaffenden finanziell hilft. Über diesen kleinen Erfolg, den die Aktion auslöste, sind die Macher selbst überrascht.

Den Kampf als Künstler nicht aufgeben

Eine einsame Stimme in einer leeren Bar. Ralf Groher ist Sänger, Musiker und Barbesitzer im Stuttgarter Westen. Wie ist es so in einer solchen Situation? Ist man kurz davor, den Kampf aufzugeben als Künstler?

"Man kann ihn nicht aufgeben", sagt er. "Musik machen ist einfach unabhängig davon, ob man jetzt das Publikum hat, das man gerne hätte. Und so ergibt es sich auch, dass ich in der Zeit, in der ich nicht auftrete, dass ich das erste Mal nach 40 Jahren, also ich singe 40 Jahre öffentlich, mich zum ersten Mal selbst begleite auf einem Keyboard, das ich an einer Straßenecke gefunden habe."

Das Keyboard auf der Spüle, im Regal erlesene Tröpfchen für den nächsten raffinierten Cocktail: Am Tresen fühlt sich Ralf Groher sichtlich wohl. Eigentlich könnte er sofort wieder loslegen. Doch seit November vergangenen Jahres läuft nichts mehr für ihn: keine Veranstaltungen, keine Bandauftritte, kein Barbetrieb.

Hohe Spendenbereitschaft

Im orangefarbenen Licht wirkt sein Gesicht müde zwischen den nackenlangen dunklen Haaren, die Ringe unter den Augen haben sich tief eingegraben. Beim ersten Lockdown im März vergangenen Jahres ist Groher noch zuversichtlich, hat Pläne geschmiedet für den Sommer, finanzielle Rücklagen sind ja noch da. Die Künstlersoforthilfe von Joe Bauer ist bereits in der Künstlerszene bekannt.

November 2020 und der zweite Lockdown kommt. Die Rücklagen sind schnell aufgebraucht, trotz gutem Sommergeschäft: "Dann als die versprochenen Hilfen als Abschlag oder gar nicht kamen, kommt es zu dem Moment, an dem man die Münzen zu zählen beginnt. Dann habe ich auf Facebook die Gäste und Freunde der Bar aufgerufen oder gebeten: Wer was übrig habe, der dürfe gerne bitte uns was zukommen lassen, weil wir alle nichts mehr haben." Viele Gäste und Bekannte der Bar spenden umgehend.

"Wir geben am Tag oft über 4000 Euro weiter"

"Und dann hat der Joe angerufen: 'Das ist doch auch Kulturarbeit.' Schön, wenn das jemand so sieht", sagt Ralf Groher. "Dann hat er uns angeboten: Mails schreiben, dann schickt er uns was. Der Untertitel ist ja: 'Dann kann'sch wenigstens Deinen Kühlschrank voll machen.' Und so kam es dann genauso. Und damit haben meine Mitarbeiter gar nicht gerechnet, das war für sich etwas total Schräges." 

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Dabei hat Initiator Joe Bauer nichts Schräges an sich – außer, dass er sich seit Jahren in der örtlichen Kulturarbeit tatkräftig engagiert. Früher schrieb er regelmäßig eine Kolumne für die "Stuttgarter Nachrichten". Der umtriebige und wortgewaltige Schwabe mit langen weißen Haaren veranstaltet in unregelmäßigen Abständen und an verschiedenen Orten eine kleine Show: den "Joe Bauers Flaneur Salon" mit wechselnden Künstlern und Kabarettisten. Auch er hat aufgrund Corona viele Termine absagen müssen.

Bauer kennt die Szene und ihre Nöte – gerade jetzt: "Jetzt, da das Jahr angefangen hat, sind die Bedürfnisse groß, weil es werden Rechnungen fällig. Wir geben am Tag oft über 4000 Euro weiter. Was das mal 30 bedeutet, kann jeder selbst ausrechnen."

Soforthilfe heißt hier wirklich sofort

Derzeit erhalten Künstler und Künstlerinnen pauschal 400 Euro, Studierende der Musikhochschule und ähnlichen Einrichtungen zwischen 250 und 300 Euro. Über 2000 Überweisungen hat die Initiative inzwischen ausgestellt.

"Wir zahlen relativ schnell, kleinere Beträge aus – es heißt nicht umsonst 'Soforthilfe'", sagt Joe Bauer.

Ist die persönliche Not größer oder sind Kinder vorhanden, gibt es etwas mehr. Bis Ende Januar kamen gut 800.000 Euro zusammen von unterschiedlichen Spendern: Große Firmen wie das Bauunternehmen Siedlungswerk oder der Autozulieferer Bosch. Auch Vereine wie der Rotary Club spendeten fünfstellige Beträge. Vor Weihnachten lagen die Spenden in einem sechsstelligen Bereich.

Spenden kommen von Unternehmen und Privatpersonen

"Solche Beträge sind schnell wieder weg", meint Bauer. Es wird aber immer wieder nachgelegt, gerade von Privatleuten:

"Jetzt kriegen wir seltsamerweise wieder Spenden, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hätte. Jetzt hat wieder einer kommentarlos von sich aus, privat, ohne eine Gegenleistung zu wollen, 7000 Euro gespendet. Da denkst du, was sind das für Leute, wie kennen die mich, das ist ja praktisch anonym, die bestellen nicht einmal eine Spendenquittung."

Dass die Aktion immer noch läuft, ist für den Initiator selbst überraschend. Eigentlich sei diese zeitlich begrenzt gewesen, erwähnt Bauer mehrfach.

Es musste schnell gehen – und es ging schnell

Auslöser war ein kurzer Geistesblitz im vergangenen Jahr: "Am 7. März hatte ich selber noch eine Show, ja, und die war schon ein wenig wackelig. Da war schon klar, da kommt ein großes Problem auf uns zu."

Bauer trommelt seine Kumpels zusammen, darunter Stadtrat Tom Adler von den Linken und der Filmemacher Goggo Gensch:

"Am Montag haben wir uns in unserem Stammlokal getroffen. Und innerhalb kürzester Zeit hatten wir 5000 Euro aus unseren Hosentaschen. Das war unser Startkapital. Und am selben Tag haben wir den ersten Leuten mit 300 Euro geholfen, wo wir gewusst haben, da ist es schon eng, weil der braucht Geld, der kann morgen schon nicht mehr spielen. So einfach war das."

Verein darf Spendenquittungen ausstellen

Einfach Geld sammeln und weiter schenken – so einfach das klingt, es braucht dennoch einen rechtlichen Rahmen, nämlich einen Verein. Mit der Satzung geht es zu einem befreundeten Steuerberater, der sich im Kulturbetrieb auskennt. Der überprüft, ob der Verein Spenden erhalten und weitergeben darf: Er darf.

Über das Netz und die sozialen Medien verbreitet sich die Idee rasant. Entscheidend ist jedoch die Mundpropaganda: Bauer nutzt seine Kontakte zur Staatsoper und deren Netzwerk, zu Presseabteilungen und zu den Stuttgarter Zeitungen, die auch darüber berichten.

Interessierte melden sich daraufhin aus Freiburg, Leipzig oder Bremen, doch nur im schwäbischen Schorndorf gründet sich ein kleiner Ableger.

Niemand muss hier betteln

Im Sommer 2020 rühren viele kleine Veranstaltungen im Großraum Stuttgart für die Künstlersoforthilfe die Werbetrommel. Dadurch kommen massenhaft kleine Beiträge in den Spendentopf. Aus diesem Topf erhalten nun Künstler und Kulturschaffende aus dem Stuttgarter "Bierdeckelradius", wie Bauer es nennt, der sich von Freiburg bis Mannheim erstrecken kann, mindestens den Pauschalbetrag. Voraussetzung: Sie schreiben eine Mail an die Initiative und schildern ihre Situation.

"Da muss sich kein Mensch verbiegen, sondern nur sagen: Leute, ich habe keine Kohle mehr, weil ich keine Arbeit habe", erklärt Joe Bauer. "Dann gucken wir, dass wir ihm die nächsten zwei oder drei Wochen ermöglichen, seinen Kühlschrank zu füllen. Ich sage immer: 'Wir sind die Kühlschrankfüller.'"

Gefüllt wird nicht nur der Kühlschrank von Musikern aus Klassik, Pop und Rock, die etwa ihr gesamtes Jahreseinkommen durch eine einzige Tournee bestreiten und nun nichts mehr verdienen. Sondern auch der von anderen Freischaffenden und Studierenden, die ihre Nebenjobs verloren haben.

Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch

"Nehmen wir mal den ganz normalen Veranstaltungstechniker, der irgendwo gearbeitet hat", erklärt Bauer. "Der macht es seit 35 Jahren und ist schon über 50, hatte immer sein Auskommen und konnte seine Familie unterhalten. Zack! Nix mehr. Und er hat es als Freiberuflicher gemacht und es ging halt, weil Aufträge da waren. Und jetzt ist es plötzlich weg. Gar nix. Null! Null heißt null."

Die bisherigen staatlichen Hilfen waren kaum auf die Bedürfnisse der Künstler zugeschnitten, so Bauer, da nur die Betriebskosten im Fokus standen. Nur Baden-Württemberg war das einzige Bundesland, das den Freiberuflern bei den Corona-Hilfen im März einen monatlichen Unternehmerlohn von gut 1100 Euro zugestand.

"Die Akzeptanz dieses Berufs an sich, die ist nicht sehr hoch. Viele Leute sagen: ‚Hättest du halt was anderes gelernt.’ Oder sie begreifen nicht den Unterschied zwischen Professionalität und Hobby. Dass der seinen Job macht wie jeder andere auch, wie ein Handwerker oder ein Schullehrer. Und da haben wir in Deutschland speziell ein richtig großes Problem bei dieser Betrachtungsweise gegenüber dieser Arbeit."

Das Hartz-IV-Problem

Oft bleibt einem Kulturschaffenden nur der Antrag auf Hartz IV und "da sind wir beim nächsten Problem", sagt Bauer.

"Wenn er auf Hartz IV ist, wovon er nicht leben kann, auch wenn das behauptet wird. Jetzt kommt der zu uns. Ich sage: Wir geben Dir gerne Geld. Du darfst es nicht behalten, der Staat kassiert es wieder. Das muss man sich mal reintun. Das so was möglich ist. Da blicke ich nicht mehr durch."

Den Durchblick behält der engagierte Schwabe allerdings bei der täglichen Flut an E-Mails. Alle Angaben werden kurz überprüft. Wenn Zweifel aufkommen, wird genauer gegoogelt oder Joe Bauer greift direkt zum Telefon und fragt nach. Auch, wenn die Schilderungen unter die Haut gehen.

"Ja gerade in Verbindung mit Krankheit. Dann gibt es schon Mails, wo man deutlich merkt, dass die Leute am Ende sind und das auch in einer Offenheit mitteilen, die man normalerweise schon nicht mehr hat. Da merkt man schon eine Art Verzweiflung - und dass sie ihre Scham mitteilen", erzählt Bauer.

"Da soll man dann zurückschreiben, die sollen sich um Gottes willen darüber keinen Kopf machen. Da gibt es wichtigere Dinge, seine Gedanken zu verschwenden. Es gibt schon harte Sachen, wo man manchmal denkt, wo man auch eine gewisse Sinnlosigkeit sieht, was willst du da noch machen. Und jetzt kann man wieder drüber reden, wer ist schuld? Das kann uns aber nicht interessieren oder eher selten, weil Not ist Not."

"Da läuft etwas gesellschaftlich richtig schief"

Selbst wenn sie manche Not nur kurzzeitig etwas lindern können, erreichen die Initiatoren viele dankbare Rückmeldungen. Auch Sänger und Barbesitzer Ralf Groher dankt für die schnelle Hilfe:

"Das kann natürlich nicht die Lösung sein, aber es ist halt ein Bombeneffekt. Und wie man die Herren kennt, werden sie das nicht so sehen oder nicht so hinausposaunen. Und gerade bei vielen Solokünstlern, ist es tatsächlich der letzte Strohhalm. Das ist kein Zustand. Es ist einerseits schön und da muss man sehr dankbar sein. Auf der anderen Seite: Da läuft etwas gesellschaftlich richtig schief."

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