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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2010

Private Kriegsdienstleister

"Blackwater. Private Military Companies" im Berliner HAU

Von Hartmut Krug

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Namensgeber des Stücks: die private Sicherheitsfirma Blackwater. (AP)
Namensgeber des Stücks: die private Sicherheitsfirma Blackwater. (AP)

Hans-Werner Kroesinger hat eine ganz eigene Form des Dokumentartheaters entwickelt. Er nähert sich historischen Themen, die meist Beispiele politischer Gewalt untersuchen. Am Berliner Hebbel am Ufer (HAU) hatte nun sein neuestes Projekt Uraufführung.

Bei Hans-Werner Kroesinger wird nicht viel vorgespielt, sondern es werden Texte vermittelt. Sein Dokumentartheater wartet nicht mit Laien-Darstellern ihrer selbst auf, wie es die Experten des Alltags bei der Gruppe Rimini Protokoll sind oder es, auf andere Weise, der Bürgerchor beim Regisseur Volker Lösch ist, sondern mit Originaltexten zum Thema, die von Schauspielern einfach nur vorgetragen werden. Monatelang recherchiert der Regisseur, dann gibt er das gefundene Material an seine Schauspieler weiter, und die können oder müssen jetzt das passende auswählen.

Vor drei Lamellenwänden auf leerer Bühne treten nacheinander fünf Schauspielerinnen. Eine Hand soldatisch ins Kreuz überm Po gelegt, so stolzieren sie in dieser Art Seminarraum mit Overheadprojektor daher und präsentieren ihre Firmen mit der auffordernden Parole: "If you have a real problem, leave it to the real professionals." Und dann erzählen sie im nüchternen Werbeton, was private Dienstleister in Sachen Gewalt bieten und leisten können.

Kroesingers Stück besteht vor allem aus Originaltexten, aus Unterlagen von internationalen Sicherheitskonferenzen und aus Einsatzprotokollen von Söldnerfirmen, aus Dokumenten der aus dem Irak bekanntesten von ihnen, der Firma Blackwater, aus Interviews und Selbstdarstellungen und aus Verträgen zwischen Staaten und Söldnerfirmen. Es ist eine Fülle von Informationen, die vor uns ausgeschüttet wird, über eine Industrie, die Krieg als private Dienstleistung anbietet und damit das Gewaltmonopol des Staates auflöst.

Geschauspielert wird hier nicht, und szenische Aktion findet auch kaum statt. Mal wird eine Afrikakarte gemalt, mal öffnen sich die Lamellenwänden und zeigen, mit riesigen Luftbildern von Kampffeldern, wie sich der Tätigkeitsbereich der Firmen weitet, und die fünf Frauen stellen sich an Vortragspulte oder gruppieren verschiedenfarbige Stuhlreihen immer wieder so um, dass sie zum Sinnbild für die Änderungen in Bürgerkriegsfraktionen oder Firmen werden.

Doch es bleibt eine Art szenisch wenig bewegter Textvermittlung, die typisch für Kroesingers Dokumentartheater ist und ihm zuweilen den Vorwurf von Unsinnlichkeit einbringt.

Auch einen deutlichen Spannungsbogen besitzt dieser Abend nicht, sodass derjenige, der sich auf diese Art von Theater einlässt, vor allem politisch interessiert sein und die Sinnlichkeit des Mitdenkens lieben muss. Die geschichtliche Entwicklung des auf Verdienst angelegten Söldnerwesens wird verdeutlicht, auch mit einem Söldnertext aus dem Dreißigjährigen Krieg und mit Soldatenliedern. Krieg und Geld, so lernt man aus zahlreichen Beispielen, gehören untrennbar zusammen.

In den achtziger Jahren entwickelte sich ein ausuferndes System von privaten Sicherheitsfirmen. So gab es in Afrika neben dem großen, dominanten Anbieter "Executive outcomes" Dutzende von konkurrierenden, gut ausgerüsteten Firmen. Wie diese nun in Bürgerkriegen effektiver als nationale und Nato-Truppen agierten, wird mit zahlreichen Beispielen, aus Angola, Sierra Leone und Ruanda belegt. Sie boten Sicherheit und Stabilität an und schufen sie auch, wenn Millionen gezahlt wurden. Lizenzen für Wirtschaftsunternehmen, Schürfrechte für Diamanten, Konzessionen für Minerale und Öl erhielten die Sicherheitsfirmen, die sofort dafür weitere Gesellschaften gründeten, dabei auch.

Dieser Theaterabend verdeutlicht eine bestürzende Entwicklung, bei der Staaten immer mehr Aufgaben und nicht zuletzt ihr Gewaltmonopol an private Dienstleister übertragen. Diese aber, das eine überraschende Erkenntnis, arbeiten effizienter als die staatlichen Institutionen. Dabei werben die Sicherheitsfirmen gut ausgebildete Soldaten ab, die bei ihnen ein Vielfaches von dem verdienen, was sie in regulären Armeen bekommen. So waren im Irak zeitweilig nur 7000 englische Soldaten neben 21.000 englischen Söldnern tätig.

Es ist ein Stück, das Fragen auch an die Entwicklung der Bundeswehr stellt und an die Definition ihrer Kernaufgaben. Wenn dann noch von einem Auftrag der Deutschen Bank für eine Sicherheitsfirma berichtet wird, die der Bank ein Sicherheitssystem gegen Abhörpraktiken und Produktpiraterie schaffen soll, wird eine weitere gefährliche Entwicklung angedeutet.

Hans-Werner Kroesinger bietet mit "Blackwater. Private Military Companies" wieder einen seiner unaufgeregten politischen Dokumentar- und Erklärtheaterabende, der allerdings diesmal keine überzeugende theatrale Form besitzt. Spannend aber war dieser kaum anderthalbstündige Abend dennoch.

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