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Religionen | Beitrag vom 15.09.2019

Prinzip TaqiyaDie Notlüge im Islam

Von Kristin Helberg

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Ein Shiit betet in einer Moschee. (Chloe Sharrock / Le Pictorium)
Ein Shiit in einer Moschee. – In Ägypten z.B. sind nur ein Prozent der Bevölkerung Schiiten. Im Alltag erleben sie Anfeindungen von orthodoxen Sunniten. (Chloe Sharrock / Le Pictorium)

Darf man seinen Glauben in Todesgefahr verleugnen? Der Islam kennt für diesen Fall das Prinzip der Taqiya – doch dieses steht unter Beschuss: Islamische Hassprediger stellen es in Frage, Islamgegner konstruieren einen Schmähbegriff.

Maximilian Vogt ist 32 Jahre alt und seit seinem 16. Lebensjahr Muslim, genauer gesagt Schiit. Mit seinen blonden Haaren und dem Vollbart könnte er auch als Hipster oder Kommunalpolitiker der Grünen durchgehen. Vogt promoviert in Arabistik und führt nebenbei die Geschäfte des Torath-Vereins in Berlin-Neukölln, eines wichtigen Zentrums des schiitischen Islams in Deutschland.

Falsche Handbewegung verrät den "Ungläubigen"

Zum Stichwort Taqiya fällt dem jungen Deutschen ein Erlebnis in Jordanien ein. Während des Ramadan war er dort bei Verwandten eines syrischen Freundes eingeladen, die sich als überzeugte Wahhabiten entpuppten. Ein Problem – denn Wahhabiten sind sunnitische Traditionalisten, die den Koran wörtlich verstehen und Schiiten als Ungläubige betrachten.

"Wir kamen zu spät", erinnert sich Vogt, "die Leute hatten schon gebetet, und wir kamen jetzt rein, und da hieß es: Ihr beiden geht mal rüber ins Zimmer, betet und dann kommt zurück. Ich bin währenddessen im Kopf schon durchgerattert: Mein Gott, wie betet man noch mal sunnitisch? Denn das habe ich wirklich nicht mehr im Kopf gehabt."

Sunniten und Schiiten beten unterschiedlich. Die Haltung der Arme und manche Worte sind anders. Vogt drohte deshalb als Schiit aufzufliegen. Den unangenehmen Nachfragen ist er an jenem Abend in Jordanien ausgewichen – ein klassischer Fall von Taqiya.

Keine direkte Lüge, aber auch nicht die Wahrheit

"Ich meinte dann: Ach, ich bin doch konvertiert, und was weiß ich denn schon? Und: Ich habe so einen Scheich in Berlin, und der erzählt uns immer – und so weiter. Das ist natürlich nicht die Wahrheit, es ist nicht eine direkte Lüge. Aber ich hätte auch direkt gelogen, weil ich tatsächlich fürchtete, dass ich ein Problem mit den Leuten kriege. Ich wusste nicht, wohin das führen sollte."

In akuter Gefahr den eigenen Glauben zu verleugnen, das ist der Kern von Taqiya. Das Wort selbst taucht im Koran nicht auf, nur an zwei Stellen finden sich verwandte Begriffe, die sich von dem arabischen Wortstamm für "Furcht" oder "sich fürchten" ableiten.

Der Umgang mit Bedrohung beschäftige aber nicht nur den Islam, sondern alle Religionen, sagt der Orientwissenschaftler Stefan Wimmer, der an der Universität München lehrt. Im Islam gebe es keine Pflicht zum Märtyrertod:

"Bei der Reconquista in Spanien, als die Inquisitoren da standen und den Leuten Schweinefleisch vorgesetzt haben, da haben Muslime, wenn sie sich nicht für das Martyrium entschieden haben, sondern für die Taqiya, das Schweinefleisch gegessen, haben katholische Gebete aufgesagt, blieben aber innerlich insgeheim Muslime. Genau das gleiche gibt es im Judentum, unter genau denselben Umständen auch."

Überlebensstrategie der muslimischen Minderheit

Besonders ausgeprägt ist die Taqiya unter den Zwölfer-Schiiten. Sie glauben an zwölf Imame, von denen Ali, der Schwiegersohn des Propheten Mohammed, der erste ist, und der letzte Imam bis heute im Verborgenen lebt. Mit elf Prozent stellen die Zwölfer-Schiiten unter den Muslimen weltweit eine Minderheit und waren als solche schon immer Verfolgungen ausgesetzt. Etwa zu Zeiten des Osmanischen Reiches, aber auch noch heute, sagt Werner Ende, emeritierter Professor der Islamwissenschaft an der Universität Freiburg:

"Wer dem IS in die Hände gefallen ist und unter dem Verdacht steht, Schiit zu sein, der wird wahrscheinlich auch sagen, dass er nicht Schiit, sondern Sunnit sei. Es gibt aber auch unterhalb dieser Schwelle schon Dinge wie etwa die Pilgerfahrt: um da nicht Anstoß zu erregen, auf bestimmte Dinge zu verzichten, die Sie als Schiiten erkennbar machen."

Das Gefühl, als Minderheit lieber still zu halten, kennt Scheich Mohamed Amer aus seiner Heimat Ägypten. Nur ein Prozent der Ägypter sind Schiiten, Anfeindungen seitens orthodoxer Sunniten gehören für sie zum Alltag. In Deutschland fühlt sich der schiitische Gelehrte sicher. Seit 30 Jahren lebt Mohamed Amer hier, er arbeitet als staatlich vereidigter Übersetzer und leitet die Torath-Gemeinde in Berlin-Neukölln.

Notlüge bei der Passkontrolle

Die Taqiya sei in ihrem Grundsatz ein gesamt-islamisches Prinzip, betont der 66-Jährige mit dem kurzen grauen Bart. Manche Sunniten wüssten nur wenig darüber: "Ich habe einmal mit einem Sunniten eine Reise nach Syrien gemacht in den 1980er-Jahren", erzählt Amer. "Und dann fragte er mich: 'Was ist Taqiya da bei euch? Das ist doch furchtbar, diese Sache!' Ich habe gesagt: 'Das erkläre ich dir nachher.' Und dann kamen wir am Flughafen an, und der Passkontrollmensch fragte ihn: 'Wo gehst du hin?' Es war ein Treffen unter muslimischen Gelehrten. Und da sagte er: 'Ich bin Tourist, ich wollte nur Syrien sehen.' – Er hat die Wahrheit nicht gesagt aus Angst. Und dann habe ich ihm nachher gesagt: 'Das ist die Taqiya, was du gemacht hast.'"

Als Notlüge sei die Taqiya in allen islamischen Rechtsschulen erlaubt, sagt Amer. Für Zwölfer-Schiiten beinhalte das Prinzip der Taqiya aber viel mehr. Es schreibe ein rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Andersdenkenden vor. Statt die eigenen Überzeugungen vor sich herzutragen, solle man besonnen und vorsichtig mit den Menschen umgehen: "Man darf etwas nicht tun, was die anderen nicht verstehen können, das ist die goldene Regel bei Taqiya. Was sie irritieren würde, darfst du nicht tun, auch wenn deine Rechtschule das erfordert."

Nur Zurückhaltung – oder bösartige Verstellung?

Diese Zurückhaltung wird Schiiten immer wieder als Verstellung ausgelegt – gerade beim Thema Dialog. Die Versöhnungsversuche zwischen Sunniten und Schiiten, die in den 1960er Jahren von der al-Azhar-Universität in Kairo ausgegangen waren, seien auch deshalb ins Leere gelaufen, erklärt der Islamwissenschaftler Werner Ende:  

"Diese Annäherung war im 20. Jahrhundert in manchen Bereichen sehr erfolgreich. Aber es gab da auch wieder sunnitische Hassprediger, die gesagt haben: 'Diese ganze Idee der Annäherung ist reiner Schwindel, betrieben von Schiiten. Die wollen den wahren Islam, den sunnitischen Islam, unterwandern.' Vor allem Wahhabiten haben gesagt: 'Das ist alles Verstellung, man kann ihnen nicht glauben.'"

Genau dieses Argument haben hierzulande die Islam-Gegner übernommen: Die Taqiya erlaube Muslimen, nach außen gemäßigt aufzutreten, um insgeheim das Abendland zu islamisieren, so lautet ihr Vorwurf. Professor Stefan Wimmer beobachtet diese Stigmatisierung von Muslimen seit Jahren. Neben seiner Arbeit an der Universität München ist er Vorsitzender der "Freunde Abrahams", einer Gesellschaft, die religionsgeschichtliche Forschung mit dem aktuellen interreligiösen Dialog verknüpft. 

"Es werden bestimmte Prinzipien gewählt und verzerrt und verdreht", sagt Wimmer. "Im Islam gibt es eine ganze Serie von solchen Begriffen, die eigentlich aus der Innensicht der Religion etwas Positives bedeuten, und es wird ein Schmähbegriff daraus gemacht."

Kritiker des Islam verdrehen religiöse Begriffe

Der Orientwissenschaftler nennt Beispiele: "Es wird behauptet, 'Jihad' würde heiliger Krieg bedeuten, 'Fatwa' wäre Todesurteil, 'Scharia' würde Hand abhacken bedeuten – das ist alles nicht wahr. Und so hat man den Begriff 'Taqiya' gewählt und daraus einen Schmähbegriff gemacht, hat ihn verdreht, – so als würde er bedeuten, Muslime hätten die religiöse Erlaubnis oder sogar Verpflichtung, sich zu verstellen, um den Islam zu verbreiten, um irgendwelche Vorteile herauszuschlagen. Und das ist ein sehr gefährlicher Mechanismus, weil wir gerade in Deutschland ja wissen, wohin das führt, wenn man mit anderen Religionen so umgeht."

Einer, der dies genau wusste, war der 2014 verstorbene Ralph Giordano. Zeit seines Lebens ein Mahner gegen den Antisemitismus, entwickelte der Schriftsteller in seinen letzten Jahren einen mitunter irrational anmutenden Hass auf den Islam. Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Aschaffenburger Gespräche 2007, die vom Fernsehsender Phoenix aufgezeichnet wurde, benutzt Giordano die Taqiya, um Aiman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, der Lüge zu bezichtigen.

Die Taqiya sei eine "koran-sanktionierte" Erlaubnis, sich zu verstellen, zu täuschen und zu lügen, so Giordano: "Das ist erlaubt, das ist die Taqiya. So. Ich bin Zeuge gewesen, wie Sie in die Kamera gesagt haben, die Scharia und das Grundgesetz seien miteinander vereinbar. Das, meine Damen und Herren, ist Taqiya in Reinkultur."

Bei solchen Angriffen wendeten sich erklärte Islam-Gegner nicht gegen Salafisten, sondern gegen den Islam insgesamt und Muslime im Allgemeinen, betont Stefan Wimmer. Mit dem Vorwurf der Taqiya würden ausgerechnet diejenigen Muslime, die sich besonders für Integration und Dialog einsetzten, zur Gefahr stilisiert, weil sie sich angeblich nur verstellten, erklärt der Religionsforscher.

Interesse als effektives Mittel gegen Hass

Maximilian Vogt glaubt, dass Vorurteile am besten im direkten Kontakt abgebaut werden: "Hier gibt es eine Schrebergartenkolonie nebenan, mit denen habe ich jetzt Berührungspunkte, weil wir selbst einen Garten hinten angelegt haben. Und das ist sehr unterschiedlich, die Leute wollen sich aber meistens austauschen und sind eigentlich interessiert."

Anfeindungen erlebe vor allem seine Frau, die ein Kopftuch trägt, sagt Vogt. Sie habe ihr Wirtschafts- und Informatik-Studium abgebrochen, um sich demnächst zur Hebamme ausbilden zu lassen, erzählt der vierfache Vater.

Sich mit Muslimen wie Maximilian Vogt zu verbünden sei noch immer das effektivste Mittel gegen den zunehmenden Hass in unserer Gesellschaft, davon ist Professor Wimmer überzeugt: "Wenn wir aber die ganz normalen Muslime unter Generalverdacht stellen – und dieser Schmähbegriff 'Taqiya' ist ein Paradebeispiel, wie das gemacht wird – dann können wir nicht gegen Extremismus vorgehen."

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