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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.10.2016

Premiere "Alles Walzer, alles brennt"Angriff von Rechts auf das rote Wien

Von Michael Laages

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Das Volkstheater in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
Das Volkstheater in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)

Christine Eder schildert am Wiener Volkstheater die dramatische Geschichte der ersten österreichischen Republik. "Alles Walzer, alles brennt" erzählt von vergessenen Heldinnen und ist doch nah am Puls der Gegenwart.

Der Nicht-Wiener lernt viel an diesem Abend – im Blick auf den allumfassenden Auf- und Umbruch vor allem, den die erste österreichische Republik nach der Ausrufung 1918 mit sich brachte in der Hauptstadt Wien. Bis heute ist das ja zu sehen: speziell in der Wohnbau-Architektur für die großen Massen der Bevölkerung, also in den auch architektonisch herausragenden "Gemeindebau"-Projekten jener Jahre, dem sozialen Wohnungsbau in Wien. Generell durchzogen soziale Belange, etwa in Gesundheit und Bildung, die Politik der aufstrebenden Sozialdemokratie; und auch die Gleichberechtigung der Geschlechter war ein zentrales Anliegen der Arbeiterpartei.

Christine Eders "Untergangsrevue" mit dem Titel "Alles Walzer, alles brennt" zeichnet das Panorama der Zeit mit historischem Material, aber auch um Frauengeschichten herum.

Adelheid Popp ist eine der vergessenen Heldinnen, aber auch Elisabeth von Windisch-Graetz, direkte Nachfahrin aus der Habsburger-Monarchie, die auf Thronrechte verzichtete und sich dem Kampf der Sozialisten in Wien anschloss. Ein dritte Frauenfigur, der Aktivistin Rosa Jochmann nachempfunden, komplettiert das Trio starker Frauen im politischen Strom der Epoche. Vom Untergang der K.u.k-Monarchie über den Aufschwung aus den Trümmern, wie ihn das "rote Wien" zustande brachte, bis zu dessen Zusammenbruch im beginnenden Austro-Faschismus des gewählten Diktators Engelbert Dollfuß erzählt Eders Show; bereichert um Songs der der jungen Wiener Pop-Frau Eva Jantschitsch, die in jüngster Zeit zum hippen Superstar der Wiener heran wuchs.

Bürgerkrieg und "Anschluss"

Der Abend ist frech und schnell und sieht auch ein bisschen aus wie mit sehr heißer kabarettistischer Nadel gestrickt – aber im Ergebnis funktioniert er gut und reißt sogar mit zu lang anhaltendem Jubel im Volkstheater. Wie die Republik vernichtet wurde in immer neuen Angriffswellen von Rechtsaußen, wie sie endete in einer Art Bürgerkrieg gegen die Reste der viel zu zögerlichen Sozialdemokratie – das ist ein politisches Drama, das sicher auch gerade heute wieder erzählt werden muss. Dieser Bürgerkrieg von 1934, sagt das Bühnen-Ich der alten Kämpferin Adelheid Popp (die im wirklichen Leben 1963 starb, arm und vergessen), sei viel schlimmer gewesen als der "Anschluss" an Nazi-Deutschland vier Jahre später; weil der, der Anschluss, vorhersehbar war – die brachiale Gewalt der heimischen Rechten gegen die Demokratie aber nicht. Da ist "Alles Walzer, alles brennt" plötzlich auch sehr aktuell.

Denn eine von Rechtsaußen herbei polemisierte Wahl-Wiederholung zum Beispiel, wie jetzt die zur österreichischen Präsidentschaft, gab’s auch damals schon … auch en détail ist das Volkstheater mit "Alles Walzer, alles brennt" nah dran am Puls der alten wie der neuen Zeit.

Informationen des Volkstheaters Wien zu "Alles Walzer, alles brennt"

Mehr zum Thema

Alles richtig gemacht? - Wien als Primus im sozialen Wohnungsbau
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 10.10.2016)

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