Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Montag, 15.10.2018
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.02.2009

Präzises Denken gegen plumpen Atheismus

Richard Schröder: "Abschaffung der Religion?", Herder Verlag Freiburg, 224 Seiten

Podcast abonnieren
"Abschaffung der Religion?" ist eine luzide Entgegnung auf Richard Dawkins. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
"Abschaffung der Religion?" ist eine luzide Entgegnung auf Richard Dawkins. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Mit "Abschaffung der Religion?" wendet sich Richard Schröder gegen Richard Dawkins und seine antireligiöse Streitschrift "Der Gotteswahn". Er nimmt die Religion vor ihren glühenden Verächtern und die Naturwissenschaft vor ihren glühenden Verehrern in Schutz. Beides geschieht mit derselben Empathie und Aufrichtigkeit.

Was religiöser Fanatismus ist, zeigen uns muslimische Selbstmordattentäter. Was "wissenschaftlicher Fanatismus" ist, zeigten uns stalinistische Säuberungspogrome und nationalsozialistische Menschenversuche. Die rote wie die braune Diktatur traten mit dem Anspruch auf, den neuen Menschen und eine bessere Welt mittels einer eigenen Werte-Ordnung zu erschaffen, wenn erst mal die Religion abgeschafft sei.

Richard Schröder, Professor für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität,Verfassungsrichter in Brandenburg, Präsident des Senats der Nationalstiftung Weimar, hat diesen Allkompetenzanspruch einer sich als atheistisch verstehenden Naturwissenschaft in der DDR erlebt und erlitten und - reibt sich die Augen: Das Projekt "Abschaffung der Religion" ist zurückgekehrt. Diesmal aus dem Westen. "Mit neuer Inbrunst und alten Argumenten", agressiv vorgetragen vom britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins in seinen Büchern "Das egoistische Gen" und "Der Gotteswahn".

Nach einem österreichischen Agnostiker (Peter Strasser: "Warum überhaupt Religion?", Wilhelm Fink, München/Paderborn 2008, 112 Seiten) widerspricht nun also auch ein evangelischer Christ den Geschichts- und Weltdeutungen, dem Gottes- und dem Menschenbild des Oxforder Religionskritikers Dawkins. Ein bisschen spät, Herr Schröder, könnte man mäkeln, aber nein: Das Reizvolle seiner luziden Entgegnung ist der spezifisch ostdeutsche Erfahrungshintergrund, sein "Deja Vu"-Erlebnis mit den gedanklichen Zirkelschlüsseln und Aporien im "atheistischen Marxismus ohne ein Gran Ethik", dessen Lenin sich rühmte.

"Dieses Buch möchte nicht bekehren. Weder zu 'der Religion' (die es gar nicht gibt) noch zum christlichen Glauben. Es möchte daran erinnern, dass jenseits naturwissenschaftlicher Forschung nicht etwa das freie Feld wilder Mutmaßungen beginnt, sondern auch dort die Sorgfalt des Denkens, der Wahrnehmung und des Unterscheidens unerlässlich ist", schreibt der Philosophieprofessor im Vorwort und dieses Versprechen hält er 224 Seiten lang ein. Das messerscharfe Unterscheiden und präzise Denken trainiert er mit seinen Lesern auf unterhaltsame Weise:

"Dawkins’ Singulare ‚der Atheismus’ und ‚die Religion’ sind sehr abstrakte Konstrukte … und er redet von ihnen wie von Dingen mit fixen Eigenschaften. Kupfer hat immer und überall dieselben Eigenschaften, aber kein Verhältnis zu ihnen. Menschen jedoch haben ein Verhältnis zu ihren Überzeugungen. Wenn Dawkins schreibt, dass 'wir und alle Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden', öffnet das ein Tor zu bedenklichen Assoziationen: Maschinen auseinandernehmen, umbauen, ausrangieren. Man kann 'die Religion' nicht bekämpfen, ohne leibhaftige Menschen zu treffen, denn Religion hat ihr Sein nun mal im Bewusstsein wirklicher Menschen."

Und denen ihr kulturgeschichtlich gewachsenes "Orientierungswissen" mit den vermeintlich plausiblen Daten des "Verfügungswissens" austreiben zu wollen, würde weder Religiosität noch christlichen Glauben "abschaffen", sondern den vielen Religionen nur eine weitere hinzufügen, legt der Autor dar.

Hat man als Leser auf den ersten 90 Seiten Richard Schröders feinsinnig polemischen Humor genossen, steigt man in den Kapiteln "Wissen, Meinen, Glauben" und "Atheismus" steil in den Heizungskeller der Erkenntnistheorie, der Philosophie und Theologie hinab, öffnet die Vorratsschränke der Griechen, des Mittelalters und der Aufklärung, kramt in Spinozas, Kants und Feuerbachs Schubladen nach Denkinstrumenten und - atmet dennoch niemals feuchtfromme Modrigkeit oder trockenen Gelehrtenstaub ein.

Richard Schröder kann nämlich plausibel machen, ohne populistisch zu sein und - er widerlegt vom "Gewaltpotential des Monotheismus", über die "Exklusivität des christlichen Wahrheitsanspruchs" bis zu Kreuzzügen und Hexenverbrennungen jeden atheistischen Vorwurf mit derselben intellektuellen Präzision, mit der er Richard Dawkins’ biologistischen Gen-Materialismus als letztlich menschenverachtend entlarvte.

"Den Satz von Karl Marx, dass der Mensch für den Menschen das höchste Wesen sei, kann man menschenfreundlich verstehen, nämlich negativ: Es darf für Menschen keine Ziele geben, denen sie Menschenopfer bringen. Man kann der These, nach der die Menschen sich selbst für das höchste Wesen halten sollen, aber auch im Namen vieler Religionen widersprechen, dass nämlich Menschen gerade darin ihre Würde haben, dass sie etwas Höheres als sich selbst anzuerkennen vermögen."

Ja, dies ist eine Streitschrift. Nein, dies ist kein Missionstraktat. Denn: Das Buch nimmt die Religion vor ihren glühenden Verächtern und die Naturwissenschaft vor ihren glühenden Verehren in Schutz. Beides mit derselben Empathie und Aufrichtigkeit.

Rezensiert von Andreas Malessa

Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen
Herder Verlag Freiburg, 2008
224 Seiten, 14,95 Euro

Buchkritik

Perry Anderson: "Hegemonie"Von Führen und Gefolgschaft
Buchcover vor einer verschwommenen Grafik einer Weltkarte. (Suhrkamp / imago / Ikon Images)

Der Gebrauch des Begriffs "Hegemonie" änderte sich von der Zeit der Griechen bis in die Zeit nach dem Weltkrieg, wie der britische Historiker Perry Anderson nachzeichnet. Ein kenntnisreiches, theoretisch dichtes und zudem auch sehr lesbares Buch.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur