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Tonart | Beitrag vom 13.04.2015

PräventionsprojektFitnesstraining für Musiker

Von Anke Behlert

Die Silhouetten von live spielenden Orchestermusikern sind am 05.02.2014 in Berlin auf dem Champagnerempfang Moët & Chandon Grand Scores im ehemaligen Kaufhaus Jandorf auf Leinwänden zu sehen (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Musiker sind prädestiniert für Haltungsschäden (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Musiker haben ein hohes Risiko für Haltungsschäden und Erkrankungen des Bewegungsapparats. Dem kann eine spezielle Therapie und Ausgleichsgymnastik vorbeugen. Das Landesjugendorchester Sachsen hat das zwei Jahre lang im Projekt "Fit für Musik" ausprobiert.

Hüpfen, klatschen, Arme, Beine und Finger kreisen, den Körper an- und entspannen: Aufwärmen vor der Probe gehört für die Teilnehmer des Probelagers des Sächsischen Landesjugendorchesters auf Schloss Colditz schon genauso dazu wie Essen und Schlafen. Stefan Berg, der selbst Geige spielt und Sportwissenschaften studiert hat, leitet das kurze Warm-Up:

"Das heißt, wir versuchen möglichst den ganzen Körper einmal durchzubewegen, weil es ganz klar, dass gut durchblutete Muskeln viel weniger schnell ermüden und deswegen freieres Spiel und längerfristig funktionierendes Spiel ermöglichen."

Psychische Entspannung durch einen durchtrainierten Körper

Stephan Berg ist beim Projekt "Fit für Musik" auch für die Ausgleichsgymnastik nach und zwischen den Proben zuständig. Dort werden die Muskeln, die beim Spielen gar nicht beansprucht werden, bearbeitet und die belasteten Körperteile gedehnt und entspannt.

"Die Ziele, die dahinter stehen, sind, dass sie zum einen bessere physische Ressourcen haben, um das Spielen durchzuhalten. Das ist bis zu acht Stunden am Tag, dafür braucht man physische Ressourcen. Und ein gut durchtrainierter und bewegter Körper ermöglicht auch psychische Entspannung und das wirkt sich auf das Emotionale aus."

Neben den allgemeinen und oftmals spielerischen Bewegungsangeboten ist auch die Dispokinesis ein Baustein des "Fit für Musik"-Programms. Das ist eine speziell für Musiker und Bühnenkünstler entwickelte Schulungs- und Therapieform, erklärt Herbert Bayer, der auf Schloß Colditz die Dispokinesis-Sitzungen leitet.

"Die Dispokinese geht davon aus, dass wenn ich Probleme hab in Haltung und Bewegung, ich das was ich musikalisch zum Ausdruck bringen will, nicht rüberbringen kann. Ich kann mich emotional nicht mehr so ausdrücken, weil ich meine Haltungs- und Bewegungsmöglichkeiten am Instrument nicht mehr zu Verfügung habe. An dieser Schnittschnelle tritt die Dispokinese ein. Über bestimmte Übungen gehen wir der Frage nach, was kann ich tun, damit es mir leicht fällt, aktiv zu sein. Wenn ich da mir klarer werden, das schafft Kompetenz und gibt mir die Möglichkeit mich freier zu bewegen und wieder mehr an meine Spielfreude heranzukommen."

Ungünstige und stereotype Haltungsmuster wie hochgezogene Schultern oder angezogene Ellenbogen werden den jungen Musikern bewusst gemacht und Alternativen aufgezeigt.

Neun, zehn Stunden ohne Schmerzen spielen

Annalena Leng ist 19 Jahre alt und spielt die Melodie-Instrumente des Schlagwerks. Die positiven Effekte von Dispokinesis liegen für sie auf der Hand.

"Das hilft total viel, wenn man weiß, wie stehe ich stabil und so, dass ich mich nicht verkrampfe, dass mir nichts weh tut, dass ich den Oberkörper frei hab und locker spielen kann. Wenn man gut steht und sich gut fühlt, dann spielt man gleich viel besser, das klingt auch ganz anders, als wenn man verkrampft ist."

Auch die Bratschistin Liv Ann Hoffmann findet das Programm "Fit für Musik" sehr hilfreich.

"Ich finde das auf jeden Fall eine lohnenswerte und gute Sache. Ich spiele in drei Orchestern und kann das auch ziemlich gut vergleichen. Ich habe Orchesterlager gehabt, da spielt man vier, fünf Stunden am Tag und hat Schmerzen danach gehabt. Und hier spielt man neun, zehn Stunden und hat überhaupt keine Schmerzen, wenn man diese Sachen mit besucht. Es hilft, das Lager gut zu überstehen."

Die Idee für das Projekt "Fit für Musik" hatte Ulrike Kirchberg. Sie ist seit 13 Jahren beim Sächsischen Musikrat und hat schon viele Orchesterlager betreut.

"Mir ist zunehmend aufgefallen, dass schon junge Menschen über Schmerzen klagen. Und dass bei uns auch ein besonderer Umstand ist, dass wir ganz konzentriert eine Woche zusammenarbeiten, unter ganz besonderen Bedingungen und auch in einem sehr intensiven Zusammensein. Da kommen auch bestimmte Schwierigkeiten zu Tage, wo ich mir Gedanken gemacht hab, wie kann man das kompensieren, wo kann man hier ein Angebot machen."

Fit ohne Fitnessstudio

Seit 2011 wird "Fit für Musik" Stück für Stück entwickelt, in Zusammenarbeit mit der AOK, die das Projekt auch finanziell unterstützt. Mittlerweile hat sich ein "Best Practice" etabliert, die Übungsstunden sind fest in den Tagesablauf integriert und werden gerne angenommen, sagt Ulrike Kirchberg.

"Bei den ersten Projekten war sehr große Skepsis da. Da waren vielleicht ein oder zwei, die haben gekuckt, und das war peinlich da hinzugehen. Das hat sich ganz schnell gesteigert, weil wir die ganze Zeit jemanden da haben. Die essen mit uns alle Mahlzeiten, die sind in der Freizeit dabei, sie sind immer ansprechbar. Da ensteht ein Vertrauensverhältnis, und das ist ganz wichtig, dass da nicht nur einer mal mittags eine Stunde vorbeikommt und dann wieder verschwindet, und wenn einem die Fragen einfallen, ist der nicht mehr da. Inzwischen gehört das total dazu. Wir sind ungeheuer froh und erkennen auch an der Resonanz, dass es der richtige Weg ist."

Die gelernten Übungen können den Jugendlichen auch im normalen Alltag helfen, wenn man doch mal wieder beim Spielen verkrampft oder auch bei Prüfungsstress. Dieses Bewusstsein zu wecken und Anstoß zu geben, ist ein Ziel des Projekts "Fit für Musik".

"Man muss in kein Fitnessstudio gehen, man muss kein Geld investieren, man muss nur mit sich diszipliniert umgehen und seine Körperwahrnehmung schulen und versuchen kleine Dinge in den Alltag zu integrieren. Das wollen wir ihnen mitgeben. Wir wissen, dass die einen sehr vollen Alltag schon haben. Und da kleine Bausteine integrieren, die nicht viel Mühe machen und wo sie aber merken, wenn sie das regelmäßig tun, dass sie dann einen längerfristigen Nutzen davon haben. Das ist eigentlich unser Ziel."

Bewegung und Musik sollten für Musiker zusammengehören

Ein bisschen haben die Organisatoren auch die Hoffnung, dass da eine neue Generation von Musikern heranwächst, bei denen Bewegung und Musik einfach zusammengehört. Im Moment kommt das Thema Musikergesundheit im Profibereich nämlich oftmals noch viel zu kurz, findet Friederike Flemming. Sie ist Bratschistin in der Dresdner Philharmonie und Tutorin beim Orchesterlager.

"Wenn man sich mit älteren Kollegen unterhält, ist das überhaupt kein Thema. Da wird nicht über Schmerzen gesprochen, da wird nicht über Fehlhaltungen gesprochen. Die haben aber genau so Probleme gehabt, wie wir es jetzt als Orchestermusiker haben. Das wird jetzt viel mehr thematisiert, dass das nichts schlimmes ist. Das ist ja wie bei Profisportlern, Fussballer werden massiert in der Pause, jeder Leistungssportler hat Physiotherapie parallel zur Ausbildung und das wäre eigentlich für den Musikerberuf auch angedacht."

Ulrike Kirchberg wünscht sich Nachahmer bei anderen Landesjugendorchestern und dass beim Thema "Fit für Musik" auch Eltern und Musikschulen noch mehr an einem Strang ziehen. Dann heißt es vielleicht in Zukunft öfter vor einer Probe:

"Augen schließen, auf die Zehenspitzen gehen und einmal wahrnehmen, wie sich der Brust, Rücknebereich anfühlt, Beine, Füße, Hände und langsam runtergehen... Vielen Dank, ich wünsche euch eine wunderschöne Probe..."

Mehr zum Thema:

Neue Spezialambulanz hilft kranken Musikern
(Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton, 15.04.2012)

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(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 31.03.2009)

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